«Tschick»: Zwei Aussenseiter suchen die grosse Freiheit

14 Jahre alt – da darf man noch nach Herzenslust Blödsinn machen. Die beiden jugendlichen Helden der Bestseller-Verfilmung «Tschick» gehen aber noch weiter: Sie hauen in einem geklauten Auto ab. Das hat viel Herz und Humor.

Blick durch die Frontscheibe in ein Auto, wo zwei Jugendliche drinsitzen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Zwei Aussenseiter finden sich: Tschick sehnt sich nach Heimat, Maik nach Freundschaft. Also ziehen sie gemeinsam los. Lago Film/Studiocanal Film/Reiner Bajo

Maik Klingenberg (Tristan Göbel) ist ein typisches Kind unserer Zeit. Sein ängstlicher Charakter lässt auf eine überbehütete Kindheit schliessen, während er mit vierzehn Jahren von seinen Eltern alleingelassen wird.

Deren Ehe ist vermutlich nicht einmal mehr so viel wert wie die Zinsen für ihr Einfamilienhaus mit Pool. Die Mutter verbringt den Sommer in der Entzugsklinik. Der Vater geht mit seiner Assistentin auf «Geschäftsreise». Maik stellt sich auf langweilige Sommerferien allein zuhause ein.

«Tschick» (Trailer)

1:57 min, vom 15.9.2016

Auftritt Tschick

Doch dann kreuzt Tschick (Anand Batbileg) bei ihm auf. Tschick heisst eigentlich Andrej Tschichatschow, stammt aus dem tiefsten Russland, wohnt in einem der Hochhäuser in Berlin-Marzahn und hat einen geklauten Lada dabei.

Er ist der neue Mitschüler in Maiks Klasse und setzte sich vor den Ferien auf den einzigen freien Platz, den neben Maik.

Ein Mädchen sitzt zwischen zwei Jungen auf einem Felsvorsprung. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Aus langweiligen Ferien wird einen Abenteuer: Maik und Tschick treffen ein geheimnisvolles Mädchen. Lago Film/Studiocanal Film/Reiner Bajo

Ab in die Walachei

Ganz anders als der unscheinbare Maik wirkt Tschick verwegen und draufgängerisch. Aussenseiter sind sie jedoch beide. Deshalb wurden sie nicht an die Geburtstagsparty von Maiks heimlicher Liebe Tatjana eingeladen.

Wenn die beiden schon niemand will, dann können sie auch gleich abhauen. Das Ziel ist die Walachei, wo Tschick seinen Grossvater besuchen will.

Ein Auto steht auf einer Wiese umringt von Kühen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Huckleberry Finn hatte ein Floss. Maik und Tschick haben einen Lada. Lago Film/Studiocanal Film/ Reiner Bajo

Tschicks Sehnsucht nach Heimat trifft auf Maiks Sehnsucht nach Freundschaft. So können beide einander helfen. Sie fahren mehr schlecht als recht los und treffen – wie könnte es anders sein – unterwegs auf ein mysteriöses Mädchen (Nicole Mercedes Müller). Sie wird die Dritte im Bunde sein.

Wie Huckleberry Finn auf dem Mississippi

Fatih Akin ist Regisseur von Filmperlen wie «Gegen die Wand» und«Soul Kitchen». Er inszeniert diese Jugendgeschichte in starken, teils fast archaischen Bildern, die einen mitunter an Huckleberry Finns Flossfahrt auf dem Mississippi erinnern.

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Die erfolgreiche Romanvorlage

«Tschick» von Wolfgang Herrndorf erschien 2010. Der Roman erhielt zahlreiche Auszeichnungen und wurde in 24 Sprachen übersetzt. 2012/13 war die Bühnenadaption das meistaufgeführte Theaterstück im deutschsprachigen Raum. Für 2017 ist eine Opernversion angekündigt. Der Autor nahm sich drei Jahre nach der Diagnose eines Hirntumors 2013 das Leben.

Kein Wunder, denn Wolfgang Herrndorf, der Autor der Romanvorlage, hat sich unter anderem an Mark Twains Klassiker orientiert.

In einem Interview mit der FAZ gestand er, dass er beim Wiederlesen seiner Lieblingsbücher aus der Kindheit drei Gemeinsamkeiten festgestellt habe: «schnelle Eliminierung der erwachsenen Bezugspersonen, grosse Reise, grosses Wasser».

Grosse Gefühle mit schelmischem Humor

Das Wasser hat Herrndorf durch die Strasse ersetzt, aber die grossen Sehnsuchtsgefühle von Freiheit und Abenteuer vermag auch er zu wecken.

Herrndorf und Regisseur Akin brechen die grossen Gefühle aber immer wieder mit schelmischem Humor. Als Film funktioniert das so gut, dass man auch als Erwachsener im Kino grossen Spass hat.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Ein Roman und seine Karriere im Theater und im Kino

    Aus Kontext vom 15.9.2016

    «tschick» handelt von zwei Jugendlichen, die mit einem geklauten Auto abhauen. Dieser Roman hat den deutschen Autor Wolfgang Herrndorf innert Kürze berühmt gemacht. Seit seinem Erscheinen 2010 sind zunächst die Theaterbühnen auf den Stoff aufmerksam geworden.

    Nun hat Regisseur Fatih Akin das Roadmovie verfilmt. Ein Gespräch über das Phänomen einer universellen Pubertät und die Karriere eines modernen Buchklassikers.

    Kaa Linder

  • Tschick – Ein Erfolgsroman kommt in die Kinos

    Aus 10vor10 vom 9.9.2016

    Tschick ist ein Teenager und ein Literaturphänomen. Über zwei Millionen Exemplare des Jugendbuchs wurden bisher im deutschsprachigen Raum verkauft. Auch als Theater feiert die Geschichte über zwei Freunde auf der Fahrt durchs Leben sensationelle Erfolge. Ab nächster Woche ist der Film in den Kinos.