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Zaghafte Mädchenrebellion in Saudi-Arabien
Aus Kulturplatz vom 10.04.2013.
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Film & Serien «Wadjda»: weibliche Revolution auf zwei Rädern

«Wadjda», der erste Langspielfilm Saudi-Arabiens, ist an der Oberfläche die Geschichte eines Mädchens mit einem ganz normalen Kindheitstraum. Gleichzeitig gibt der Film einen tiefen Einblick in die saudi-arabische Gesellschaft. Das geht unter die Haut.

In einer hochkonservativen Gesellschaft, wo Uniformität den Alltag prägt, tanzt ein Mädchen aus der Reihe: Statt weissen Socken in hübschen Sandalen trägt die 11jährige Wadjda Turnschuhe. Wadjda ist eben anders als ihre Kolleginnen.

Aber nicht nur wegen der Schuhe, vielmehr hegt sie einen verwegenen Traum: ein eigenes Fahrrad. Doch Fahrradfahren gehört sich für Mädchen in Saudi-Arabien nicht. Wenn sie Fahrrad fahre, könne sie keine Kinder bekommen, sagt Wadjdas Mutter.

Eine Sensation für Saudi-Arabien

Wadjda (Waad Al-Masanif) vor ihrem Wunschtraum, dem grünen Fahrrad.
Legende: Wadjda (Waad Al-Masanif) vor ihrem Wunschtraum, dem grünen Fahrrad. Razor Film

Wadjda ist eine Rebellin, hartnäckig stemmt sie sich gegen gesellschaftliche Zwänge. Um für das Objekt ihrer Begierde Geld zu sparen, verkauft sie auf dem Pausenhof Mix-Tapes mit westlicher Musik.

Als der illegale Handel auffliegt, kommt sie in die Bredouille. Doch sie lässt sich nicht beirren. Schliesslich will sie mit dem Fahrrad auch Abdullah beeindrucken. Den Nachbarsjungen, in den sie insgeheim verliebt ist.

Genauso unangepasst wie die Hauptdarstellerin des Films ist auch die Regisseurin Haiffaa Al-Mansour. Ihr ist mit «Wadjda» eine Sensation gelungen: der erste Langspielfilm Saudi-Arabiens. Ausgerechnet ihr, einer Frau.

Drehen trotz Religionspolizei

Al-Mansour stammt selber aus Saudi-Arabien. Sie weiss, was es bedeutet, mit Einschränkungen zu leben. Saudische Frauen dürfen weder wählen noch Autofahren und sind den Männern komplett untergeordnet. Mittlerweile lebt die Regisseurin im Ausland. Trotzdem war es für sie wichtig, den Film in ihrer Heimat zu drehen.

Dies war allerdings alles andere als einfach. Da sie sich als Frau nicht uneingeschränkt auf der Strasse neben Männern bewegen durfte, sass sie oft abseits in einem Zelt. Sie konnte die Dreharbeiten nur über einen Monitor beobachten und Regieanweisungen per Funkgerät durchgeben.

Oft wurde auch die Crew von Drehorten weggejagt, dann mussten sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder kommen oder sich gar eine andere Location suchen. Oder noch schlimmer: Die Religionspolizei tauchte urplötzlich auf. In solchen Momenten verzog sich Al-Mansour ganz schnell ins Produktionsauto. Zu Stande gekommen ist der Film schliesslich dank einer Berliner Produktionsfirma, eines lokalen Fernsehproduzenten und der Unterstützung eines Mitglieds der Königsfamilie.

Innenansicht einer geschlossenen Gesellschaft

Geschickt verwebt Regisseurin al-Mansour mehrere Frauengeschichten, die von Wadjda aber auch die ihrer Mutter. So entsteht eine echte Innenansicht aus unterschiedlichen Perspektiven dieser geschlossenen Gesellschaft.

Während Wadjda mit allen Mitteln ums grüne Rad kämpft, kämpft ihre Mutter um die Gunst ihres Ehemannes. Sie putzt sich zu Hause für ihn heraus. Doch dieser lässt sich immer seltener blicken. Da ihm Wadjdas Mutter keinen männlichen Nachkommen schenken kann, scheint er sich nach einer anderen umzuschauen. Diese schmerzhafte Realität ist in Saudi-Arabien gesellschaftlicher Konsens.

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Wieviel Autobiografisches hat Ihr Film, Haifaa Al-Mansour?
Aus Kultur Extras vom 10.04.2013.
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Öffnung statt Konfrontation

Die schlichte Geschichte ist sorgfältig komponiert. Sie wolle niemanden vor den Kopf stossen, mit ihrem Film keinen Anstoss erregen, erklärt die Regisseurin Al-Mansour. Sie wollte ganz einfach eine Geschichte aus ihrer Heimat erzählen.

Das ist ihr gelungen: «Wadjda» ist ein berührender Film. Aber nicht nur berührt er unsere Herzen. Es ist auch das authentische Bild der saudi-arabischen Gesellschaft, das unter die Haut geht.

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