Halbzeit auf der Berlinale Von Gere und Hass: Die 67. Berlinale, verdichtet in sieben Filmen

Wir haben alles gesehen. Die glanzlose Eröffnung. Dann am zweiten Tag den ersten Star. Und zu guter Letzt: grosses Kino.

Video «Berlinale 2017» abspielen

67. Berlinale mit Richard Gere (67)

9:12 min, vom 13.2.2017

Keine Berlinale ohne Motto: In diesem Jahr hat Festival-Direktor Dieter Kosslick mit Blick auf die angespannte Weltlage «Unterhaltung mit Haltung» gefordert. Klingt etwas anstrengend. Doch das muss wohl so sein – schliesslich versteht sich die Berlinale als dezidiert politisches Festival.

Nur ein einziger Hollywoodstar im Wettbewerb

Trotzdem: Etwas mehr Glamour würde dem weltweit wichtigsten Publikumsfestival gut zu Gesicht stehen. Bloss ein echter Hollywoodstar ist in diesem Jahr im internationalen Wettbewerb von Deutschlands grösster Kulturveranstaltung zu bewundern. Sein Name: Richard Gere.

Ein Mann und eine Frau blicken in einem Nobelrestaurant ins Nichts. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Spielt in «The Dinner» Richard Geres irren Bruder: Steve Coogan. Tesuco Holdings Ltd

Gere spielt in Kammerspiel «The Dinner» einen einflussreichen US-Politiker, der sich mit seiner Frau, dem Bruder und dessen Gattin in einem piekfeinen Restaurant zu einem Krisengespräch trifft. Thema ist die fehlende Moral der eigenen Kinder.

Hassverbrechen im heutigen Amerika

Diese haben nämlich eine Obdachlose angezündet und – wie es sich fürs Smartphone-Zeitalter gehört – alles schön mit dem Handy gefilmt. Unrealistisch ist das leider nicht: Erst kürzlich ist in Berlin etwas ganz Ähnliches passiert.

Oren Movermans «The Dinner» serviert die Moral als schwerverdauliches Dessert, das gar nicht erst schmecken will. Am Schluss reisst der verstörende Film einfach mitten im Satz ab. Das zeigt Wirkung – wie ein plötzlicher Schlag in die Magengrube.

Gruppenbild aus dem Film «Es war einmal in Deutschland» mit dem Schweizer Anatole Taubman rechts. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Anatole Taubman (ganz rechts) in der Nachkriegs-Dramödie «Es war einmal in Deutschland». Filmcoopi

Schweizerische Festival-Akzente

Höchste Zeit für etwas Aufbauendes: Auch die Schweiz ist auf der Berlinale präsent – zumindest indirekt. Zum Beispiel mit den Schauspielern Anatole Taubman und Joel Basman, die in der überdrehten Tragikomödie «Es war einmal in Deutschland» zwei verfeindete Juden spielen.

Oder mit der helvetischen Koproduktion «Tiere», die in der Nebenreihe läuft.

Und dann ist da auch noch «The Last Portrait», eine komische Studie über das späte Schaffen von Alberto Giacometti. Herrlich, wie Charakterkopf Geoffrey Rush den charmant-widerborstigen Schweizer verkörpert.

Josef Hader sitzt halbnackt im Schnee mit einer Flasche Whiskey, einem Fisch und einem Koffer. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Saukalt ist's. Und saukomisch. Josef Haders Regiedebüt «Wilde Maus». Frenetic

Giacometti flucht, Hader hadert

Immer wieder übermalt er – laut fluchend – sein letztes Portrait; nie ist er mit seiner Strichführung vollends zufrieden. Der Film weiss dagegen zu gefallen – als leichte Unterhaltung, die sich angesichts fehlender moralischer Konflikte erst gar nicht gross um Haltung bemühen muss.

Seine Haltung längst verloren hat dagegen der grantige Musikkritiker, den der Österreicher Josef Hader in seinem Regiedebüt «Wilde Maus» spielt.

Zum Brüllen komisch, wie sich Josef Hader als suizidales Wiener Würstchen im Schnee inszeniert. Einmal mehr kristallisiert sich heraus: Punkto gewitzter Kino-Unterhaltung ist uns Austria immer noch weit voraus.

Eine Australierin in New York

Aber Halt! Eigentlich wollten wir ja «Unterhaltung mit Haltung». In Berlin findet man die oft in den Nebensektionen. Also versuchen wir es mit «Golden Exits», der jüngsten Regiearbeit von US-Independent-Film-Darling Alex Ross Perry.

Die junge Australierin Naomi sucht im fernen New York ihr Glück. Bis sie merkt, mit wieviel Inbrunst die hippen Grossstädter ihr eigenes Unglücklich-Sein kultivieren. «Golden Exits» ist ein typischer Alex-Ross-Perry-Film: Handlungsarm, aber ganz nah an seinen authentischen Figuren. Hier heisst das: die wunderbare Emily Browning sehen und sterben. Von der vom Festival geforderten Unterhaltung mit Haltung allerdings – keine Spur.

Drei Südafrikaner im intensiven Gespräch. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Entdeckung des Festivals: «The Wound» aus Südafrika. Urucu Media

Fruchtbares vom südlichsten Zipfel Afrikas

Ein letzter Versuch: «The Wound», der Eröffnungsfilm der Sektion Panorama. Gegen dieses südafrikanische Schwulendrama wirkt «Brokeback Mountain» wie Kinderkram. Dreh- und Angelpunkt der Handlung ist ein archaisches Beschneidungsritual, das aus Jungs Männer machen soll.

Das geht buchstäblich unter die Haut, auch weil die Handlung manche Überraschung bereithält. Die Stimmung kann jederzeit umschlagen: Mitgefühl, Begehren und Aggression liegen in diesem fiebrigen Film über Homosexualität, Homophobie und Männlichkeit ganz nah beieinander.

Unterhaltung mit Haltung – dank «The Wound» wird die diesjährige Berlinale ihrem hohen Anspruch doch noch gerecht.