Zum Inhalt springen
Inhalt

Zum 125. von John Ford Im Westen was Neues

Keine blutrünstigen Wilden: Im Western «Cheyenne Autumn» (1964) zeichnete Regisseur John Ford die Indianer erstmals positiv.

Legende: Video Filmschatz: «Cheyenne Autumn» abspielen. Laufzeit 04:21 Minuten.
Aus Kultur vom 16.01.2019.

1. Die Western-Landschaft

Felsformationen im Monument Valley.
Legende: Das Monument Valley erstreckt sich von Arizona bis Utah. Keystone

«Mein Name ist John Ford. Ich mache Western.» So lautet das berühmteste Zitat des Regisseurs (1894 – 1973). Von seinen rund 130 Filmen waren 54 Western. Egal wo sie spielten, Ford drehte sie im Monument Valley (in Arizona und Utah) und kreierte dadurch die ultimative Landschaft des Wilden Westens.

Deshalb wollte der Italiener Sergio Leone seinen legendären Spaghetti-Western «Spiel mir das Lied vom Tod» (1968) auch dort drehen. Als ob erst das Monument Valley mit seinen charakteristischen Felsformationen einen Film zum Western machen würde.

2. Der edle Wilde

Indianer durchqueren einen Fluss.
Legende: «Cheyenne Autumn»: Little Wolf (Ricardo Montalban) führt seinen Stamm aus dem Reservat hinaus. imago/Prod.DB

Den von Rousseau geprägten «edlen Wilden» gibt es im frühen Western nur in einer Form: Wenn sich ein amerikanischer Ureinwohner, im politisch unkorrekten Genre-Jargon ein Indianer, auf die Seite der weissen Einwanderer schlägt.

Dass ein solches Individuum aus der Sicht seines eigenen Volkes zum Verräter wird, interessierte die ethnozentrischen, weissen Filmemacher nicht. Für sie galt ein Indianerfreund als Verräter.

3. Das Indianerbild Hollywoods

Für Hollywood waren Amerikas Ureinwohner lange bloss «rote Teufel», die den Fortschritt hemmen. Mit dieser Haltung glaubten die weissen Eroberer, den Genozid rechtfertigen zu können.

Erst in den 1960er-Jahren fing Hollywood an, die sogenannten «Red Indians» differenzierter zu zeichnen. Interessanterweise begann gleichzeitig der Niedergang des Westerns, dieses uramerikanischen Filmgenres.

4. Das Indianerbild in John Fords Western

Eine Gruppe Indianer streiten.
Legende: John Ford drehte die Flucht der Cheyenne im Monument Valley. imago/Prod.DB

In seinen frühen Western wie «Stagecoach» (1939) stellte John Ford die nordamerikanischen Ureinwohner als blutrünstige Wilde dar. Meist attackieren sie die Weissen aus nicht näher erläuterten Gründen.

Später machte Ford gewisse Zugeständnisse. So schrieb etwa der «Evangelische Filmbeobachter» 1965 über «Fort Apache» (1948): «Fords Film ist der erste Western, der das Recht des Indianers zur Sprache bringt und gleichzeitig die falsche Politik Washingtons anklagt.»

5. Das Indianerbild in «Cheyenne Autumn»

In «Cheyenne Autumn» (1964) gibt John Ford den Indianern ein Gesicht, viele zeigt er in ruhigen Nahaufnahmen. Den langen Marsch zurück in ihre Heimat schildert Ford aus ihrer Perspektive.

Mit diesem Film machte der Regisseur bewusst, dass der Völkermord an den Ureinwohnern auf wirtschaftlichen und rassistischen Gründen fusste. So klar hatte Ford das Verhalten der weissen Einwanderer nie zuvor kritisiert.

6. Die historische Grundlage von «Cheyenne Autumn»

Die Cheyenne-Häuptlinge Little Wolf (links) und Dull Knife in einer historischen Aufnahme.
Legende: Die Cheyenne-Häuptlinge Little Wolf (links) und Dull Knife in einer historischen Aufnahme. zvg

1878 war Little Wolf der «Sweet Medicine Chief» der Cheyenne. Von über 1000 Stammesmitgliedern hatten im kargen Reservat in Oklahoma nur 286 überlebt. Als Hilfe aus Washington ausblieb, wollten er und der Häuptling Dull Knife den Stamm zurück in ihr Heimatland in Wyoming führen. Hunderte von Kavallerie-Soldaten versuchten, sie davon abzuhalten.

Dieses Ereignis wurde «Cheyenne Autumn Trail» genannt und bildet die Basis für Mari Sandoz’ Roman «Cheyenne Autumn». Auf diesem Buch basiert John Fords Film. Die Wanderung erstreckte sich über 1500 Meilen. Trotzdem scheinen die Indianer im Film das Monument Valley – ausser in den wenigen Winterszenen – nie zu verlassen.

7. Navajo spielen Cheyenne

Die Cheyenne im Film sind in Wahrheit Navajo. Denn John Ford drehte fast alle seiner Western im Monument Valley, wo eben Navajo leben. Wenn sie in ihrer eigenen Sprache reden, machen sie oft schmutzige Witze, die nichts mit dem Film zu tun haben.

Etwa wenn ein Indianer sich über den winzigen Penis des weissen Filmhelden mokiert. Für das Navajo-Publikum waren Ford-Western darum primär Lachschlager und entsprechend beliebt. Gut möglich, dass dies die Rache der Navajo dafür ist, dass die amerikanischen Ureinwohner in den meisten Ford-Western schlecht wegkommen.

8. Mexikaner spielen Cheyenne

Vier Hollywood-Schauspieler in Indianer-Kostümen.
Legende: Vier gewinnt: Red Shirt, Little Wolf, Dull Knife und Spanish Woman. imago/Prod.DB

Dass Navajo Cheynne spielen, störte die Gemeinde der amerikanischen Ureinwohner nicht. Sie kritisierte jedoch, dass Ford die wichtigsten Rollen, die Häuptlinge Little Wolf und Dull Knife, den Mexikanern Ricardo Montalban und Gilbert Roland gab.

Auch die Häuptlingssquaw Spanish Woman wird von einer Mexikanerin gespielt: Dolores del Rio. Und Sal Mineo, der Red Shirt verkörpert, war Italo-Amerikaner. Zu Fords Entschuldigung muss gesagt werden, dass das Filmstudio auf dieser Besetzung beharrte.

9. Die Gemeinschaft

Berittene Soldaten im Wilden Westen.
Legende: Für John Ford das Sinnbild der Gemeinschaft: Die Kavallerie, hier in «She Wore a Yellow Ribbon». Sunset Boulevard/Corbis via Getty Images

Die Gemeinschaft war John Fords Kernthema. Sein Sinnbild dafür war die Armee. Männer, die zusammenhalten und durch Pech und Schwefel gehen. Mehrfach glorifizierte der Regisseur die berittenen Soldaten und ihre Offiziere als Helden.

Im Vergleich dazu wirken Fords Indianer oft wie eine Horde Dummköpfe. In «She Wore a Yellow Ribbon» (1949) etwa überlistet der von John Wayne gespielte Captain die Ureinwohner mit simplen Tricks, denen wohl kein realer Ureinwohner je zum Opfer gefallen wäre.

10. Frühe Rezeption

Die Kritiken waren gemischt. Die «New York Times» nannte «Cheyenne Autumn» wohlwollend «einen schönen und kraftvollen Film (…), eine fundierte und leidenschaftliche Geschichte über die schlechte Behandlung der Indianer».

Die «Variety» war deutlich weniger angetan: «Der Film ist eine weitschweifige, episodenhafte Schilderung eines historisch wenig bekannten 1500-Meilen-Marsches von Cheyenne-Indianern.»

11. Weitreichende Erfolge

Regisseur John Ford steht neben einem Kaktus.
Legende: John Ford in einer Drehpause im Monument Valley. imago/United Archives

John Ford hat vier Regie- und zwei Dok-Oscars gewonnen sowie zwei weitere Oscar-Nominierungen erhalten. 1960 erhielt er auf dem Hollywood Walk of Fame einen Stern. «Cheyenne Autumn» war 1965 zudem für einen Kamera-Oscar nominiert.

1973, im Jahr seines Todes, erhielt Ford den ersten «Lifetime Achievement Award» des American Film Institute. Als man Orson Welles nach seinen Vorbildern fragte, antwortete der berühmte Schöpfer von «Citizen Kane» (1941) bloss: «John Ford, John Ford und John Ford.»

12. Anfänge als Schauspieler

Regisseur John Ford mit Brille und Augenklappe.
Legende: Ford war auf einem Auge blind. Nach einer Operation (Grauer Star) hatte er den Verband zu früh entfernt. Keystone

Ford kam am 1. Februar 1894 als zehntes von elf Kindern zur Welt. Seinen bürgerlichen Namen Sean O’Feeny änderte er, um nicht gleich als Nachkomme irischer Einwanderer erkannt zu werden.

Ford folgte seinem älteren Bruder Frank, der sich Francis Ford nannte, nach Hollywood. Zwischen 1914 und 1916 spielte er in insgesamt 15 Filmen seines Bruders mit. 1917 führte John Ford beim Kurzfilm «The Tornado» erstmals selbst Regie. Der Rest ist Geschichte.

3 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.