«Vor Menschenhandel verschliesst man gerne seine Augen»

Die Serie «The Team» thematisiert Sklaverei und Menschenhandel in Europa. Das dänische Autorenduo Mai Brostrøm und Peter Thorsboe erzählt, wie es zu diesem Thema recherchiert hat, warum diese Art von Verbrechen nur selten Schlagzeilen macht und warum auch wir mitverantwortlich sind.

Das Autorenduo Mai Brostrøm und Peter Thorsboe. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Für ihre Krimiserien gewannen sie schon drei Emmys: Das dänische Ehepaar und Autorenduo Mai Brostrøm und Peter Thorsboe. Ditte Valente / POLFOTO

SRF: In «The Team» geht es um Prostitution, Menschenhandel und moderne Sklaverei. Und dies alles geschieht in Europa, vor unserer Haustür. Wie sind Sie auf diese Thematik gekommen?

Peter Thorsboe: Das begann vor vielen Jahren. Wir hatten eine vage Idee, etwas über die unsichtbaren Menschen in Europa zu machen – also Menschenhandel. Wir haben viel recherchiert und Polizeirapporte gelesen. Menschenhandel ist eine Art von Verbrechen, vor dem man gerne seine Augen verschliesst. Es gibt so viele traurige Geschichten aus diesem Bereich. Was wir eigentlich sagen wollen: Eine tote Prostituierte ist nicht einfach eine tote Prostituierte. Das ist ein Mensch. Da ist eine Geschichte dahinter.

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Mai Brostrøm & Peter Thorsboe

Das dänische Autorenduo und Ehepaar Mai Brostrøm und Peter Thorsboe zeichnet für viele erfolgreiche TV-Serien verantwortlich. Für «Unit One», «Protectors – Auf Leben und Tod» und «Der Adler» gewannen sie je einen Emmy. Ihre Geschichten und Charaktere sind oft nahe an der Realität und orientieren sich an wahren Begebenheiten.

Mai Brostrøm: Eine Polizistin sagte mir einmal: Es kommen so viele Leute nach Europa und alles, was sie mitbringen, ist die Hoffnung auf ein besseres Leben. Doch die meisten bekommen es nicht. Sie bleiben unsichtbar. Das hatte einen grossen Einfluss auf mich. Denn wenn man sich mal mit der Thematik befasst, sieht man überall diese unsichtbaren Menschen – und man weiss nicht, was man dagegen tun kann. Deshalb schrieben wir darüber.

Ich denke, «The Team» verdeutlicht das eindrücklich. In der Serie geht es auch um Frauen, die unter extrem schlechten Bedingungen Kleider nähen müssen. Das war für mich etwas, das vor allem in Südostasien stattfindet.

Mai Brostrøm: Das denken viele. Ein Polizist sagte mir, es sei viel günstiger, die Arbeitskräfte nach Europa zu bringen als die fertigen Produkte oder Kleider. Dahinter steckt eine grausame, berechnende Haltung, in der der Mensch nicht mehr als ein Kostenfaktor ist. Oft handelt es sich ja auch um Zwangsarbeit, bei der die Menschen praktisch gar nichts dafür bekommen.

«The Team»-Produzentin Kathrine Windfeld sagte einmal: «Alles was Peter und Mai schreiben, ist komplett durchrecherchiert. Und darum schlafe ich gut.» Offensichtlich machen Sie Ihren Job gut. Wie gehen Sie vor?

Mai Brostrøm: (lacht) Für diese Serie haben wir Europol kontaktiert und gefragt, ob sie uns helfen.

Peter Thorsboe: Europol sammelt ja Daten und Information zu Verbrechen aus ganz Europa.

Mai Brostrøm: Schliesslich haben sie uns eingeladen. Und wir konnten mit 25 Polizistinnen und Polizisten sprechen, die an unterschiedlichen Themen arbeiten. Wir wussten noch nicht, über was wir genau schreiben werden. Nur dass wir ein «Joint Investigation Team» haben mit drei Hauptcharakteren aus verschiedenen Ländern, die zusammenarbeiten. Irgendwie kamen wir aber immer auf das Thema «moderne Sklaverei» zurück, da es momentan so präsent ist.

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«The Team»

«The Team»

In «The Team» wird die Geschichte eines europäischen «Joint Investigation Teams» erzählt: Harald aus Dänemark, Jackie aus Deutschland und Alicia aus Belgien decken gemeinsam die Machenschaften einer der grössten und skrupellosesten Verbrecherorganisationen Europas auf.

Folgen 1 bis 7 von «The Team» sind bereits SRF.CH verfügbar.

Sind die Geschichten, die Sie in «The Team» erzählen, tatsächlich geschehen?

Mai Brostrøm: Natürlich haben wir dramatisiert. Auch basiert «The Team» nicht auf einer wahren Geschichte. Aber die Serie ist inspiriert von der Realität. Wir haben so viele Geschichten gehört bei Europol und wollten nicht einfach eine von diesen herausgreifen. Sagen wir es so: Wir erzählen nichts, das nicht auch geschehen könnte.

In «The Team» gibt es die Szene, in der eine Gruppe eingesperrter Chinesen in Unterhosen Fertigmenüs für chinesische Restaurants produziert. Das bleibt schon haften. Und man fragt sich im nächsten Restaurant: Wie wird mein Essen produziert?

Mai Brostrøm: Und das ist auch eine wichtige Frage. Es gibt so viele Dinge, die in unserem reichen Teil der Welt nicht möglich wären, wenn alle gerecht bezahlt würden.

Und das wollen Sie mit «The Team» ja auch zeigen. Aber schlussendlich bleibt es für viele Leute Unterhaltung. Damit die Welt besser wird, müssen wir unser Verhalten ändern.

Peter Thorsboe: Das ist so. Wir weisen ja nur darauf hin.

Mai Brostrøm: Zuerst muss man sich der Probleme bewusst sein. Das ist der Anfang einer jeder Veränderung. Hat man sich selbst eine Meinung gebildet und sagt vielleicht: Dies und das will ich nicht mehr, kann man mit anderen Leuten darüber sprechen. Oder mit Politikern. Aber eben: zuerst muss ein Bewusstsein für ein Problem entstehen.

Nicholas Ofczarek spielt in «The Team» den Bösewicht Marius Loukauskis. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Nicholas Ofczarek spielt in «The Team» den Bösewicht Marius Loukauskis. SRF/ZDF/Johan Voets

In der Serie wird das Problem vor allem durch den zentralen Bösewicht, die Figur Marius Loukauskis, verkörpert. Man hat fast das Gefühl: Wird er festgenommen, ist das Problem gelöst. Im echten Leben ist das leider nicht so einfach.

Peter Thorsboe: Eben nicht. Marius Loukauskis betreibt «nur» Menschenhandel. Dafür verhaftet zu werden, ist extrem schwierig. Wenn er zum Beispiel Drogen schmuggeln würde, wäre das viel einfacher.

Mai Brostrøm: Bei Europol hat man uns erzählt, dass viele dieser Leute extrem kreativ sind. Die ändern ihre «Geschäftsfelder» kontinuierlich. Und es gibt in Europa wirklich ein paar grosse Fische, wie Loukauskis einer ist. Im Übrigen sind wir davon überzeugt, dass die Figur Loukauskis dies auch zelebriert und zum Beispiel ein grosser Fan von Mafiafilmen ist. Solche Charaktere sind einfach interessant – und spannend zu schreiben. Diese Leute sind nicht nur Verbrecher. Auch sie haben Ängste.

Sind Sie eigentlich zufrieden mit dem Endprodukt «The Team»?

Mai Brostrøm: Ja. Wir haben so lange daran gearbeitet. Und es ist fantastisch, nun das Endresultat zu sehen. Natürlich haben wir uns bestimmte Dinge ganz anders vorgestellt. Aber so ist es, wenn man Fernsehserien schreibt: Man verbringt viel Zeit ein Skript zu schreiben, gibt es aus der Hand und vertraut dem Team, dass sie es gut umsetzen.

Peter Thorsboe: Ein wichtiger Faktor sind natürlich die Schauspieler. Während des Schreibprozesses ist es nicht vorhersehbar, was die noch in die Figuren hinein interpretieren. Natürlich gibt es immer ein paar Gewinne und ein paar Verluste bei der Transformation eines Skripts auf den Schirm. Aber ehrlich gesagt: Es sind mehr Gewinne.

Mai Brostrøm: Bei «The Team» war das Skript bei Drehbeginn bereits fertig. Bei früheren Serien schrieben wir fortlaufend, das heisst, wir schauten uns an, was gedreht wurde und schrieben dann weiter. Das war sehr inspirierend. Plötzlich sieht man, wie die Schauspieler die Charaktere interpretieren. Und dann kann man als Autorin die Geschichte anpassen oder neu schreiben. Für die zweite Staffel von «The Team» wissen wir jetzt aber viel mehr. Es war toll zu sehen, wie Schauspieler und Regisseure mit unserer Geschichte arbeiten und sie weiter bringen. Und das wird ins neue Skript einfliessen. Das Machen von TV-Serien erfordert viel Vertrauen, da man mit so vielen Leuten zusammenarbeitet. Aber schlussendlich wollen alle nur eines: die beste Serie machen.

Lesen Sie in Teil 1 des Interviews mit Mai Brostrøm und Peter Thorsboe, was sie am Schreiben von TV-Serien fasziniert.