Im Kino «Whitney: Can I Be Me»: Eine Frau zwischen Genie und Pop-Produkt

Warum musste Whitney Houston, eine der erfolgreichsten Sängerinnen aller Zeiten, so früh sterben? Ein neuer Dokfilm möchte beweisen, dass nicht nur Drogen zu ihrem Absturz geführt haben.

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Im Kino: «Whitney: Can I Be Me»

4:01 min, aus 10vor10 vom 29.6.2017

Bisher unveröffentlichte Aufnahmen von Whitney Houston zeigen intime Momente der Pop-Diva während ihrer letzten erfolgreichen Welttournee von 1999. Der österreichische Musik-Dokfilmer Rudi Dolezal begleitete Whitney Houston und ihre Crew damals mit der Kamera.

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Bildlegende: Whitney Houston auf ihrer letzten erfolgreichen Welttournee von 1999. praesens

In «Whitney: Can I Be Me» bilden diese Aufnahmen den roten Faden und zeigen die begnadete Sängerin in genauso emotionalen wie extremen Momenten.

Wahnsinn, mit welcher Intensität sie auf der Bühne das Publikum mitreisst und im nächsten Moment Backstage fast zusammenbricht.

Zwölf Jahre nach diesen Aufnahmen verliert die Welt die begnadete Sängerin für immer. Sie wurde nur 48 Jahre alt.

Ein gebrochenes Herz

Gleich zu Beginn des Films hört man eine Frauenstimme sagen: «Whitney sei an einer Überdosis gestorben. Ich weiss aber, dass Whitney Houston an einem gebrochenen Herzen gestorben ist.»

Damit will der Dokumentarfilm zeigen, dass die Gründe für Houstons Absturz viel komplexer sind. Es sei daher verfehlt, ihren Tod nur auf ihre Drogenprobleme zu schieben.

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Bildlegende: Pop-Prinzessin: «Wir wollten keinen weiblichen James Brown» Praesens

Pop-Prinzessin für die weisse Masse

Houstons Karriere begann wie im Märchen. Geboren nahe New York, in einem Ghetto von Newark, schaffte sie es dank ihrer unverwechselbaren Stimme, einer der ärmsten Gegenden der USA zu entfliehen.

Whitney Houston formte ihr Gesangstalent im Gospelchor. Durch ihre musikalischen Adern flossen Soul und R&B.

Auf Massentauglichkeit getrimmt

Als sie entdeckt wurde, wollten die Musikproduzenten aus ihr ein massentaugliches Pop-Produkt machen, das vor allem einem weissen Publikum gefallen sollte.

Dafür verschleierte man ihre Ghetto-Herkunft und entzog ihrer Musik jegliche afroamerikanischen Einflüsse. Alles, was sich zu sehr nach Funk, Blues oder R&B anhörte, wurde quasi aus ihrem Gesang entfernt.

Im Film bringt es ein Musikproduzent so auf den Punkt: Man wollte aus Whitney keinen weiblichen James Brown machen, sondern eine Joni Mitchell oder Barbara Streisand. Das Konzept ging auf – Whitney Houston wurde als neuer Star am amerikanischen Pop-Himmel gefeiert.

«Darf ich mich selbst sein?»

Mit über 170 Millionen verkauften Tonträgern ist Whitney Houston heute eine der erfolgreichsten Sängerinnen aller Zeiten. Der Film macht deutlich, dass sie für diesen Erfolg, ihre Wurzeln verleugnen musste und sich davon nie so richtig erholt hat. Deshalb der fragende Filmtitel «Whitney: Can I Be Me».

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Bildlegende: Bisher unveröffentlichte Backstage-Aufnahmen von Whitneys Welttournee 1999. Praesens

Regisseur Nick Broomfield erklärt, die Pop-Diva habe den Satz: «Darf ich mich selbst sein?» bei Musikproben so oft wiederholt, dass ihre Kollegen dieses Zitat aufnahmen und es in ein Lied einbauten.

Nichts beschönigt

Der Film konzentriert sich aber nicht nur auf Houstons Identitätsprobleme. Stattdessen benennt er weitere Gründe für ihren Absturz: der Druck ihrer streng christlichen Familie, die Ehe-Eskapaden mit Bobby Brown und natürlich auch ihre Drogensucht. «Whitney: Can I Be Me» beschönigt nichts.

Das wirkt teilweise wie eine Aneinanderreihung tragischer Sensationen. Doch etwas macht die Doku dadurch klar: Whitney Houstons Schicksal ist weit mehr als nur das eines Drogenopfers.

Filmstart: 29.06.2017

Sendung: SRF 1, 10vor10, 29.6.2017, 21:50 Uhr