«Toni Erdmann»: ein traurig-komisches Meisterwerk

Die Vater-Tochter-Geschichte «Toni Erdmann» mit falschen Zähnen und schrulligen Situationen begeisterte die Kritiker in Cannes. Für die goldene Palme hat es aber nicht gereicht. Nun kommt die Geschichte, in der ein Vater die Business-Welt seiner Tochter auf den Kopf stellt, ins Kino.

Seltsam anmutender Mann auf der begrünten Dachterrasse eines Hochhauses. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Winfried stürzt sich mit falschen Zähnen und Perücke in die ritualisierte Business-Welt seiner entfremdeten Tochter. Filmcoopi

Nach dem Tod seines alten Hundes reist der pensionierte Musiklehrer Winfried spontan nach Bukarest, um seine Tochter zu überraschen. Die erhoffte Nähe stellt sich jedoch nicht ein. Da verwandelt sich Winfried in den seltsamen Toni Erdmann.

Herausforderung angenommen!

Toni trägt eine Perücke und falsche Zähne, die hervorstehen wie bei Dr. Jekylls Alter Ego Mister Hyde. Vor allem aber kann Toni die taffe Ines in ihrer Business-Welt herausfordern. Er taucht überall auf, gibt sich wahlweise als Life-Coach ihres wichtigsten Auftraggebers aus oder als deutscher Ambassador.

«Toni Erdmann» (Trailer)

1:34 min, vom 14.5.2016

Ines nimmt die Herausforderung nach dem ersten Schrecken an, spielt mit und integriert diesen Toni Erdmann in ihre Business-Meetings, wo er einen seltsam positiven Effekt zu haben scheint.

Zwischen Entschlossenheit und Rückzug

Sandra Hüller als Ines und Peter Simonischek als Winfried/Toni haben Rollen und Szenen in diesem Film, die man nie mehr vergessen wird. Maren Ade ist das rare Kunststück gelungen, den tragischen, traurigen Clown glaubhaft und überzeugend in eine Business-Realität zu integrieren. Peter Simonischek spielt den Toni Erdmann als Winfried, nicht als Mr. Hyde.

Sowohl Hüller wie auch Simonischek führen ihre Figuren eng an der Linie zwischen wilder Entschlossenheit und jederzeitigem Rückzug entlang. Das hält den Film auf einem Spannungsniveau, das sich beim Publikum mehr und mehr in wildem Gelächter entladen muss.

Je trauriger die Realitäten, desto lustiger die Erkenntnisse. Den Sexismus, den Ines in ihrer Männerwelt eher nebenbei erfährt, dreht sie um. Ihren Untergebenen und Sexpartner/Freund demütigt sie so grotesk und einfallsreich wie ihre hübsche junge Assistentin. Aber mit den Interventionen von Toni Erdmann schärft sich ihr Blick und ihr Sensorium. Sie erkennt mehr und mehr die grotesken Seiten ihrer ritualisierten Power-Welt.

Frau ohne Kleider verschränkt ihre Arme vor ihrem Oberkörper. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ihre Kleider sind ihr einfach zu eng. Filmcoopi

Nie überschlägt sich die Komik

Maren Ade hat 2009 in Berlin für «Alle anderen» den grossen Jurypreis gewonnen. Birgit Minichmayr wurde für ihre Rolle in dem Film mit dem Darstellerinnen-Preis geehrt. In «Toni Erdmann» gelingt der Regisseurin ein Kunststück nach dem anderen.

Die sich steigernden grotesken und peinlichen, aber zugleich charmanten und wirkungsvollen Auftritte Tonis werden immer im richtigen Moment aufgefangen. Die Komik überschlägt sich nie. Der Schmerz wird immer stärker fühlbar.

Ist das Kleid zu eng, zieht frau es aus

Der Höhepunkt und die Katharsis für Ines wie für Winfried kommt mit einer Geburtstagsparty, welche Ines «zur Teambildung» in ihrer Wohnung ausrichtet. Ihr ebenso praktisch und wunderbar realistisch wie auch metaphorisch gefilmtes Kleid ist ihr zu eng. Darum verzichtet sie darauf. Sie empfängt die verdutzten Gäste nackt.

«Teambildende Massnahme?», fragt ihr Boss und muss sich erst mit einem Bier Mut antrinken, bevor er wieder auftaucht. Toni taucht auch wieder auf, in einer weiteren Verwandlung, zu der wir hier lieber nicht zu viel verraten wollen.

Filmkritiker flippen aus

Der emotionale Höhepunkt des Filmes passiert allerdings schon etwas früher. Toni platzt als angeblicher «deutscher Ambassador» in eine Familienparty. Er kapert ein elektrisches Klavier und nötigt Ines, die ihm gefolgt ist, zum Dank für die Einladung Whitney Houstons «The Greatest Love of All» zu schmettern.

Ganz offensichtlich ein Kindheitsritual zwischen Vater und Tochter, dem sie erst zögernd und dann immer hingerissener folgt. Szenenapplaus ist selten in den Pressevorführungen in Cannes, aber hier kam er in Wellen und mit Begeisterung, wie auch später noch einmal.

Ein guter Film? Ein Meisterstück!

«Toni Erdmann» ist ein Wurf von einem Film, ein traurig-komisches Meisterstück mit grossem Atem. Es trägt über seine fast drei Stunden, steigert sich und dann findet es sogar ein überzeugendes Ende.

Kinostart: 21.07.2016

Sendebezug: Kontext, SRF 2 Kultur, 20. Mai 2016, 9:02 Uhr

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • «Toni Erdmann»

    Aus Tagesschau vom 23.7.2016

    Die schwarze Tragikomödie der deutschen Filmregisseurin Maren Ade bekommt international durchwegs positive Kritik. Jetzt läuft «Toni Erdmann» auch in den Schweizer Kinos.