Grosse Freiheit hinter der Mauer – die Oase West-Berlin

Iggy Pop war da, David Bowie auch, die Band Einstürzende Neubauten sowieso: West-Berlin war bis zur Wende ein Sammelbecken für Aussteiger, Punks, Musiker und Andersdenkende. Abgeschottet vom Establishment entwickelte sich hier ein Künstler-Biotop. Heute ist davon kaum mehr etwas übrig.

Junge Menschen sitzen auf einer Mauer Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Paradies für Andersdenkende: Hausbesetzer in West-Berlin. Wikimedia/ Tom Ordelman

West-Berlin, das war in den 80er-Jahren der freie Teil der Stadt. Frei vom Joch der DDR, aber auch frei vom westdeutschen Mief. In diesen Freiräumen breitete sich eine Kunst- und Musikszene aus. Oder eigentlich ganz viele verschiedene Szenen – Punk und Neue Musik, Industrial und Performance, und, und, und. Ganz unterschiedliche Szenen, die sich dann doch durchmischten. Abends in der Kneipe oder bei einem Konzert.

Kreuzberger Nächte

Man konnte ins «SO36» gehen, auf ein Konzert der Einstürzenden Neubauten. Da stand man dort vielleicht neben David Bowie im Publikum. Beim Rausgehen dann wurde man vielleicht Zeuge, wie eine Punkerin den Künstler Martin Kippenberger verprügelte. Und im Hintergrund schrie Iggy Pop in einer Telefonzelle: Er hatte sich eingeschlossen und kam nicht mehr raus, doch alle hielten das für Kunst. Aber wie ist dieses Biotop eigentlich entstanden?

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Sendehinweise

25 Jahre Mauerfall: Zu diesem Anlass sendet Radio SRF 2 Kultur Hörspiele zum Thema «Wende» von Frieder Butzmann und Thomas Kapielski.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sollte Berlin weder von der BRD noch der DDR regiert werden, sondern gemeinsam von den vier Besatzungsmächten England, Amerika, Russland und Frankreich. Dieses Vorhaben scheiterte rasch am aufkommenden Kalten Krieg – zementiert in der Berliner Mauer. Während Ost-Berlin nahezu nahtlos in die DDR integriert wurde, behielt West-Berlin bis zur Wiedervereinigung 1990 einen Sonderstatus.

Eine Stadt, vier Mächte

Formell war West-Berlin kein Teil der BRD; man sprach von «Bindungen». Praktisch hiess das: Die selben Gesetze (vom Bundestag in Bonn beschlossen, in Berlin durchgewunken) und die selbe Währung (die D-Mark). Gleichzeitig hat die BRD versucht, West-Berlin attraktiv zu machen. Zum Beispiel durch Subventionen: Jeder Arbeitnehmer bekam 8 Prozent Berlinzulage, jeder Betrieb 15 Prozent Investitionszulage. Attraktiv war die Stadt aber auch aus einem ganz anderen Grund – West-Berlin war entmilitarisiert. Hier gab es keine Bundeswehr, und folglich auch keine Wehrpflicht.

West-Berlin wurde so zum Sammelbecken: für Linke und Spinner, für Bewegte und Aussteiger, für Freaks – und für Künstler. Zwei von ihnen waren Frieder Butzmann und Thomas Kapielski. Butzmann ist 1982 beim Festival «Geniale Dilettanten» aufgetreten, Kapielski hat mit Kunstwerken wie dem «Ölschinken» Furore gemacht.

Verloren zwischen Imbissbuden

Doch heute ist von dem Künstler-Biotop nicht mehr viel zu spüren. Die Oranienstrasse, einst Hotspot der Kunstszene, ist heute eine touristische Fressmeile: Die «Galerie Endart», der Konzertsaal «SO36», aber auch eine proletarische Eckkneipe wie «Der Goldene Hahn» wirken verloren inmitten all der Cafés, Bars und Imbissstuben.

Und so sind auch Kapielski und Butzmann ein wenig melancholisch, wenn sie an die Achtziger zurückdenken: «Ich bin nicht gegen die Wiedervereinigung, das ist alles toll», sagt Thomas Kapielski. Aber viele Dinge sind verloren gegangen, die ich sehr geschätzt habe.»

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