Zum Inhalt springen

Header

Audio
Ein Jahr nach dem Brand im Nationalmuseum Brasilien
Aus Wissenschaftsmagazin vom 21.09.2019.
abspielen. Laufzeit 07:47 Minuten.
Inhalt

1 Jahr nach dem Brand in Rio «Es gibt kein Interesse an unserer Kultur»

Vor einem Jahr ging das Nationalmuseum von Rio de Janeiro in Flammen auf. Wissenschaftler und Studenten kämpfen für einen Neuanfang.

Auf dem Unterarm von Beatriz Hörmanseder steht das Gebäude noch: Ein Tattoo zeigt in feinen schwarzen Linien die Fassade im neoklassischen Stil, drei Stockwerke, hohe Fenster, Balustraden, flankiert von zwei imposanten Seitenflügeln. Es ist der ehemalige Arbeitsplatz der brasilianischen Paläontologin.

Darunter steht die Nummer MN 7712-V. Sie steht für ein über 110 Millionen Jahre altes Krokodil-Fossil aus dem nordbrasilianischen Bundesstaat Ceará.

Hörmanseder hatte es mit Säure, Pinsel und Zahnstocher aus dem Gestein befreit, überzeugt, dass es sich um eine noch unbekannte, neue Spezies handelte. «Drei Jahre habe ich daran gearbeitet. Drei Jahre, die dann in Flammen aufgegangen sind.»

Es ist der Brand, der Brasiliens Nationalmuseum, die wichtigste Sammlung für Naturkunde und Ethnologie ganz Lateinamerikas, zerstörte.

Das Archiv umfasste 20 Millionen Exponate, darunter die Schädelknochen von Luzia, dem 12.000 Jahre alten Fossil eines Homo Sapiens. Der über 5 Tonnen schwere Meteorit Bendego. Und ein Archiv mit Tonaufnahmen längst ausgestorbener indigener Völker.

2018 feiert das Museum sein 200-jähriges Bestehen – dann kam die Nacht des 2. September.

Feuerwehr ohne Wasser

Das Feuer bricht nach Besuchsschluss aus, Sonntag um etwa 19 Uhr. Als der Museumsdirektor Alexander Kellner zwei Stunden später zum Museum kommt, brennt es bereits lichterloh.

Video
Aus dem Archiv: Nationalmuseum in Rio von Feuer zerstört
Aus Tagesschau vom 03.09.2018.
abspielen

Die Feuerwehr steht hilflos daneben, erinnert sich Kellner: «Sie hatten kein Wasser! Die Hydranten funktionierten nicht.» Gemeinsam mit Kollegen rennt Kellner los, doch viel können sie nicht mehr retten. In nur wenigen Stunden sind Millionen Jahre Geschichte verbrannt. Zu Asche, zu Staub.

Das sei eine Metapher für den Zustand der Stadt, ja des ganzen Landes, findet nicht nur die Wissenschaftlerin Tatiana Roque. Bereits 2013 habe das Museum eine dringende Renovierung beantragt, doch während Abermillionen in die Stadien der Fussball-WM flossen, wurde bei Wissenschaft und Kultur gekürzt.

Dahinter stecke ein bewusstes Missmanagement: «Es gibt kein Interesse an unserer Kultur, an unserer Geschichte und am kollektiven Erinnern.»

Solidarität aus dem Ausland

80 Prozent der Sammlung fielen dem Brand zum Opfer: Die Meteoriten konnten gerettet werden, die botanische Sammlung, Dinosaurierskelette und ägyptische Mumien. All das muss restauriert werden.

Umgerechnet rund fünf Millionen Franken – teils vom Staat, teils aus Spenden – stehen bisher für den Wiederaufbau vor allem des Gebäudes bereit, sowie für Vorprojekte neuer Ausstellungen.

Kellner hofft, dass das Museum 2024 seine Türen öffnen kann.

Luftaufnahme des zerstörten Museumsgebäudes. Im Hintergrund ein modernes Fussballstadion
Legende: Geld gibt es für Fussball, aber nicht für Kultur: Das zerstörte Nationalmuseum in Rio de Janeiro. KEYSTONE / AP / RENATO SPYRRO

Es ist nicht nur die Sammlung, die ihr Zuhause verloren hat, auch die Forscher selbst. 90 Wissenschaftler, über 200 Techniker, 500 Studierende wie Beatriz Hörmanseder.

«Wir haben alle viel geweint», sagt sie, «aber es gab auch eine grosse Solidarität.» Ein Stipendium vom Smithsonian Institut ermöglichte ihr, ihre Arbeit in den USA fortzusetzen – wenn auch mit neuem Forschungsmaterial.

Der Verlust von MN 7712-V, ihrem ersten Fossil wird sie für immer begleiten. Als Tattoo, eingeschrieben in ihre Haut. Inzwischen ist daraus ein ganzes Projekt entstanden: «Museu na Pele, Link öffnet in einem neuen Fenster», zu Deutsch: Museum auf der Haut.

80 Professoren, Beamte und Studenten haben bereits mitgemacht, erzählt Hörmanseder: «Für viele ist es das erste und wahrscheinlich auch einzige Tattoo in ihrem Leben.»

2 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Urs Rösli  (Ursus-Beatus)
    Ich denke, der Titel "Es gibt kein Interesse an unserer Kultur" ist völlig korrekt. Einen Tag nach dem Brand von "Sacré-Coeur" standen bereits 1 Milliarde € zur Verfügung. Zu den Spenderinnen gehört auch die brasilianische Milliardärin Lily Safra. Und zum Brand des Nationalmuseums von Rio de Janeiro lese ich: "Umgerechnet rund fünf Millionen Franken stehen bisher für den Wiederaufbau vor allem des Gebäudes sowie für Vorprojekte neuer Ausstellungen bereit."
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Sebastian Demlgruber  (SeDem)
      Zum Glück steht Sacré-Coeur noch unbeschädigt in Paris, und für den Wiederaufbau von Notre-Dame stand nicht „einen Tag nach dem Brand bereits eine Milliarde € zur Verfügung“ - übrigens auch Tage und Wochen später nicht. Doch was kümmern schon die simpelsten Fakten; man kann im Internet ja behaupten, was man will.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen