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Ein einfühlsames Porträt von Schweizer Konvertiten regt zum Nachdenken an
Aus Blickpunkt Religion vom 15.03.2020.
abspielen. Laufzeit 06:21 Minuten.
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Übertritt zum Islam Doku-Filmer: «Konvertiten nicht in die radikale Ecke drängen»

Über hundert Schweizerinnen und Schweizer konvertieren jährlich zum Islam. Im Dokumentarfilm «Shalom Allah» stellt Regisseur David Vogel vier von ihnen vor.

Der Film zeigt: Die Entscheidung, das muslimische Glaubensbekenntnis abzulegen, sorgt bei Mitmenschen oft für Unverständnis. Denn das negative Bild von Muslimen hält sich hartnäckig – warum also konvertieren hierzulande trotzdem so viele zu ihrer Religion?

David Vogel

David Vogel

Regisseur und Journalist

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Der Zürcher David Vogel hat Regie an der Hochschule für Fernsehen und Film München studiert. Er war als Journalist bei verschiedenen Radio-Sendern tätig, unter anderem bei Radio SRF 2 Kultur und dem Regionaljournal Zürich Schaffhausen. Seit 2020 macht er Podcasts für die Neue Zürcher Zeitung. «Shalom Allah» ist sein erster Dokumentarfilm.

SRF: Welche Vorbehalte hatten Sie selbst zu Beginn der Dreharbeiten?

David Vogel: Dass Konvertitinnen und Konvertiten im Umgang mit ihrer Religion sehr streng sind und sie eins zu eins umsetzen wollen. Dieses Vorurteil habe ich zum Teil auch bestätigt bekommen.

In einem gewissen Sinn bin auch ich konvertiert – vom Judentum zum Atheismus. Und einen Hang zum Dogmatismus habe ich auch bei mir beobachtet. Aber das pendelt sich meist ein. Der Umgang mit der eigenen Religion wird lockerer.

Für die Tochter war der Wechsel vom Christentum zum Islam keine grosse Sache

War es schwierig, Protagonistinnen und Protagonisten zu finden?

Sehr. Ich habe gespürt, wie stark die Musliminnen und Muslime unter dem Gefühl leiden, gesellschaftlich abgelehnt zu werden.

Die meisten haben nicht unterschieden zwischen mir als Filmemacher und den schlechten Erfahrungen, die sie teilweise mit den Medien gemacht haben.

Es gibt im Film Momente, die ein mulmiges Gefühl auslösen. Etwa, als die Tochter eines konvertierten Paares ebenfalls zum Islam konvertiert. Wie ging es Ihnen in dieser Situation?

Mir stockte der Atem, wir waren auf diese Nervosität und Anspannung nicht vorbereitet. Sie liess diese Konversion sprachlos über sich ergehen. Sie glaubte immer an Gott, und für sie war der Wechsel vom Christentum zum Islam keine grosse Sache.

Inzwischen ist sie älter und keine religiöse Muslima mehr. Für mich eine Bestätigung: Religiosität ist dynamisch. Sie kann sich verändern und tut dies auch – in jeder Religion.

Filmkritiker Michael Sennhauser über «Shalom Allah»

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Für seinen Dokumentarfilm hat David Vogel Menschen begleitet, die das muslimische Glaubensbekenntnis abgelegt und damit zum Islam konvertiert haben. Vogel dokumentiert und kommentiert seine Begegnungen mit Aïcha, Johan und der Familie Lo Mantos.

Zu einem starken Dokumentarfilm wird «Shalom Allah» dadurch, dass David Vogel sich seine eigene jüdische Jugend in Erinnerung ruft, seine allmähliche Distanzierung von der Religion und sein Hadern damit.

Der Film überzeugt, weil David Vogel seine (und unsere) Vorurteile nicht ignoriert, sondern angeht. Weil wir mit ihm dabei sind, wenn die Menschen, deren Weg er nachzeichnet, selber zweifeln – oder ihre Zweifel verdrängen und verarbeiten.

Sie haben Ihren Wandel vom gläubigen Juden zum Atheisten im Film thematisiert. Ist Ihnen das leicht gefallen?

Nein. Aber mir wurde klar, dass ich zeigen muss, weshalb mich die Frage nach der Konversion so interessiert. Weshalb ich mich mit diesen Menschen, die konvertiert haben, so solidarisiere.

Derart Stellung zu beziehen fiel mir enorm schwer. Im Film sage ich: «Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn.» Dazu zu stehen hat viel Zeit gebraucht.

Der Regisseur beim Beten.
Legende: Vom gläubigen Juden zum Atheisten: Im Film thematisiert David Vogel auch seinen eigenen Wandel. FIRST HAND FILMS / SRF

Was soll der Film «Shalom Allah» beim Publikum auslösen?

Ich habe eine ganz einfache Botschaft: Es ist nicht alles schwarz oder weiss. Grau ist unglaublich unsexy, aber das Leben zeigt sich nun mal in Graustufen.

Wir sollten genau hinschauen. Gerade bei Musliminnen und Muslimen, die konvertiert haben, hoffe ich, dass sie zu Brückenbauern werden können, wenn wir sie nicht zu sehr in die radikale Ecke drängen.

Das Gespräch führte Nicole Freudiger.

Kinostart: 13.8.2020

Sendung: Radio SRF 1, 13.8.2020, 16:12 Uhr.;

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23 Kommentare

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  • Kommentar von tom rosen  (tom rosen)
    Da über 90% der Weltbevölkerung einen Glauben benötigen um sich im Leben an eine Hoffnung klammern zu können, wird es kaum je eine entspannte Sicht auf Religion geben. Macht und deren Missbrauch, Manipulation, Entrechtung, Verblendung und endloses Leid wurde und wird im Namen unzähliger Götter über die gläubigen Schäfchen gebracht. Und die verteidigen ihre Peiniger mit dem Argument, wieviel Gutes im Namen ihres Glaubens getan wird. Als ob man nicht auch einfach aus Menschlichkeit Gutes tun kann.
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  • Kommentar von tom rosen  (tom rosen)
    Wenn Atheisten Dokus über Religionsthemen machen, schwingt natürlich eine kritische Grundhaltung mit. Wenn eine solche Doku von gläubigen Dogmatikern gemacht wird, ist Einseitigkeit vorprogrammiert. Zu welchem Verein man auch gehört, die anderen Vereine sind die Gegner. Ein simples Prinzip, dass in unserer von Wettbewerb, Neid und Erfolgsfokus vereblendeten Gesellschaft über alle Bereiche begeistert gelebt wird. Und wenn's mal nicht so klappt im Leben, dann wechselt man den Verein (oder Partner)
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  • Kommentar von Markus Hausammann  (Markus Hausammann)
    Konvertieren an sich IST radikal. Insbesondere zum Islam konvertieren ist ein radikaler Move inmitten der westlichen Gesellschaft. Ich kann das nicht anders sehen oder anders verstehen.
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