«Watermarks»: Briefe aus China jenseits der Klischees

Die ganze Welt schaut seit einigen Jahren nach China. Der Schweizer Luc Schaedler war für seinen Film «Watermarks – Three Letters From China» monatelang selber im Land. Er fand Menschen, die so gar nicht dem gängigen Bild der Chinesen entsprechen. Und merkte, dass nichts so bleibt, wie es war.

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Trailer zum Film «Watermarks»

1:40 min, vom 14.11.2013

Der Filmemacher Luc Schaedler ist hin gereist, um Bilder mitzubringen. Bilder von den sogenannten Lao Baixing. So werden in China die «einfachen Leute» genannt. Das sei in China ein gängiger und gebräuchlicher Begriff, erklärt der Filmemacher, der auch Ethnologe ist. Bei uns sei die Übersetzung in «einfache Leute» eher problematisch.

Geschichten ums Wasser

In drei unterschiedlichen Ecken hat Luc Schaedler solche Lao Baixing besucht, sie bei ihrem Alltag gefilmt und sie erzählen lassen. Das Wasser war dabei quasi der rote Faden in seinem Film – oder besser das rote Rinnsal. Da ist das junge Ehepaar im Norden Chinas. Der Mann ist Sohn von Bauern, die in einer praktisch wasserlosen Wüste überleben. Er selber möchte gern den Hof weiter führen, trotz der unwirtlichen Bedingungen. Die Frau möchte lieber in der (hunderte von Kilometern entfernten) Stadt leben und in den Kohlefabriken arbeiten. Und so pendeln die beiden hin und her. Er ist dort unglücklich, sie hier.

In einem staubigen und kargen Zimmer sitzt ein älterer chinesischer Mann im Schneidersitz auf einem Stuhl, sprechend, mit Zigarette in der Hand. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Bauer Wei Guancai, der mit seiner Frau in einem verlassenen Dorf in der Wüste lebt, wo früher einmal Wasser war. Xenix Films

Zweiter Schauplatz ist ein Dorf in einer unglaublich idyllischen Landschaft. Bewaldete Berge und Reisfelder bestimmen das Bild, das Dorf sieht aus wie aus dem chinesischen Bilderbuch. Doch hier schwelen tiefe Konflikte, die seit der Kulturrevolution bestehen.

Schliesslich führt uns Schaedlers Film noch nach Chongqing, einer Stadt mit über 20 Millionen Einwohnern. Hier am Jangtsekiang, dem längsten Fluss Chinas, trifft der Filmemacher zwei Protagonisten: eine junge Frau, die die Anonymität der Grossstadt schätzt. Und einen landesweit bekannten Umweltaktivisten, der unter anderem gegen den Dreischluchten-Staudamm kämpfte.

Fremdsein als Glücksfall

All diese Menschen erzählen vor der Kamera gern von ihrem Leben, ihren Alltagssorgen, ihren Beziehungskrisen, ihren Ängsten. Mit einer Offenheit, die erstaunlich ist und die unser Bild von einem stummen, gleichgeschalteten Volk korrigiert.

Bei den Gesprächen habe er den Eindruck gewonnen, die Leute hätten langsam genug vom Schweigen, erzählt Luc Schaedler. Und sie seien sehr glücklich gewesen, einem Schweizer Filmteam sehr offen gegenüber zu treten. Das Fremdsein sei dabei kein Hindernis, sondern eher ein Glücksfall gewesen.

Trinken und Rauchen hilft

Menschen stehen im knöcheltiefen Wasser, umgeben von grünen Felder, dahinter Karstgebirge. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Idylle trügt: Reisbauern im regenreichen Süden von China, unweit der touristischen Hotspots. Xenix Films

Luc Schaedler kennt Asien sehr gut. Er hat in Tibet schon seinen Film «Angry Monk» gedreht und hat mehrere Monate in Hongkong gelebt. Dennoch spricht er kein Chinesisch. Das sei kein grosses Problem gewesen. Nonverbales, Gesten, bestimmtes Verhalten und Intuition seien beim Knüpfen von Bekanntschaften mindestens so wichtig gewesen wie das Wort. «Durch die ständige staatliche Propaganda», so Schaedler, «sind die Leute dem Wort gegenüber misstrauisch geworden.»

Und so hat Schaedler während der Dreharbeiten zu Rauchen begonnen. Um im richtigen Moment den richtigen Personen eine Zigarette überreichen zu können. Solche Dinge seien enorm wichtig. Auch das gemeinsame Trinken bis zur Betrunkenheit: Die Männer im Dorf zwischen den Reisfeldern hätten sich nach einem wunderbaren Essen mit unglaublich viel Alkohol bereit erklärt, im Film mit zu machen.

Zusammenarbeit mit einem Sinologen

Natürlich hatte Luc Schaedler, Filmemacher und Ethnologe, bei den Dreharbeiten jemanden dabei, der fliessend Chinesisch spricht. Der Sinologe Markus Schiesser, der seit über einem Jahrzehnt in China lebt, begleitete das Filmprojekt, führte die Gespräche, übersetzte. Er beriet das Filmteam bei der Suche nach Menschen und Drehorten. Und ging auch mit, als Luc Schaedler mit dem fertigen Film im Gepäck diesen Sommer wieder nach China reiste. Zu jedem einzelnen der Protagonisten, um ihnen das Werk zu zeigen, um ihnen vorzuführen, wie sie und ihre Lebensumwelt in der Schweiz auf der Leinwand wirken. Und es ist typisch für China, dass Schaedler und Schiesser fast nichts mehr so vorfanden, wie es noch im Film zu sehen ist.

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