Warum Geräusche und Stille auch einen Oscar verdienen

Wenn in der Oscar-Nacht die Preise für die technischen Kategorien verliehen werden, schaltet die halbe Welt um. Nicht aber diese Sound-Designer aus der Schweiz. Sie erzählen, was an ihrem Metier so faszinierend ist. Und warum gar kein Ton in vielen Fällen einen ausgezeichneten Film-Sound ausmacht.

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Der Sound von «Bourne Identity»

2:15 min, vom 22.2.2015

Hugh Gordon schiebt gleich zu Beginn unseres Gespräches eine DVD in den Player, schaltet das Bild aus und drückt «Play»: «Du wirst sofort erraten, was das für ein Film ist.» Tatsächlich braucht man kein Film-Fanatiker zu sein, um die Meisterleistung zu erkennen: das Atmen in einer Maske. Ein Zirren eines Roboters. Pompöse Musik. «Natürlich ist das Star Wars. Ben Burtt ist der Vater des modernen Sound Designs», erklärt Gordon.

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Die Nominierten

«Best Sound Editing»

  • American Sniper
  • Birdman
  • The Hobbit: The Battle of the Five Armies
  • Interstellar
  • Unbroken

«Best Sound Mixing»

  • American Sniper
  • Birdman
  • Interstellar
  • Unbroken
  • Whiplash

Burtt wurde bereits für vier seiner Arbeiten mit einem Oscar ausgezeichnet, in den Kategorien, die für Hugh Gordon und auch für Brian Burman am spannendsten sind: «Sound Editing» und «Sound Mixing». Gordon und Burman sind Audio-Spezialisten beim Schweizer Fernsehen.

Der Sound des Alls

Gordon nennt «Gravity» als gutes Beispiel, um die Arbeit der Tönler zu verstehen. Kein Wunder: Da wäre eigentlich gar nichts zu hören, der Film spielt im All. Doch Musik macht Explosionen, tiefe Vibrationen, Berührungen hörbar. Der Film klingt erdig und ausserirdisch zugleich. Und: «Mir fällt kein anderer Film ein, in dem Effekte, Musik und Dialoge derart verschmelzen», sagt Gordon.

Aus demselben Grund liebt Burman den Sound von David Lynchs «Eraserhead». «Da sind auf dem Soundtrack durch den ganzen Film industrielle Töne eingebaut.» Die Töne der Umgebung und die Musik seien so erstmals eins geworden.

Viele Töne auf tausend Spuren

Es sind gigantische Projekte, wenn Hollywood-Filme zum Klingen gebracht werden. Die Stimmen, die Klänge im Hintergrund, die Effekte, die Musik, alle Ton-Stückchen werden auf hunderten, teilweise tausenden Spuren organisiert. Das Allermeiste – um die 90 Prozent – entsteht nicht am Set, sondern im Studio. Da werden Dialoge nachgesprochen und Faustschläge durch Effekte ersetzt.

Den Oscar gibt es meist für die Effekte – deswegen seien es auch meist Science-Fiction-, Fantasy- oder Actionfilme, die gewinnen würden, sagt Burman. Die Effekte werden von sogenannten «Foley»-Künstlern selbst erzeugt oder kommen aus riesigen Effekt-Bibliotheken, wo aus unzähligen verschiedenen Gewehrschüssen, Ohrfeigen und Explosionen ausgewählt werden kann.

An einem Schnittplatz im Schweizer Fernsehen sitzt Brian Burman. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Audio-Experte Brian Burman. SRF

Früher waren diese Bibliotheken kleiner: Das führte häufig dazu, dass der Ton eines einzigen Gewehrschusses oder eines einzigen Faustschlages in Dutzenden verschiedenen Filmen vorkam. «Das ist vor allem bei Bruce Lee Filmen so», sagt Burman. «Da hat einer vielleicht einmal eine Karotte zerbrochen, was zum Ton für sehr viele Schläge wurde.»

64 Lautsprecher im Kino

Sind all die Effekte gefunden, die Musik aufgezeichnet und die Dialoge sauber, kommen die Mischer ins Spiel. Der Sound Mixer bestimmt, welcher Ton wann wie laut zu hören ist – und wo: Denn in den Kinos gibt es mehrere Dutzend Lautsprecher, die bespielt werden können. In diesen Kinos, ausgestattet mit einem System wie etwa Dolby Atmos, sind Lautsprecher nicht nur hinter der Leinwand und an den hinteren Ecken des Kinos platziert, sondern zusätzlich auch an der Seite und an der Decke. 64 verschiedene Lautsprecher können so angesteuert werden.

Der Ton eines Autos rast so an uns vorbei. Ein Streit findet hinter uns statt und – im Falle von Gravity – ein Musikinstrument erklingt einmal von rechts, einmal von vorne und einmal von oben.

Lautlose Sirenen

Die Kunst ist oft das, was man nicht hört. Eine Szene aus dem Film «Bourne Identity» illustriert das anschaulich (siehe Video): In der Mitte einer Verfolgungsjagd rasen zwei Polizeiautos mit sichtbar heulenden Sirenen um die Ecke. Sekunden zuvor hat man sie noch gehört, jetzt sieht man sie zwar – die Sirenen blinken – doch sie sind stumm. Im nächsten Bild erklärt sich die Entscheidung der Mischer: Zwei Motorräder der Polizei jagen ins Bild. Diese Sirenen heulen, sichtbar und hörbar.

Der Sound Editor hatte die Sirenen wohl für die Polizeiautos vorbereitet und auf eine Spur gelegt. Doch der Mixer hat sie unhörbar gemacht, um den Sirenen der Motorräder einen grösseren Auftritt zu geben.

Was man nicht hört, sei ganz allgemein oft, was den Ton eines Filmes gut macht: «Es gibt oft Effekte, auf die man super stolz ist, weil sie so anders, so neu klingen», sagt Gordon. «Doch die Töne stechen oft zu stark heraus. Sie unterstützen den Film nicht, oder unterstützen die Emotion nicht. Da muss man viel seiner Lieblinge herausschneiden.»