Warum wir 2050 noch ins Kino gehen

Für welche Filme verlassen wir künftig das heimische Sofa und gehen ins Kino? Dem «Kino der Zukunft» widmet das Zürcher Programmkino Xenix eine Filmreihe im Mai. Zu sehen sind zwar keine Filme aus der Zukunft, aber Filme, die gewisse Trends abbilden. So könnte das Kino der nächsten Jahre aussehen.

Kinosaal, in dem nur wenige Plätze besetzt sind. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wie lockt das Kino auch künftig noch Zuschauer in seine Säle? «Kino der Zukunft» sucht Antworten. Keystone

«Das Setting ist eine futuristische Metropole, in der es keine Natur mehr gibt, in der alle Leute mit fliegenden Autos umhersausen. Und in einer Hintergasse gibt es noch dieses Kino – dort trifft sich noch eine kleine Gruppe von Freaks, die sich Filme auf 35 mm anschaut. Und die schauen sich nun Barry Lyndon von Stanley Kubrick an, ein Film, der bei Kerzenlicht gedreht wurde. Und das Publikum sitzt vor Glück weinend im Saal.» So stellt sich der Filmwissenschaftler und -journalist Simon Spiegel eine Kinovorführung im Jahr 2050 vor. Spiegel ist Science-Fiction-Experte, er hat seine Dissertation über den Science-Fiction-Film geschrieben.

Vier Thesen zur Zukunft des Kinos

Auch Reto Bühler stellt sich vor, dass man im Jahr 2050 immer noch ins Kino gehen wird. Bühler hat für das Programmkino Xenix die Reihe «Das Kino der Zukunft» gestaltet. «Natürlich», sagt Bühler, «bin ich kein Hellseher.» Aber jetzt sei der richtige Moment, um das Kino wieder einmal genau zu beobachten, den aktuellen Trends nachzufühlen und sich Gedanken über den Zustand und sogar über die Zukunft des Kinos zu machen. Vier Thesen hat Bühler aufgestellt, wohin sich das Kino entwickle:

1. Dank der digitalen Revolution kann das Kino jede Form sprengen
2. Das politische Kino kehrt zurück
3. Dank der Demokratisierung wird das Kino internationaler
4. Das Kino kehrt zurück zum Wesentlichen

Die digitale Revolution kam schnell

In nur wenigen Monaten hat das Kino – fast unbemerkt von den normalen Besuchern – eine unglaubliche, fundamentale Veränderung durchgemacht, eine digitale Revolution erlebt. Filme werden nur noch digital produziert und (das ist für die Kinos viel grundlegender) nur noch digital projiziert.

Vorbei ist die Zeit der riesigen, surrenden Projektoren, in die man die grossen 35mm-Filmrollen einlegt. Filme werden ab Server gespielt. Das ist der bisher fundamentalste Einschnitt in die etwas über 100jährige Filmgeschichte, darin sind sich Bühler und Spiegel einig.

Demokratisierung von Kino und unglaubliche Bildräusche

Die digitale Wende hat grosse Auswirkungen. Sowohl auf die Produktion von Filmen, wie auch auf die Inhalte. Auch eine Demokratisierung findet statt – jeder kann Filme drehen, erste Filme, die ganz mit einem Smartphone gedreht wurden, haben schon den Weg an Filmfestivals und in Kinos gefunden.

Andererseits verlagert sich die Filmproduktion, vor allem von grossen, effektreichen, phantastischen Filmen, immer mehr in die Postproduktion. Gedreht ist schnell, der eigentliche Film wird danach am Computer gemacht. Effekte, Bilder, ja sogar Szenen und Bildausschnitte werden erst später gestaltet und eingefügt. Das Ergebnis sei nicht immer so toll, sagt Simon Spiegel – und Bühler fügt als Beispiel den Film «Enter The Void» von Gaspar Noé an, der im Programm des Xenix‘ zu sehen ist. Das sei ein unglaublicher Bildrausch mit grossartiger Kamera und wunderbaren Spezialeffekten. Aber leider mit einer hanebüchenen Story.

Reduktion aufs Wesentliche als Gegenbewegung

Genauso rasch wie diese unendlichen Möglichkeiten der Bildgestaltung ins Kino gekommen sind, hat sich das Publikum auch daran gewöhnt: Über phantastische Spezialeffekte staunen die Zuschauer immer seltener. Schliesslich können sie auf ihren Smartphones mit kleinen Progrämmchen schon selber Häuser, die sie soeben gefilmt haben, explodieren lassen. Wofür also lohnt es sich in Zukunft noch, ins Kino zu gehen, wie werden die Zuschauer weiterhin überrascht, wann verlassen sie noch staunend das Kino?

Dann etwa, so sind sich Bühler und Spiegel einig, wenn wir eine gute Geschichte erzählt bekommen. Das war immer so und das wird immer so sein. Als Reaktion auf die Überreizung setzen Regisseure wieder mehr auf die Kraft eines ruhigen Bildes und auf das Können ihrer Schauspieler. Filme wie «Yella» von Christian Petzold zeigen eindrücklich, wie das aussehen kann: Eine einfache Geschichte (eine Frau zwischen zwei Männern), sehr reduziert erzählt und ganz «altmodisch» mit den Schauspielern inszeniert. Darin liege die Gegenwart und die Zukunft des Kinos.

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