Laura ist eine von 839 Facebook-Freundinnen und -Freunde von mir. Wir kennen uns vom Sehen, aber gut kennen wir uns nicht. Vor einiger Zeit stosse ich beim Scrollen auf einen Eintrag ihrer Facebook-Seite: Laura postet zwei Fotos, auf beiden ist sie und ihre Mutter zu sehen.
Zwischen den Aufnahmen liegen zehn Monate, zufälligerweise tragen beide auf den Bildern jeweils dieselbe Kleidung. Laura ein rotes Oberteil, ihre Mutter Priska eine gemusterte Faltbluse.
Beide haben die gleichen blauen Augen. Der Ausdruck in den Augen scheint synchron, eine Mischung aus Neugier, Melancholie und Zuversicht. Zu den zwei Fotos schreibt Laura: «Diese Outfits haben zwei Krebsdiagnosen überstanden. Und wir auch.»
Die Vorahnung
Die zehn Monate zwischen den beiden Aufnahmen: Eine Zeit geprägt von zwei Krebsdiagnosen, Bestrahlung, Operationen, Chemotherapie, Antihormontherapie und unzähligen Entscheidungen.
Sie hatte eine Art Todesphobie.
Nun sitzen Mutter und Tochter bei mir. Ich habe die beiden Fotos ausgedruckt und mitgebracht. «Ich weiss noch genau, wann wir diese Fotos gemacht haben», so Priska. Auf dem ersten Foto liegen die beiden rücklings auf einem Holzsteg. Laura lebt eigentlich in Berlin und war auf Besuch bei ihrer Mutter in der Nähe von Olten.
«Nach einer Velotour haben wir uns an einem Fluss hingelegt. Das Licht war so schön und ich machte ein Selfie», erzählt Laura. «Komischerweise hatte ich die ganze Zeit das Gefühl: Etwas wird sich bald ändern, eine Art Vorahnung, dass meine Mutter krank wird. Dabei bin ich ein total rationaler Mensch.»
Die Diagnose
Tatsächlich spürt Priska bereits damals einen Knoten. Sie ist 66 Jahre alt, seit einem Jahr pensioniert. Priska vereinbart einen Termin beim Hausarzt. Auf Ultraschall folgen Mammografie und Biopsie. Eine Woche später die Diagnose: Brustkrebs.
Dann geht das Warten los. Untersuchung folgt auf Abklärung. Priska weiss: Sie will ihre erwachsenen Zwillingtöchter erst informieren, wenn sie über Prognose und Zeitplan Klarheit hat. Besonders Laura. Seit der Kindheit nimmt die Furcht vor Tod und Krankheit viel Raum in ihren Gedanken ein. «Sie hatte eine Art Todesphobie», erinnert sich Priska.
Schliesslich schickt Priska ihren Töchtern einen Brief. Sie gestaltet eine Collage mit einem Foto aus der Zeit, als sie die Zwillinge noch stillte. Der Brief beginnt mit den Worten «Bevor du das liest: Alles wird gut» und erreicht Laura in Berlin, wo sie als Soziologin arbeitet.
Die zweite Diagnose
Es ist Ende 2024. Und Laura hat ein kompliziertes Jahr hinter sich: Liebeskummer, Probleme bei der Arbeit, die Diagnose ihrer Mutter. «Ich dachte, jetzt kann es nur noch besser werden.» Sicherheitshalber lässt sich die 37-Jährige auf Brustkrebs untersuchen. Zehn Tage später hat Laura die Diagnose: Brustkrebs.
Die Sorge um eine der Liebsten mischt sich mit der Sorge um sich selbst. Ab sofort tauschen sich Mutter und Tochter praktisch täglich aus.
Priska muss zweimal Chemotherapie machen, Laura nicht. Beide machen Bestrahlung, aber nur Laura muss die Brust abnehmen. «Ich dachte, das sei das Ende meines unversehrten Körpers. Heute bin ich sehr zufrieden mit meiner neuen Silikonbrust.»
Veränderte Perspektiven
Wenn man Laura früher nach Ihrer grössten Angst gefragt hatte, musste sie nie lange überlegen. Sie lag gut verpackt in einem einzigen Wort: Krebs. «Die Vorstellung, dass ich oder jemand, den ich liebe Krebs bekommt, hat Panik in mir ausgelöst. Und dann passiert beides innerhalb von vier Monaten.»
Laura und Priska sind inzwischen krebsfrei. Was hielt ihre Welt zusammen, als sie Risse bekam?
Für Laura war es eine Einsicht. «Meine Angst war wie eine bedrohliche Wolke. Dann begriff ich: Das Leben geht weiter. Der Schmerz ist nicht unendlich, sondern hat eine Begrenzung.»
Für Priska war es eine innere Haltung. Priskas Krebsbehandlung war hart, manchmal konnte sie kaum mehr ein paar Schritte gehen, so geschwächt war der Körper. Sie hielt sich an jenen Sachen fest, die trotzdem noch gingen: Schlafen, Besuch bekommen, den Sonnenaufgang anschauen.
In der Schweiz erkranken jährlich etwa 6500 Frauen an Brustkrebs. Dank Früherkennung und modernerer Therapien hat sich die Sterblichkeitsrate in den letzten 30 Jahren um 45 Prozent verringert.
80 Prozent der erkrankten Frauen sind fünf Jahre nach der Diagnose noch am Leben. Dabei gilt: Je früher der Krebs entdeckt wird, desto besser ist die Prognose und desto schonender die Therapie. «Letztlich hat der Krebs meiner Mutter mir das Leben gerettet. Sonst hätte ich mich nie testen lassen», sagt Laura. «Mission erfüllt», meint Priska.
Krankheit als Spektrum
Krankheiten können ein existentieller Einschnitt ins Leben sein. Die stille Annahme, man habe noch viel Zeit, wird brüchig. Aber was bedeutet die Krankheit jenseits von Diagnose, Symptomen und Prognose?
Caroline Krüger ist freischaffende Philosophin und spezialisiert auf Philosophical Care. Sie plädiert dafür, Krankheit und Gesundheit nicht als Gegensätze zu denken, sondern als Spektrum. «Jemand, der physisch krank ist, kann psychisch gesund sein und umgekehrt. Niemand ist einfach hundert Prozent gesund.»
Im Alltag denken wir oft in Gegensätzen: Entweder man ist krank oder gesund. Dieser Gegensatz zeige aber weniger die Wirklichkeit als vielmehr den Wunsch, sich selbst der gesunden Seite zuzuordnen und vermeintlich die Kontrolle darüber zu haben, so Caroline Krüger.
«Wir sind alle fürsorgewürdig»
Krankheit erinnert an die unausweichlichen Bedingungen des menschlichen Lebens: Verletzlichkeit und Abhängigkeit, Solidarität und Fürsorge. Dies stehe häufig im Gegensatz zum vorherrschenden Menschenbild, gerade in neoliberalen Zeiten: der Mensch als autonomes Wesen, verantwortlich für sich selbst.
«Wir sollten unser Menschenbild anpassen. Uns bewusst werden: Wir alle wären nicht da, wenn andere nicht für uns gesorgt hätten. Wir alle sind fürsorgebedürftig und fürsorgewürdig», so Philosophin Caroline Krüger. «Wenn nicht heute, dann morgen.»
Der neue alte Alltag
Priska und Laura sind längst wieder im Alltag angekommen. Für Priska war es der Moment, als sie zum ersten Mal wieder Bassgeige spielen konnte.
Laura erinnert sich an den Satz einer Bekannten: «Krebs nimmt einem die Fähigkeit, Scheisse zu tolerieren.» Eine Zeit lang habe das auch für sie gegolten, sagt sie. Doch langsam beginne sie, sich wieder über Kleinigkeiten zu ärgern – und muss darüber lachen.