Am 100. Todestag Antoni Gaudís besucht Papst Leo XIV. die Basilika Sagrada Família: Er segnet ihren letzten Turm namens «Torre de Jesuchrist»: Mit 172.5 Metern ist er neu der höchste Kirchturm der Welt.
Genauso einen Leuchtturm für den Katholizismus wollte Gaudí bauen. Dafür wird er vermutlich bald seliggesprochen. Zur Ehre Gottes setzte der geniale Architekt auf neueste Technik, Elektrizität für viel Licht oder Stahlbeton für viel Höhe. Für die Sagrada Família opferte Antoni Gaudí alles – und lebte wie ein Bettelmönch.
Gegen die Sünden der Moderne
Als zölibatärer Laie trat Gaudí nicht in ein Kloster ein, besuchte aber fast täglich die Messe und betete intensiv, bevor er an die Arbeit ging.
Ab 1883 übernahm Gaudí die Leitung und Planung der Basilika Sagrada Família. 43 Jahre – bis zu seinem Tod – baute er an dieser Kirche. Am Schluss lebte Gaudí spartanisch in einer kleinen Kammer nahe der Baustelle. Als er auf dem Weg zur Arbeit vom Tram erfasst wurde, hielten ihn Passanten für einen Bettler, weil er so heruntergekommen aussah. Sie brachten ihn in ein Armenspital, wo er verstarb.
Die Kirche Sagrada Família heisst mit vollem Namen «Basilika und Sühnetempel der Heiligen Familie». Sühne für was? Für den Sündenfall der Moderne, dem Verlust traditioneller Werte wie etwa der «Familie», erklärt der Freiburger Theologieprofessor Mariano Delgado, selbst Spanier und Mystikexperte.
Die Gebets- und Sühnebewegungen, denen Gaudí angehörte, kämpften damals gegen die Verelendung der Menschen ebenso wie gegen den aufkommenden Sozialismus und Säkularismus. Er war ein Protagonist im Kulturkampf der Katholiken gegen die sozialistisch-atheistische Arbeiterbewegung.
«Mein Kunde hat keine Eile»
Konkret mag es auch «Sühne» für die Ausschreitungen von 1909 gewesen sein: Das war ein Volksaufstand gegen einen Kolonialkrieg in Marokko. Dabei kam es zu antiklerikalen Übergriffen: Kirchen wurden zerstört, Klöster und Friedhöfe geschändet. Es gab Tote. Das hat Antoni Gaudí nachhaltig erschüttert: ein grosser Sündenfall.
Den Bau an der Sühnekirche Sagrada Família unterstützten katholisch-konservative Kreise, etwa die «Josephsvereinigung». Sie sah Joseph, den Ziehvater Jesu und Handwerker, als Vorbild fürs Christsein und mit ihm die «Heilige Familie».
Dass die Sagrada Família nicht zu Gaudís Lebzeiten fertig wurde, störte Gaudí indes nicht: «Mein Kunde hat keine Eile», soll er gesagt haben. 100 Jahre später ist die Kirche immer noch nicht fertig. Als «ewige Baustelle» wurde sie erst recht berühmt. Ihre Geschichte spielt die höchst bewegten der letzten 150 Jahre Spaniens.
Gaudí «katholische Botschaft» überdauert Säkularisierung
Als Gaudí 1926 starb, waren fast alle Menschen in Spanien römisch-katholisch, heute sind es nur noch gut die Hälfte, 52 Prozent. Kirchenhistoriker Mariano Delgado betont aber, dass rund 80 Prozent der Menschen in Spanien getauft seien und die katholische Volksfrömmigkeit nach wie vor stark sei. Die römisch-katholische Kirche als Institution aber hat gelitten: auch wegen ihrer Verbandelung mit der Franco-Diktatur und der Nicht-Aufarbeitung der zahlreichen Fälle von sexualisierter Gewalt durch Geistliche.
Vor 100 Jahren wurde Antoni Gaudí auf Drängen des Volkes und päpstliche Erlaubnis hin in der Krypta «seiner» Sagrada Família bestattet. Ebendort ehrt ihn Papst Leo XIV. nun als «Architekten Gottes».