«White God»: Der Aufstand der Hunde

Kein Mensch, sondern Hunde spielen die Hauptrolle in Kornél Mundruczós Drama «White God». Am Stadtrand von Budapest ausgesetzt, rächen sie sich in einer brutal-rasanten Verfolgungsjagd an ihren Peinigern. Beim Dreh spielten über 200 echte Hunde mit – das macht den Film extrem real und mitreissend.

Lili in blauem Kapuzenpullover mit Hund Hagen (braun) auf einer Wiese. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Lili zieht mit Mischlingshund Hagen zu ihrem Vater, der Hunde überhaupt nicht mag. Viktória Petrányi/Eszter Gyárfás

Ungarn geht vor die Hunde. So einfach und direkt könnte man Kornél Mundruczós Film interpretieren. Aber zu dem Schluss könnte man ja auch kommen, ohne den Film zu sehen. Und das wäre dann wirklich blöd. Denn was der Regisseur von «Delta» hier mit einem jungen Mädchen und über 200 Hunden auf die Leinwand bringt, ist einzigartig.

Trailer zu «White Dog»

1:38 min, vom 5.8.2015

Die vordergründige Story von «White God» (in der deutschen Version: «Underdog») ist simpel, eigentlich fast schon wie bei «Lassie Come Home»: Ein Mädchen verliert seinen treuen Hund. Der Vater hat ihn am Stadtrand ausgesetzt, weil Hunde in der Wohnung nicht erlaubt sind. Nun sucht der Hund das Mädchen und das Mädchen den Hund. Dabei durchlebt der Hund einen wahren Höllensturz und wird schliesslich zum Anführer einer blutigen Hunderevolution.

Mit «White Dog» verwechselt

Als Cannes-Chef Thierry Frémaux den Film im April 2014 für «Un Certain Regard» ankündigte, betitelte er ihn mit «White Dog» – ein verständlicher Fehler in Anbetracht dessen, dass die eigentlichen Hauptdarsteller Hunde sind. Ausserdem gibt es «White Dog» als Film maudit, von Sam Fuller, aus dem Jahr 1982.

Fuller drehte auf der Grundlage eines Romans von Romain Gary ein Melodrama über Rassismus. Der titelgebende Hund war ein Tier, das darauf abgerichtet worden war, Schwarze anzugreifen – und dem ein afro-amerikanischer Hundetrainer genau das abzugewöhnen versucht. Eine drastische Rassismus-Parabel, welcher Paramount damals aus Angst vor einer entsprechenden Debatte den Kinostart verweigerte.

Ein Hunderudel rennt auf offener Strasse, Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wilde Verfolgungsjagd durch die Gassen Budapests. Outnow

Unter Hunden wird der Hund stark

Mundruczó dreht das Konzept um. Der «White God» ist bei ihm der Mensch. Und der Hund, der den Glauben an seinen Gott verliert, der wird gefährlich. Das ist ein Konzept, das sich völlig natürlich anfühlt, und der Film entwickelt seine Geschichte auch so. Das Mädchen durchlebt dabei eine Serie von Abenteuern, die deutlich symbolkräftiger aufgeladen sind, als die des Hundes.

Der Hund wird als Hund gezeigt. Er erleidet ein nachvollziehbares Hundeschicksal in einem Land, in dem die Streuner zur Plage geworden und Hundekämpfe Alltag sind. Der Hund geht vor die Hunde. Und mit den Hunden wird er stark.

Natürlich und logisch inszeniert

Mundruczó hat mit einer professionellen Hundetrainerin gearbeitet. Das Haupttier hatte drei bis vier Doubles für verschiedene Szenen, und am Ende des Films rast tatsächlich eine Meute von über 200 Tieren durch die verlassenen Strassen der Stadt. Das ist nicht nur rein logistisch und technisch ein atemberaubender Effekt. Die Szenen sind auch dermassen natürlich und logisch inszeniert, dass man als Zuschauer gar nicht anders kann, als sich mitreissen zu lassen.

«White God» ist ein metaphorisch und symbolisch extrem aufgeladener Film, er manifestiert nicht zuletzt die westliche Angst vor den anstürmenden Underdogs der restlichen Welt. Aber auch die politische Lage Ungarns, die letztlich von der gleichen Angst beherrscht scheint. Dabei ist aber die symbolische Ebene nur ein Angebot unter vielen. Der Film selber funktioniert als Drama viel stärker, als man sich das in der ersten Stunde eingestehen mag.

Kinostart: 06.08.2015