Zum Inhalt springen

Header

Audio
Hannah Arendt – von der Leidenschaft des Denkens
Aus Kontext vom 08.04.2021.
abspielen. Laufzeit 52:25 Minuten.
Inhalt

60 Jahre Eichmann-Prozess Hannah Arendt ist aktueller denn je

Vor 60 Jahren schockierte Hannah Arendt mit ihrer These von der «Banalität des Bösen». Unbestritten ist sie bis heute nicht.

Die Empörung war gross, als die Publizistin und Philosophin Hannah Arendt 1963 ihr Buch «Eichmann in Jerusalem – Ein Bericht von der Banalität des Bösen» veröffentlichte. Freunde und Bekannte wandten sich von ihr ab. Grosse Teile der Öffentlichkeit fielen über sie her. Was war passiert?

In ihrem Bericht über den Jerusalemer Eichmann-Prozess von 1961, hatte Hannah Arendt Adolf Eichmann den ehemaligen SS-Obersturmbannführer und Mitorganisator der Deportationen von Millionen von Juden, als banalen Funktionär beschrieben.

Als ideologiefreien Beamten, der einfach seinen Job erledigt hatte – sonst aber ein normaler Mensch und Familienvater gewesen sei.

Der Schock

Das war schockierend. Schockierend für die jüdische Öffentlichkeit, die in Eichmann tatsächlich das blutrünstige Monster sah, wie der Chefankläger in Jerusalem ihn dargestellt hatte.

Schockierend war es auch für die deutsche Öffentlichkeit, die sich in Eichmanns Pose der Pflichterfüllung wiedererkannte und sich auf einmal mit der eigenen Verantwortung konfrontiert sah.

Halbherzige Aufarbeitung

Tatsächlich betrieb die damalige Bundesrepublik die juristische Aufarbeitung von NS-Verbrechen äusserst halbherzig. Als fatal erwies sich insbesondere der Versuch, diese Verbrechen mittels Strafgesetzbuches von 1871 ahnden zu wollen.

Das führte dazu, dass NS-Verbrecher nur dann belangbar waren, wenn sie ihre Gräueltaten selbst und eigenhändig verübt hatten – etwa bei Gewaltexzessen in KZs. Freisprüche oder lächerlich milde Strafen wie in den Frankfurter Auschwitz-Prozessen zu Beginn der 1960er-Jahre waren die Folge.

Überzeugende Tonbandaufnahmen

Was Eichmanns Pose betrifft, so gibt es tatsächlich neue Erkenntnisse, die in eine andere Richtung gehen als Hannah Arendts Sicht Dinge. Sie widersprechen auch Eichmanns Inszenierung vom Befehlsempfänger in seinem Jerusalemer Glaskasten während des Prozesses.

Vor allem Bettina Stangneths Studie, Link öffnet in einem neuen Fenster «Eichmann vor Jerusalem – Das unbehelligte Leben eines Massenmörders» von 2011, in der die deutsche Historikerin und Philosophin Tonbandaufnahmen aus Buenos Aires auswertet.

Eichmanns Geständnis

Auf den Aufnahmen unterhält sich Eichmann mit dem niederländischen Kriegsberichterstatter und ehemaligen SS-Mann Willem Sassen über die Rehabilitierung des Nationalsozialismus und bekennt sich zu seinen Taten.

Bettina Stangneth kommt denn auch zum Schluss, dass Eichmann alles andere als ein ideologiefreier Schreibtischtäter gewesen sei, sondern ein überzeugter Nationalsozialist und Antisemit.

Video
Macht und Gewalt
Aus Kulturplatz vom 10.03.2021.
abspielen

Eigenständig denken, Verantwortung tragen

Hannah Arendts Leistung deswegen zu schmälern, wäre trotzdem falsch. Es wäre auch fatal. Denn Hannah Arendt hat mit ihrer These auf das Verhältnis zwischen Totalitarismus und Mitläufertum hingewiesen und die Mitverantwortung jedes einzelnen angesprochen.

Das zeigt sich auch an ihrer mehrfach formulierten Forderung, selbst zu denken und sich von Gruppenmeinungen fernzuhalten. Daran hapert es zur Zeit. Das sieht man nicht nur am Aufkommen populistischer Strömungen, sondern auch an einer verhängnisvollen Rückkehr zur Ideologie auf Kosten einer selbst durchdachten eigenen Meinung.

Sollte uns das bekannt vorkommen, wäre es an der Zeit, mal wieder Hannah Arendt zu lesen. Es müssen ja nicht unbedingt die komplexen politischen Schriften sein. Es reichen auch ihre Gedichte.

Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 09.04.2021, 17:58 Uhr.

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

6 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Michel Ebinger  (Michel Ebinger)
    Und wie, Sie würde sehr scharfzüngig die heutigen Politiker anklagen und zwar massivstens
  • Kommentar von Galyna EISENRING  (Ramcharan)
    Wie beschrieben, stimmt die Feststellung von Frau Hannah Arendt «Banalität des Bösen» auch Heute. Der Umgang der Politik, in der Schweiz und speziell in Deutschland, mit dem "Virus" und der Impfung ist die «Banalität des Bösen». Das zeigt sich auch an ihrer mehrfach formulierten Forderung, selbst zu denken und sich von Gruppenmeinungen fernzuhalten. Daran hapert es zur Zeit.
    1. Antwort von Theres Schmid  (Theres Schmid)
      @Galyna Eisenring
      Daran hapert es zu ALLEN Zeiten.
    2. Antwort von Christian Bischof  (Christian Bischof)
      Nationalsozialismus mit der aktuellen COVID-Politik zu vergleichen ist unüberlegt und stumpfsinnig. Zumal Sie unter Gruppenmeinung den aktuellen wissenschaftlichen Konsens ansprechen. Mit was Sie uns da beglücken, hat nun definitiv nichts mit selber denken zu tun... Lesen Sie Arendt, dann sprechen wir wieder.
    3. Antwort von Peter Japan  (peterjapan)
      Meinungsbildung im Sinne des gesunden Menschenverstands ist nach Immanuel Kant (auf den sich Arendt explizit bezieht) eben mehr als bloss «Selbstdenken» - sie beinhaltet ebenso «an der Stelle jedes anderen denken» und «widerspruchsfrei denken». Denken sie doch mal an Stelle einer Pflegefachperson, oder von Angehörigen, die ihre Liebsten an Corona verloren haben. Daran hapert es zurzeit.
  • Kommentar von Lutz Bernhardt  (lb)
    Sehr gute Analyse. Auch lesenswert für andere SRF-Journalisten und Kommentatoren!