Zum Inhalt springen

Header

Audio
Die Entstehung der RAF
Aus SRF 4 News aktuell vom 15.05.2020.
abspielen. Laufzeit 05:20 Minuten.
Inhalt

50 Jahre RAF «Die wollte nur ihren Freund aus dem Gefängnis holen»

Es war der Urknall der Roten Armee Fraktion. Die Befreiung des Brandstifters Andreas Baader am 14. Mai 1970 gilt als Geburtsstunde einer Terrorgruppe, die die Bundesrepublik Deutschland fast 30 Jahre lang in Atem halten sollte. So geplant war das damals nicht, sagt der Journalist Michael Sontheimer.

Michael Sontheimer

Michael Sontheimer

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Michael Sontheimer war Mitbegründer der «taz». Seit 1995 arbeitet er als Redakteur des «Spiegel».

SRF: 68er-Bewegung, Vietnamkrieg, die Jugend- und Studentenunruhen: Die Rote Armee Fraktion entstand in einer unruhigen Zeit. Inwiefern passt das in diesen zeitlichen Kontext?

Michael Sontheimer: Ich würde die RAF als eines der vielen Zerfallsprodukte dieser internationalen Studenten- und Jugendbewegung beschreiben.

Nachdem diese Bewegung 1968 Dutzende von Ländern ergriffen hatte, ging es 1969 bergab, und in einer Art Verzweiflungstat hat 1970 eine kleine Gruppe von Westberliner Linken diese Gruppe gebildet, die bald Rote Armee Fraktion hiess.

In Deutschland wurden die Proteste durch die Erschiessung des Studenten Benno Ohnesorg durch einen Polizisten angeheizt, später auch durch den rechtsextremen Angriff auf Rudi Dutschke. War das der Auslöser für die Radikalisierung dieser Bewegung?

Ganz ohne Frage. Es ist überliefert, dass Gudrun Ensslin, eine der RAF-Gründerinnen, nach der Erschiessung von Benno Ohnesorg sagte: «Das ist die Generation von Auschwitz, mit denen kann man nicht reden. Wir müssen uns bewaffnen.»

Hinter der Gründung der Roten Armee Fraktion lag die Folie des Nationalsozialismus. Wichtig zu wissen ist aber auch: Weder die Studenten noch die 68er haben als Erste geschossen, sondern erst ein Polizist und dann ein Rechtsextremer. Erst drei Jahre nach den ersten Schüssen auf diesen Studenten wurde die Rote Armee Fraktion gegründet.

Wenn man sich Geschichte anschaut, sind die Kausalitäten wichtig. Der Versuch, die RAF zu gründen, war natürlich politisch und moralisch überhaupt nicht in Ordnung. Aber so wird verständlich, dass Leute sich so radikalisieren konnten.

Dann hat man sich gesagt: Man setzt ein Zeichen und Kaufhäuser in Brand. Andreas Baader gehörte zu den Brandstiftern. Er wurde verurteilt, konnte sich einer Verhaftung entziehen, wurde dann doch geschnappt und später gewaltsam befreit. Diese Befreiung gilt heute als Beginn der Ära. In einem Artikel im Spiegel schreiben Sie aber, die Gruppe sei eher zufällig entstanden, Link öffnet in einem neuen Fenster. Warum?

Die Gruppe hiess ja damals noch gar nicht RAF. Der Name wurde von der Gruppe erst ein Jahr später verwendet. Das war damals eine namenlose Gruppe, zusammengestellt von Gudrun Ensslin, der Freundin von Andreas Baader.

Und die wollte nur ihren Freund aus dem Gefängnis holen. Es war nicht geplant, dass jemand angeschossen wird. Aber dann wurde die ganze Gruppe sofort wegen Mordversuchs zur Fahndung ausgeschrieben.

Von daher war der Zeitpunkt, zu dem diese Gruppe aktiv wurde, eher zufällig. Aber dass sich die RAF in der Bundesrepublik gründete, war kein Zufall. Auch in den USA, Grossbritannien, in Frankreich und vor allem Italien mit den Roten Brigaden entstanden zu dieser Zeit solche bewaffneten linksradikalen Gruppen.

Zufällig war der Zeitpunkt und dass ein Mensch, weil er eine Pistole verwechselt hatte, einen anderen Menschen anschoss. So bekam das eine Dynamik, die nicht geplant war.

Das Gespräch führte Silvan Zemp.

Sendung: SRF 4 News, Nachrichten;

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

16 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von tom rosen  (tom rosen)
    Ich bin Ende der 60er Jahre als Kind mit meinen Eltern von NL nach D gezügelt. 1970, 25 Jahre nach Ende des 2. WK wurde ich dort als "Ausländerkind" eingeschult. Primarschule und Gymi waren zu ca. 50%von Altnazis durchsetzt, was für mich als NL-Kind ein ziemlicher Schock war. Meine ganz demokratischen D-Freunde haben das garnicht wirklich gemerkt oder wollten es nicht wahr haben. Gleiches galt für Polizei, Gerichte usw. Ich konnte die RAF nicht gut heissen aber verstehen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von Josef Schumache  (Jo S)
      Ich wurde 1949 in D geboren und du hast recht. Als ich 1954 in die Schule kam waren 's wohl gut 80%.
      Mein Vater, ein alter Sozialist der nur mit viel Glück durch die Nazizeit gerutscht war, wurde verrückt ob dem Scheiss den die in der Schule abliessen. Und nicht nur in Geschichte.
      Man darf aber auch nicht vergessen, dass im deutschen Innenministerium noch Ende der 60er der grösste Teil der oberen Chargen Ehemalige der Sondereinsatzkommandos und SS waren.
      Deutsche Kontinuität!
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Stefan Olarte  (Oikaner)
    Man informiere sich: z.B. bei der eth! Wieviele Anschläge waren inszenierter Staatsterror und wurden den Linken versucht in die Schuhe zu schieben?

    https://web.archive.org/web/20081212053626/http://www.php.isn.ethz.ch/collections/coll_gladio/chronology.cfm?navinfo=15301

    Gladio, P2, MLPN, SDRA8 etc.
    Das Celler Loch/ Verfassungsschutz
    Bombenanschlag Piazza Fontana
    Mord an Giuseppe Pinelli
    Brabant killers
    Und was geschah eigentlich wirklich mit Herbert Alboth?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Norbert Zehner  (ZeN)
    Man stelle sich vor, ein solche verharmlosend beschönigender Artikel würde nicht über eine links-extreme Terrorgruppe, sondern eine vom anderen Rand des Spektrums geschrieben. Der Autor wäre längst in 24-Stunden Überwachung des Staatsschutzes oder schon verhaftet.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten