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80 Jahre Eiger-Nordwand «Der Erfolg in den Alpen bekam eine grossdeutsche Symbolik»

Vor 80 Jahren wurde erstmals die Eiger-Nordwand durchstiegen. Die Nazis vereinnahmten den Erfolg für sich.

Legende: Video Erstbesteigung Eiger-Nordwand im Winter abspielen. Laufzeit 01:24 Minuten.
Aus me_schonvergessen vom 17.03.1961.

Am Nachmittag des 24. Juli 1938 kam die Erfolgsnachricht aus dem Berner Oberland: Die Eigernordwand war bezwungen. Vier Alpinisten, zwei Deutsche und zwei Österreicher, hatten sie zum ersten Mal durchstiegen.

Propaganda-Coup für Grossdeutschland

Es war ein Coup. Seit Jahren herrschte ein Wettlauf um die letzte grosse Erstdurchsteigung in den Alpen. Für das nationalsozialistische Regime in Deutschland hatte diese Erstbesteigung vor allem Propaganda-Potenzial.

Die Erstbesteiger der Eigernordwand Heinrich Harrer, Ludwig Voerg, Andreas Heckmair und Fritz Kasparek nach der Expedition.
Legende: Als Helden gefeiert: Heinrich Harrer, Ludwig Vörg, Andreas Heckmair und Fritz Kasparek (von links nach rechts). Keystone

Einen Marschbefehl von Nazideutschland hatte es für die Alpinisten zwar nicht gegeben. Aber als diese es tatsächlich schafften, die Nordwand zu durchsteigen, wusste die Nazi-Propaganda den Moment zu nutzen: Kurz nach dem Anschluss Österreichs, bekam der Erfolg in den Alpen eine grossdeutsche Symbolik.

Helden, keine Toten

Dabei war das Interesse Deutschlands zunächst nicht besonders gross gewesen. Obwohl die Nordwandbesteigungen jeweils regelrechte Live-Dramen waren: Von der Station Eigergletscher in Grindelwald aus konnte man die Alpinisten in der Wand per Fernrohr beobachten, wie sie mehrere Tage und Nächte in der Wand hingen.

Bergsteiger Heinrich Harrer isst ein Butterbrot während der Erstbesteigung der Eigernordwand
Legende: Kraft tanken in der Nordwand: Heinrich Harrer isst ein Butterbrot (Juli 1938). Keystone

Zahlreiche Journalisten waren angereist. Aus Berlin kam jedoch nur einer: Da bereits mehrere deutsche Alpinisten in der Wand umgekommen waren, wollten die Nazis keine Risiken eingehen. Man wollte Helden, keine Toten.

Das änderte sich schlagartig, als sich der Erfolg der deutsch-österreichischen Seilschaft abzeichnete: «Von da an berichtete das Radio immer wieder», sagt Historiker Rainer Rettner, Autor mehrer Bücher zum Thema Alpinismus und zur Eigernordwand.

Buchhinweis

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Rainer Rettner. Eiger – Triumphe und Tragödien 1932-1938. AS Verlag 2008.

Der ‹Völkische Beobachter›, das Kampfblatt der Nationalsozialisten, habe in grossen Lettern und über mehrere Tage darüber geschrieben, dass die Titanen-Wand von vier Deutschen bezwungen worden sei.

Erfolg für Grossdeutschland

Tatsächlich waren es zwei deutsche und zwei österreichische Alpinisten. «Aber vier Monate nach der Annexion Österreichs wollte man zeigen, was Grossdeutschland alles zustande bringt», so Rettner.

Das nationalsozialistische Regime erkannte schnell das Propaganda-Potenzial der vier Bergsteiger: «Kaum abgestiegen, wurden die Alpinisten von einem Vertreter der deutschen Botschaft in Empfang genommen, der eine von deutschnationalen Sprüchen triefende Rede hielt», erzählt Rettner.

Am Tag darauf sei der deutsche Botschafter persönlich aus Bern auf die Kleine Scheidegg gekommen, um die Bergsteiger zu begrüssen. Anschliessend wurden die Alpinisten nach Breslau gefahren, da dort das deutsche Turn- und Sportfest stattfand.

Foto-Termin mit Hitler

In Breslau folgte dann der grosse Empfang für die vier Bergsteiger: Im Stadion wurden sie den jubelnden Massen als Volkshelden präsentiert und es gab gar einen Fototermin mit Hitler.

Propagandabild mit Adolf Hitler und den Erstdurchsteiger der Eiger-Nordwand.
Legende: Adolf Hitler inszeniert sich mit Andreas Heckmair, Heinrich Harrer, Fritz Kasparek und Ludwig Vörg. Getty Images

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 24.07.2018, 6:50 Uhr.

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