Zwischen Japan-Chic und Swissness: Der Fantasyfilm «Polder»

Lange vor der Jagd auf Pokémons tummelten sich schon diverse Schweizerinnen und Schweizer im «Augmented Reality»-Spiel «Der Polder». Zum ursprünglichen Theaterprojekt gab es eine App, ein Konzept und diverse Performances. Jetzt läuft «Polder» im Kino: ganz schön ambitioniert und ganz schön clever.

Eine Japanerin mit rosa Perücke hält eine Frau im Arm. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Zwischen Japan-Chic und Swissness: Die Ästhetik des Films trägt dem allgemeinen Retro-Trend Rechnung. Filmkoopi

NEUROO-X heisst der IT- und Gamekonzern, der in «Polder» die Welt dominiert. Der visionäre Gründer Marcus ist verschwunden oder tot. Er versucht aber aus der von ihm geschaffenen virtuellen Welt heraus seine Witwe Ryuko mit den nötigen Informationen zu versorgen, um der skrupellosen Konzernführung das Weltdominationshandwerk zu legen.

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«Polder» – Der Trailer

2:32 min, vom 2.9.2016

Realität oder Spiel?

Dazu hat Marcus nicht nur in der virtuellen Welt Hinweise hinterlegt, sondern auch in der realen: Zettel, Rätsel, Aufzeichnungen. Ryuko muss den Passwortschutz des aus einleuchtenden Gründen «Klotz» genannten Uralt-Laptops von Marcus knacken.

Gelingt ihr das nicht, wird der Konzern ein neues Interface auf den Markt bringen, das den Menschen endgültig die Unterscheidung von Game und Realität verunmöglichen wird.

Zwischen den Welten

Kritik zu «Polder»

3:23 min, aus Kultur kompakt vom 01.09.2016

Gefangen im Game waren schon die Helden von «Tron». Und die platonische Vorstellung, dass unsere Realität eine Simulation sein könnte, hat «The Matrix» popularisiert.

Längst haben unzählige Filme versucht, diesen Grenzbereich zwischen Fiktion und Realität fassbar zu machen – im Prinzip ist jede Geistergeschichte seit Beginn der Menschheit zwischen Welten angesiedelt.

Film, Theater, App, Performances

«Polder» geht auf zwei Parallel-Projekte zurück. 2009 konzipierte Samuel Schwarz die Idee für einen Film und parallel dazu entwarf das von ihm mitgegründete Theaterkollektiv «400asa» ein Entwicklungsprojekt für «Alternate Reality Games» mit Schauspielern, einer App, Performances und Zuschauerbeteiligung.

Theater als multimediales Abenteuerspiel

4:51 min, aus Kulturplatz vom 13.11.2013

Schliesslich stellte sich heraus, dass die zwei Projekte eigentlich eines sein mussten. Die «Augmented Reality»-Veranstaltungen, die dann mit Hilfe unter anderem des Migros-Kulturprozentes 2013 mit viel Aufwand an diversen Orten der Schweiz stattfanden, waren zugleich Test- und Entwicklungslabor für Figuren und Situation des künftigen Films. Das gesamte Projekt heisst übrigens «Der Polder», der Film bloss noch «Polder».

Wider die Förderprinzipien

Es ist einerseits diese Entwicklungssituation, welche Polder von vielen ähnlich gelagerten Filmen unterscheidet. Die gleichzeitige Entwicklung diverser Elemente zusammen mit den Usern über einen längeren Zeitraum hinweg widerspricht allen gängigen Förder- und Finanzierungsprinzipien.

Diese laufen noch immer entlang von festen Stationen wie Drehbuchentwicklung, Drehbuchförderung, Projektentwicklung, Projektfinanzierung oder Auswertung ab.

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Polder

Der Begriff Polder – in Norddeutschland auch Koog – ist ein von einem Deich geschütztes Landstück unter dem Wasserspiegel des angrenzenden Gewässers. Gemäss John Clutes Fantasy-Enzyklopädie ist ein Polder eine Enklave verstärkter Realität, welche klar von der allenfalls feindseligen Umgebung abgegrenzt ist.

Die Game-Industrie hat sich hingegen längst von diesem Modell gelöst: Alles muss von Anfang an finanziert werden, Konzepte dürfen sich weiterentwickeln, Ziele können sich verändern.

Ein kleiner Schritt voraus

Auch uns, dem Publikum, sind die «Polder»-Macher mit dem Film einen kleinen, aber entscheidenden Schritt voraus. Diesen Vorsprung braucht es, um zu überraschen.

Der Film beginnt nur milde verwirrend und entpuppt sich dann sehr schnell als klassisches, fast linear erzähltes «Point and Click Adventure». Ryuko muss Dinge finden und Rätsel lösen.

Ausflüge in virtuelle Zonen, in denen sich auch Marcus tummelt, wechseln ab mit der aktuellen Erzählzeit und Rückblenden in die Start-up-Zeit des Unternehmens.

Japan-Chic und Swissness

Zwei Frauen schweben über dem Schnee. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Ausflug in die virtuelle Zone: In «Polder» vermischen sich Realität und Game-Welt. Dschoint Ventschr Filmproduktion

Die Ästhetik des Films und der Gamewelt trägt dem allgemeinen Retro-Trend Rechnung. Das hilft nicht nur beim Erzeugen von Vertrautheit mit Aspekten dieser Welten, sondern nimmt dem Ganzen auch noch seinen Science-Fiction-Charakter.

Zwischen Japan-Chic und augenzwinkernder Swissness ist so nicht nur ausstatterisch eine riesige Spielwiese entstanden.

Aber das alleine würde ja nicht ausreichen. Darum wechselt der Film nach ziemlich genau einer Stunde die Realitätsebene auf erwartbare, aber doch verblüffend konsequent durchdachte Weise.

Und am Ende noch einmal, schockartig und düster. Mehr soll hier nicht verraten werden.

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SRF-Koproduktion

Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) hat diesen Film koproduziert.

Endlich im Kino

Jetzt kommt «Polder» fast zwei Jahre nach seiner Premiere am Neuchâtel International Fantastic Film Festival NIFFF endlich ins Kino. Damit haben Produzenten und Verleih hoch gepokert.

Aber mit der überraschenden und globalen «Pokémon Go»-Welle dieses Jahres ist das Konzept der «Augmented Reality» beim breiten Publikum angekommen.

Das dürfte nun auch dem Film «Polder» zu Gute kommen. Schliesslich erzählt er genau davon, wo das alles hinführen könnte.

Kinostart: 1. September 2016.