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50 Jahre Judaistik in Luzern
Aus Kultur-Aktualität vom 07.10.2021.
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50 Jahre Judaistik Für eine faire Sicht aufs Judentum

Als erste Hochschule der Schweiz bot Luzern vor 50 Jahren Judaistik als eigenes Fach an. Der Auftrag des kleinen Instituts geht dabei weit über kirchliche Anliegen hinaus.

Antijudaismus gelte als «Geburtsfehler des Christentums»: An seiner Laudatio zum Jubiläum des Judaistik-Instituts in Luzern bedauert Kurt Kardinal Koch, dass es erst zum beispiellosen Verbrechen der Shoah kommen musste, bis sich die Kirche vom Antijudaismus abkehrte. Dabei sei «unsere Beziehung zum Judentum doch die engste überhaupt».

Legende: Er war selbst einst Student am Judaistik-Institut in Luzern: Kurt Kardinal Koch während seiner Laudatio zum Jubiläum. Institut für Jüdisch-Christliche Forschung

Judentum als offene, moderne Religion

Heute redet die Kirche anders übers Judentum. Das hat auch mit der Ausbildung von Theologinnen und Religionslehrern in Judaistik zu tun. Seit 1971 durchliefen diese jüdische Schule nun schon mehrere Generationen von Kirchenpersonal. Kurt Koch gehörte selbst dazu.

Einige 100 Luzerner Studentinnen und Studenten nutzten bereits die Möglichkeit, in Jerusalem zu studieren. Dort lernen sie das Judentum als lebendige, moderne Religion kennen. Oder auch, wie man auf Neu-Hebräisch einen Kaffee bestellt.

50 Jahre Judaistik in Luzern

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Die Hochschule Luzern war die erste der Schweiz, welche Judaistik als Studienfach anbot. Nach der Einführung des Faches in Berlin 1964 und in Wien 1966 wurde es ab 1971 an der damaligen Theologischen Hochschule Luzern gelehrt. Lehrstuhlinhaber war Professor Clemens Thoma (1932-2011). Zehn Jahre später eröffnete er 1981 das Institut für Jüdisch-Christliche Forschung.

Interesse auch im Ausland

Zu verdanken ist das alles auch dem ersten Professor für Judaistik in Luzern: Clemens Thoma (1932-2011). Der Steyeler Missionar kämpfte zeitlebens für eine faire Sicht auf das Judentum.

Thoma konnte die Lehre Jesu ganz aus dem Judentum heraus erklären. Das war neu und zog viele Wissbegierige an, auch aus dem Ausland.

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Aus dem Archiv: Clemens Thoma in der Sendung «Kontext» (1997)
27:31 min, aus Kontext vom 17.07.1997.
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Seit 2001 ist Verena Lenzen Institutsleiterin. Der Professorin gelingt es immer wieder, bedeutende Gastdozierende an den Vierwaldstättersee zu locken: Tom Segev sowie Rabbinerinnen und Rabbiner wie Elisa Klapheck oder Aleida und Jan Assmann gehören dazu.

Antisemitismus als Sünde

Prominent war auch der Jubiläumsredner: Kurt Kardinal Koch. Er ist im Vatikan zuständig für den Dialog mit anderen Kirchen und mit dem Judentum. Sein «Ministerium» verdankt sich den Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils Ende der 1960er-Jahre.

«Das Konzil sagte kategorisch ‹Nein› zu allen Formen von Antisemitismus. Und entschieden ‹Ja› zum Erbe, das die Kirche mit den Juden gemeinsam hat», so Kurt Kardinal Koch.

Damit vollzog die römisch-katholische Kirche eine 180-Grad-Wende. Ab jetzt nennt sie Antisemitismus klar Sünde. Auch aktiver «Judenmission», also das «Bekehren» von Jüdinnen und Juden, erteilt die römisch-katholische Kirche eine Absage.

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Aus dem Archiv: Alles gut? – Christlicher Antijudaismus heute
28:59 min, aus Perspektiven vom 25.01.2020.
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Respektvollen Dialog fördern

Nicht mehr «Taufe oder Tod» sollten drohen, sondern echter Dialog blühen. Darum auch der heutige Name des Luzerner Instituts für «Jüdisch-Christliche Studien».

Nur in einem solchen Klima des Respekts können sich jüdische Gelehrte auf den Dialog mit Christinnen und Christen einlassen.

Judentum gilt nicht mehr als defizitär

Dass der Kampf gegen Antisemitismus immer noch nötig ist, belegen die antisemitischen Gewalttaten in Europa und antijüdische Fake-News im Netz. Der Auftrag des kleinen Instituts in Luzern geht weit über kirchliche Anliegen hinaus.

So hat sich die Judaistik zu einem eigenständigen Fach entwickelt. Sie ist keine christliche «Hilfswissenschaft». Vielmehr leistet Judaistik einen selbstbewussten Beitrag im Konzert der Kulturwissenschaften.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktuell, 07.10.2021, 08:06 Uhr

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