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Drogen in der Idylle «Suot tschêl blau»: Als im Engadin Heroin kursierte

In einem Engadiner Dorf entdeckten rebellische Jugendliche in den 1980er-Jahren harte Drogen – ein Trend, der Todesopfer forderte. Der Dokumentarfilm «Suot tschêl blau» sucht nach Spuren und Gründen.

Samedan bei St. Moritz: ein heimeliges Dorf in malerischer Landschaft. Eine Geschichte, die sich vor rund 30 Jahren zutrug, und die sich so oder ähnlich auch in anderen Schweizer Dörfern abgespielt haben könnte.

Es ist die Geschichte einer Jugend, die rebelliert, die plötzlich mehr will als nur immer Schnee und Berge. Eine Generation, die aus Protest, Frust, Neugier oder Desillusion zu harten Drogen greift – und das mit absehbaren Folgen.

Eine Gruppe von Jugendlichen lehnt auf einem Stein.
Legende: Rebellion, Frust und Drogen: Die Sehnsucht nach Abwechslung wurde vielen Jugendlichen in Samedan zum Verhängnis. Alva Films

Eltern und Ex-Süchtige

Der Filmemacher Ivo Zen geht in «Suot tschêl blau» der Frage nach, was da eigentlich schiefgelaufen ist. Er nimmt sein Publikum mit auf eine Reise nach Samedan und spricht vor Ort mit Menschen, die sich daran erinnern, wie Freundinnen und Freunde sich in Zürich mit Stoff einzudecken begannen.

Eltern sprechen darüber, wie sie ihre Kinder an Drogen verloren. Auch Ex-Süchtige kommen zu Wort.

Der Regisseur Ivo Zen

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Ivo Zen wurde 1970 in Santa Maria im Münstertal geboren und wuchs dort auf. 2018 erhielt er den Preis des Migros CH-Dokfilm-Wettbewerbs und wurde zweimal mit dem Werkstipendium des Kantons Graubünden ausgezeichnet. «Suot tschêl blau» ist sein achter Film.

Interessante Zeugnisse

Dabei fällt auf: Das sind alles ausgesprochen sympathische Menschen. Sie reden offen und herzlich, manchmal sogar humorvoll über das, was vorgefallen ist. Sie haben ihre Trauer, ihre eigenen Erinnerungen, und sie bringen diese geistreich zum Ausdruck.

«Suot tschêl blau» ist nur schon deshalb ein gelungener Film, weil man diesen Menschen gern zuhört und sich sofort für sie interessiert: Diese Hürde packt nicht jeder Dokumentarfilm.

Ein Mann mit Beret steht im Keller und blickt auf einen Schreibtisch auf dem viele Erinnerungsstücke und Bilder stehen.
Legende: Der Vater des verstorbenen Jugendlichen Men-Duri erinnert sich: «Er war immer auf der Suche nach etwas, dem Leben ausserhalb der Gesellschaft.» Alva Films

Warum ausgerechnet Samedan?

Zwei Dinge tut der Regisseur Ivo Zen in «Suot tschêl blau» bewusst nicht: Er legt nicht didaktisch den Finger darauf, dass harte Drogen schädlich sind – das setzt er stillschweigend und elegant als Allgemeinwissen voraus.

Er hält sich auch nicht mit der Frage auf, warum die damalige alternative Jugendkultur einen derart suizidären Touch hatte – sondern er fragt eher, weshalb diese Kultur ausgerechnet in einem stillen Ort wie Samedan Fuss fassen konnte.

Audio
Zum Kinostart von «Suot tschêl blau»
aus Kultur-Aktualität vom 19.11.2020.
abspielen. Laufzeit 3 Minuten 27 Sekunden.

Notwendiges Aufarbeiten

«Suot tschêl blau» ist kein Film der langen Erklärungen, sondern ein Film, der sich in erster Linie um Erinnerungen und um Aufarbeitung dreht. Von einem leidigen Aspekt ist im Film immer wieder die Rede: Alle wussten im Dorf Bescheid, aber geredet wurde immer nur hinter dem Rücken der Leute.

Auch die Behörden schauten anscheinend weg. Die Menschen in diesem Film sprechen ganz offen in die Kamera – über Dummheiten, über verpasste Chancen, über innerste Verlustgefühle. Darüber, dass man über Drogensucht nicht schweigen sollte.

Ein grosser, weiter blauer Himmel mit Bergen im Hintergrund.
Legende: Idyllische Landschaft im Oberengadin: Platz der Ruhe und der Rebellion. Alva Films

Keine falsche Scham

Schliesslich funktioniert der Film auch wie eine Art Andenken für diese Menschen, die wohl nicht zuletzt gestorben sind, weil ihnen der Zeitgeist einen Strich durch die Rechnung machte.

Ein schönes Andenken ist es geworden: Mit eindrücklichen Bildern von verschneiten Landschaften, mit diskreter, aber wirkungsvoller Musik und mit einer rundum positiven Botschaft: Es gibt am Ende nichts, wofür man sich schämen müsste.

SRF 2 Kultur, Kultur Aktualität, 19.11.2020, 08:06 Uhr.

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Roland Ruckstuhl  (Roland Ruckstuhl)
    Ich weiss noch, wie es in Zürich war. Ich habe allerdings nicht gewusst, dass es in den heilen Schweizer Bergen ähnliche Tragödien sich abspielten. Mich hat dieser Film sehr berührt. Diese Geschichte ist es wert, erzählt zu werden und den Betroffenen eine Stimme zu geben. Und ein Tabu aufzubrechen, die niemandem Hilft.
  • Kommentar von Sandra Brunner  (Ds leba isch kai sugus;))
    Ufff… diese Doku bewegt. Danke für‘s Teilen und dem Regisseur fürs Zusammentragen und (ein)- ordnen von diesen Lebensgeschichten!
    Auch in den 80er, einem andern Ort in Graubünden, gab es ähnliche Situationen, aber nicht in diesem tragischen Ausmass, soweit ich mich erinnern kann.
    Wie der Regisseur bemerkt, waren wir auf der Suche, nach Anderem als Schnee, Berge und Tourismus. Aber es gab fast nichts. Dank Schutzengel gut gegangen.
    Komisch, heute fehlen Schnee, Berge, Einsamkeit…
  • Kommentar von René Rohr  (Bergbiber)
    Das könnte mir doch nicht passieren!
    Das ist leider ein Satz, welchen man immer wieder zu hören bekommt. Wer es nicht(wenigstens im engeren Freundes-/Familienkreis) selber erlebt hat, kann es sich manchmal gar nicht vorstellen.
    Ich komme aus einer Alkoholiker-Familie und weiss, dass es nichts ist was man bewusst in Kauf nimmt. Es ist einfach irgendwie passiert und betrifft nicht nur die sogenannte Unterschicht.

    Passt auf Euch und Eure Liebsten auf!