Wenn die Untergebene mit dem Chef …

Ein eigenes Filmgenre sind die «Workplace Comedies» zwar nicht. Dennoch ist die Filmgeschichte reich an Komödien, die Arbeitsorte und Arbeitsverhältnisse ins Zentrum ihrer Mechanik stellen. Was ist so lustig an arbeitenden Menschen?

Ein Mann, Röntgenbilder in der Hand haltend, neben ihm eine Frau in weissem Arztkittel, die an seinem Ohr knabbert. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Für einmal ist es die Chefin, die ihre Macht gegenüber dem Angestellten ausnutzt: Filmstill aus «Kill the Boss». Warner Bros.

Drei Angestellte fühlen sich von ihren Vorgesetzten drangsaliert und sinnen – mässig erfolgreich – auf mörderische Rache. Die Prämisse der US-Komödie Kill the Boss («Horrible Bosses», 2011) ist wirkungsvoll, aber sie basiert natürlich auf einem uralten humoristischen Prinzip: Seit jeher rütteln Autoren gerne an Hierarchien mit inkompetenten Menschen an der Spitze und darunter sympathischen, aber durchtriebenen Menschen in ihrem vermeintlichen Dienst.

Dieser Topos findet sich bereits in einer antiken Komödie wie «Pseudolus» von Plautus, wo der Sklave als erfinderischer Ränkeschmied eingeführt wird, während sein Besitzer ein naives Opfer der Umstände bleibt. Vergleichbares fand man dann auch 2000 Jahre später noch lustig, als die Bilder laufen lernten – aber natürlich hatte sich die Gesellschaft fundamental verändert.

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«Kill the Boss»

SRF zeigt Kill the Boss, die freche Komödie mit Starbesetzung, am Samstag, 7. Mai 2016 um 22:10 Uhr auf SRF 2.

Neue Arbeitsmodelle, neues Machtgefälle

«Arbeiter verlassen die Lumière-Werke» heisst der älteste Film der Gebrüder Lumière, uraufgeführt im Jahr 1895. Keine Komödie freilich, sondern ein einfacher, dokumentarischer Blick auf eine Pforte, die sich öffnet, worauf eine mehrheitlich aus Frauen bestehende Firmenbelegschaft nach draussen strömt. Das gewählte Sujet ist allerdings nicht banal, sondern brandaktuell: Fabriken sind zu dieser Zeit ein Novum, und die Tatsache, dass darin Frauen tätig sind, ist eine gesellschaftliche Entwicklung der jüngsten Zeit.

Dass sich die Darstellung von zeitgenössischen Arbeitsverhältnissen mit dem oben skizzierten «Herr und Diener»-Plot perfekt verschmelzen liess, entdeckte man in Hollywood spätestens mit der Einführung des Tonfilms. In «Baby Face» (1933) etwa schläft sich eine einfache Bankangestellte (gespielt von Barbara Stanwyck) im wahrsten Sinne des Wortes an die Spitze des Unternehmens. Hier kommt alles zusammen: ein moderner Wolkenkratzer, eine Frau in einer Führungsposition und ein lustvolles Kokettieren mit der Amoralität des kapitalistischen Geschäfts.

Der Kampf der Geschlechter mischt sich ein

Ganz generell ist es der Eintritt von Frauen in die Arbeitswelt, der das Aufkommen der so genannten «Workplace Comedies» befeuert: Drehbuchautoren können jetzt den beim Publikum seit jeher beliebten Kampf der Geschlechter beliebig mit dem Kampf von Unterdrückten gegen ihre Unterdrücker kombinieren.

Und die Publikumssympathie wird dabei wie gehabt streng im unteren Bereich der Hierarchie angesiedelt. Wenn also der Chef einem Verhältnis mit der Sekretärin nachgeht, dann ist es garantiert die Sekretärin, die die Zügel in der Hand hat. Frei nach Plautus sozusagen.

Beliebte Berufe kamen und gingen, und die Filmwelt bediente sich stets bei den Aufregendsten: Reporter und Polizisten hatten die neusten Autos und Fernsprechgeräte, Gangster und Detektive hatten Pistolen, Architekten gestalteten die Zukunft mit visionären Ideen, Ärzte hatten lebensrettende Skalpelle – besonders während dem Zweiten Weltkrieg – und neugierige Telefonistinnen hörten immer alle Gespräche mit.

Gearbeitet wird heute in Sitcoms

Über die Funktion des Telefons in der Filmkomödie allein liesse sich ein Buch schreiben, doch picken wir uns den Klassiker «Pillow Talk» mit Doris Day und Rock Hudson von 1959 heraus: Eine Frau und ein Mann müssen sich eine private Telefonleitung teilen. Sie ist geschäftstüchtig, er ein Tagedieb. Die daraus resultierende Komik ist bei allen sexuellen Anspielungen eher klassischer Natur, die Vorwegnahme einer «Home Office»-Arbeitsgesellschaft hingegen ist völlig neu.

In der heutigen Zeit sind Arbeitsorte als Komödienschauplätze – insbesondere die dicht bevölkerten Büros – hauptsächlich das Material von Sitcoms. Das Personal kann dabei von der frustrierten Personalchefin über den paranoiden Programmierer bis zum tröstenden Kantinenkoch reichen – so lange ein strapazierfähiges Machtgefälle besteht und die Geschlechter und Rassen dabei gemischt sind, ist jederzeit jede Form von Humor möglich, in unzähligen Varianten. – Daher, bitte, bringt die Bosse nicht um! Wir hätten weniger zu lachen.