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Abenteurerin auf Abwegen Eine Schweizerin ohne Furcht: die wilden Reisen der Ella Maillart

Vor knapp 100 Jahren reiste eine Genfer Journalistin durch Gegenden, aus denen in Europa kaum jemand berichtete. Ella Maillarts Leben ist spannend wie ein Abenteuerroman, trotzdem ist sie in der Deutschschweiz kaum bekannt. Eine Wiederentdeckung.

Ganz so adrett und aufgeräumt wie auf dem Foto mit der Weltkarte auf dem Schoss ist Ella Maillart wohl nicht immer gewesen. Sie konnte austeilen, einstecken und die Zähne zusammenbeissen, sonst wäre sie nicht so weit gekommen.

Person mit Hut sitzt in einem Stuhl und raucht Pfeife.
Legende: Die Schweizer Reisejournalistin Ella Maillart (1903–1997) studiert eine Weltkarte – und raucht eine Pfeife. KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Str

Ab den 1930er-Jahren bereiste die Genferin Zentralasien und folgte dabei der Seidenstrasse oder zeitgenössischen Konflikten. Sie war eine international erfolgreiche Autorin und Fotografin.

Lange vor «Outdoor-Abenteuern» und «Aktiv-Reisen»

Nach Marco Polo und vielen weiteren Generationen von männlichen Entdeckern gehört Ella Maillart zu den weiblichen Pionierinnen des Reisens, ähnlich wie die viel bekanntere Annemarie Schwarzenbach.

Die Tagebücher, Fotos und Texte der beiden Schweizerinnen gehören seit letztem Jahr zum Weltdokumentenerbe der Unesco. Die beiden Frauen, die gemeinsam bis nach Afghanistan reisten, werden damit endlich als zentrale Figuren der Schweizer Kulturgeschichte gewürdigt.

Die Fotos der in der Deutschschweiz kaum bekannten Ella Maillart sind aktuell in der Lausanner Ausstellung «Ella Maillart. Fotografische Erzählungen» zu entdecken.

Zwei Frauen sitzen auf einer Oldtimer-Autohaube.
Legende: Zwei Frauen, ein Ford. Ella Maillart (rechts) und Annemarie Schwarzenbach reisten 1939 von Genf nach Kabul. Der Wagen war ein Geschenk von Schwarzenbachs Vater. Keystone/PHOTOPRESS-ARCHIV/Str

1903 wird Ella Maillart in eine wohlhabende Familie geboren. «Kini», so ihr Spitzname, ist eine Sportskanone und macht eine für ihre Zeit unübliche Karriere: Sie fährt für die Schweizer Nationalmannschaft Ski und segelt im Schweizer Olympia-Team. Maillart macht – ganz offensichtlich – keine halben Sachen. In Interviews sagt sie später, der Sport habe sie aus ihrer schrecklichen Einsamkeit gerettet und die Freiheit beim Segeln habe ihr Leben für immer geprägt.

Skifahrerin mit Startnummer 9 in Abfahrt.
Legende: Historische Rekorde: Bevor Ella Maillart die Welt bereist, verfolgt sie eine Sportkarriere. KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Str

Mit Freundinnen segelt Maillart erst auf dem Genfersee, dann auf dem Mittelmeer. Das weitere Ziel ist ein Abenteuer auf dem Pazifik. Doch die Pläne scheitern, die Freundinnen heiraten, und Ella Maillart weiss nicht so recht, wohin mit sich. Nach dem Ersten Weltkrieg verarmt die Familie. Maillart muss sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen – und zieht 1920 nach Berlin.

Auf nach Moskau!

Die goldenen 20er-Jahre in Berlin sind geprägt von Aufbruch, Kunst und Glamour, aber auch von politischer Unruhe. Kurzzeitig probiert sich Ella Maillart als Stuntfrau in Bergfilmen und als Fotomodell. Doch ein tieferer Wunsch nach Freiheit und Grenzüberwindung bleibt unerfüllt. Sie steigt schliesslich in einen Zug Richtung Moskau.

In der russischen Metropole entdeckt sie das Kino. Inspiriert von der Filmmontage hält sie mit ihrer Leica-Kamera den sowjetischen Alltag fest. Auf eigene Faust reist sie weiter auf die Krim und überquert die Gipfel des Kaukasus. Maillart beginnt, ihre Beobachtungen über Land und Leute niederzuschreiben, und bietet ausländischen Zeitungen Artikel an.

Drei Frauen auf einem Boot putzen sich die Zähne.
Legende: Abenteurerinnen auf See: Ella Maillart (rechts) mit ihren Freundinnen auf dem Segelboot Bonita. Sie segeln zu archäologischen Ausgrabungen nach Kreta. (1925) IMAGO/KHARBINE-TAPABOR

Mit dem durch die Zeitungsbeiträge verdienten Geld finanziert Maillart ihren ersten Solo-Trip: 1932 bricht sie abermals von Moskau ins russische Turkestan auf, dorthin, wo heute Usbekistan, Kirgisistan und Kasachstan liegen. Sie reitet auf Kamelen und legt lange Strecken zu Fuss zurück, immer wieder trifft sie auf Nomadenstämme. Im ewigen Unterwegssein scheint sich für die Suchende ein Lebenssinn abzuzeichnen.

In Peking lernt Maillart 1934 den «Times»-Journalisten Peter Fleming kennen. Gemeinsam machen sie sich auf ins damals britische Kaschmir. Die Route führt durch abgelegene und gefährliche Regionen Zentralchinas. In seinem späteren Bestseller «News from Tartary» (1936) beschreibt der englische Autor ihren «ungewöhnlichen Mut» und ihre «Ausdauer für eine Frau dieser Zeit». Sie hingegen bezeichnet ihn in ihrem Buch «Verbotene Reise» als «nonchalanten» und «distanzierten» Begleiter.

Zwei Frauen en route

Annemarie Schwarzenbach und Ella Maillart: Entlang des Röstigrabens steht die eine jeweils im Schatten der anderen. 1939 reisen sie gemeinsam in Schwarzenbachs Ford von Genf nach Afghanistan. Bilder der zwei Frauen en route gehen um die Welt. Doch die Reise endet im Disput.

Die suchtkranke Schwarzenbach schafft es nicht, vom Morphium wegzukommen. In Kabul trennen sich die beiden Frauen, Schwarzenbach kehrt zurück nach Europa, mit der Idee, gegen den aufkommenden Faschismus zu kämpfen. Ella Maillart hingegen reist weiter nach Südindien. Bei spirituellen Meistern sucht sie nach Antworten auf das Chaos um sie herum.

Frau giesst Pflanzen auf Balkon mit Bergblick.
Legende: Rückzug ins Wallis: Ella Maillart errichtet sich nach 1945 ein Chalet im Bergdorf Chandolin. Hier kommt sie zwischen ihren Reisen zur Ruhe. Mimi Scheiblauer

Nach dem Krieg scheint sie mit sich und der Welt in Frieden zu sein. Maillart kehrt in die Schweiz zurück, verwaltet ihren Ruhm und lebt zurückgezogen im Walliser Bergdorf Chandolin. Bis zu ihrem Tod 1997 begleitet sie Reisegruppen, hält Vorträge und gibt Interviews.

Kritische Reflexion einer Pionierin

Die Fotos, die Ella Maillart auf ihren Reisen machte, erzählen von der Fremde. Sie zeigen Menschen mit «exotischen» Fellkappen und Frisuren vor Jurten, auf Zügen oder Pferderücken. Häufig zu sehen: Frauen bei der täglichen Arbeit.

Maillarts Werk liesse sich keinesfalls auf ihr Geschlecht reduzieren, sagt Fanny Brülhart, die Kuratorin der Lausanner Ausstellung im Photo Elysée. Aber es sei auffallend, dass Maillart als Frau Zugang zu anderen Frauen gehabt und sich für ihr Leben interessiert habe. So zeigt ihr Werk, was männliche Entdecker vor ihr nicht beachteten: das Leben der Frauen.

Oft halten die Fotos intensive Blickwechsel fest. Die Menschen scheinen durch die Kamera mit Maillart kommuniziert zu haben. Das wirkt bis heute: Jetzt schauen die Menschen uns an. Wer sich länger auf diese Bilder einlässt, merkt, dass die Blicke häufig ängstlich oder ärgerlich sind.

Kein Wunder, denn Maillart ignorierte auf der Jagd nach guten Bildern die Anstandsregeln und ging nahe, zu nahe an ihre Sujets heran. Diese Respektlosigkeit werde mit Blicken kommentiert, sagt Nanina Guyer, die sich als Fotokuratorin am Museum Rietberg intensiv mit kolonialer Fotografie in Afrika auseinandergesetzt hat.

Auch wenn es verführerisch ist: Ella Maillart war als Fotografin nicht nur weibliche Pionierin. Sondern auch Kind ihrer Zeit. Ihre Fotos spiegeln die Vorstellungen und Klischees, mit denen sie unterwegs war: exotisierend, romantisierend und – mit dem Literaturtheoretiker Edward Said gesprochen – orientalisierend.

Ausstellungshinweise

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Die Fotoausstellung «Ella Maillart. Fotografische Erzählungen» zeigt Aufnahmen, die die Genferin während ihrer Asienreisen in den 1930er-Jahren gemacht hat. Die Ausstellung ist noch bis zum 1. November im Photo Elysée in Lausanne zu sehen.

Das Zürcher Museum Rietberg zeigt mit der Ausstellung «Fast ein Paradies» Arbeiten zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler, die Fotografien aus kolonialen Kontexten hinterfragen und überarbeiten. Zu sehen noch bis zum 6. September.

«Das Foto zeigt immer nur einen kleinen Ausschnitt», führt Fotokuratorin Guyer aus. Es lohne sich, darüber nachzudenken, was in diesem Ausschnitt nicht zu sehen sei, weil es für Maillart zu «modern» war oder «westlich» oder aus anderen Gründen nicht ins Bild passte.

Ein Nachlass ist auch immer das, was man aus ihm macht. Es ist wichtig, Maillarts Bilder kritisch zu befragen. Gleichzeitig ist die Art und Weise, wie sie gereist ist, schier unglaublich. Eine junge Schweizerin in den 1930er-Jahren, unverheiratet und kinderlos, bricht auf, um die Welt zu entdecken.

Gerade in der feministischen Rezeption wird ihre Biografie dankbar aufgegriffen: Eine Pionierin mehr, die eine eingefleischte Erzählung von Ermächtigung stärkt: «Frauen stehen den Männern in nichts nach!» Gewiss ist Maillarts Leben ein wichtiges Zeitdokument, gleichzeitig kann sie schnell zur Projektionsfläche werden und verklärt werden.

Hat sich Maillart selbst als weibliches Vorbild gesehen? Die deutsche Schriftstellerin Felicitas Hoppe bezweifelt das. Sie ist fasziniert von Maillarts Leben. Auch Hoppe braucht das Reisen, seitdem sie auf einem Containerschiff einmal um die Welt gefahren ist. Sie meint, dass Ella Maillart «bei allem Idealismus, eine äusserst pragmatische Person war». Eine Frau, die wie sie das Private zurückhält.

Buchhinweis

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Felicitas Hoppe: «Reisen». Hanser Berlin, 2026.

Wir wissen nur wenig über Maillarts politische Einstellung, ihr Begehren oder wie sie Beziehungen führte. Durch ihre Bücher, Fotos und Interviews sehen wir nur eine äussere Welt, wie Maillart sie dokumentiert. «Sie hat sich ganz in den Dienst der Reise gestellt. Sie wird sozusagen selbst zur Kamera, zum Medium.»

Für Hoppe zeigt sich darin Maillarts ganz persönlicher Freiheitsentwurf. Gleichwohl kennt Maillart den Ehrgeiz – beim Sport, Reisen und Schreiben. Auch sie strebt nach Ruhm. In Vorträgen und Interviews wird spürbar, wie ungern sie die Kontrolle aus der Hand gibt.

Die Crux mit der Rezeption

Heute funktioniert das Unterwegssein fast nicht mehr ohne plakative Selbstdarstellung. Welche Reise hat schon stattgefunden, wenn nicht auch ein Selfie am Urlaubsort auftaucht? Gegenwärtig ist alles entdeckt, beschrieben und zerlegt. Wir brauchen die Welt nur noch zum Schmuck für uns selbst.

Maillart hingegen ist damals womöglich noch mit einer Illusion losgezogen, fremde Alltage neu zu entdecken und zu verstehen. Durch die heutige Brille können ihre Texte und Bilder als Raubbau gelesen werden. Aber ist das nicht eine weitere Projektion? So richtig wissen wir nicht, was damals war, als ein Bild oder Gedanke entstand.

Wir machen aus ihr sicherlich die Figur, die wir brauchen. Beginnen wir Maillarts Erfahrungen und Entscheidungen kritisch, psychologisch oder popkulturell zu lesen, werden wir Teil dieses Spiels. Was hätte wohl Maillart zu unserer Interpretationsfrage gesagt? Vielleicht das: Seid mal still und hört den Vögeln zu.

SRF 1, Kulturplatz, 22.4.2026, 22:25 Uhr

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