Ganz so adrett und aufgeräumt wie auf dem Foto mit der Weltkarte auf dem Schoss ist Ella Maillart wohl nicht immer gewesen. Sie konnte austeilen, einstecken und die Zähne zusammenbeissen, sonst wäre sie nicht so weit gekommen.
Ab den 1930er-Jahren bereiste die Genferin Zentralasien und folgte dabei der Seidenstrasse oder zeitgenössischen Konflikten. Sie war eine international erfolgreiche Autorin und Fotografin.
Lange vor «Outdoor-Abenteuern» und «Aktiv-Reisen»
Nach Marco Polo und vielen weiteren Generationen von männlichen Entdeckern gehört Ella Maillart zu den weiblichen Pionierinnen des Reisens, ähnlich wie die viel bekanntere Annemarie Schwarzenbach.
Die Tagebücher, Fotos und Texte der beiden Schweizerinnen gehören seit letztem Jahr zum Weltdokumentenerbe der Unesco. Die beiden Frauen, die gemeinsam bis nach Afghanistan reisten, werden damit endlich als zentrale Figuren der Schweizer Kulturgeschichte gewürdigt.
Die Fotos der in der Deutschschweiz kaum bekannten Ella Maillart sind aktuell in der Lausanner Ausstellung «Ella Maillart. Fotografische Erzählungen» zu entdecken.
1903 wird Ella Maillart in eine wohlhabende Familie geboren. «Kini», so ihr Spitzname, ist eine Sportskanone und macht eine für ihre Zeit unübliche Karriere: Sie fährt für die Schweizer Nationalmannschaft Ski und segelt im Schweizer Olympia-Team. Maillart macht – ganz offensichtlich – keine halben Sachen. In Interviews sagt sie später, der Sport habe sie aus ihrer schrecklichen Einsamkeit gerettet und die Freiheit beim Segeln habe ihr Leben für immer geprägt.
Mit Freundinnen segelt Maillart erst auf dem Genfersee, dann auf dem Mittelmeer. Das weitere Ziel ist ein Abenteuer auf dem Pazifik. Doch die Pläne scheitern, die Freundinnen heiraten, und Ella Maillart weiss nicht so recht, wohin mit sich. Nach dem Ersten Weltkrieg verarmt die Familie. Maillart muss sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen – und zieht 1920 nach Berlin.
Auf nach Moskau!
Die goldenen 20er-Jahre in Berlin sind geprägt von Aufbruch, Kunst und Glamour, aber auch von politischer Unruhe. Kurzzeitig probiert sich Ella Maillart als Stuntfrau in Bergfilmen und als Fotomodell. Doch ein tieferer Wunsch nach Freiheit und Grenzüberwindung bleibt unerfüllt. Sie steigt schliesslich in einen Zug Richtung Moskau.
In der russischen Metropole entdeckt sie das Kino. Inspiriert von der Filmmontage hält sie mit ihrer Leica-Kamera den sowjetischen Alltag fest. Auf eigene Faust reist sie weiter auf die Krim und überquert die Gipfel des Kaukasus. Maillart beginnt, ihre Beobachtungen über Land und Leute niederzuschreiben, und bietet ausländischen Zeitungen Artikel an.
Mit dem durch die Zeitungsbeiträge verdienten Geld finanziert Maillart ihren ersten Solo-Trip: 1932 bricht sie abermals von Moskau ins russische Turkestan auf, dorthin, wo heute Usbekistan, Kirgisistan und Kasachstan liegen. Sie reitet auf Kamelen und legt lange Strecken zu Fuss zurück, immer wieder trifft sie auf Nomadenstämme. Im ewigen Unterwegssein scheint sich für die Suchende ein Lebenssinn abzuzeichnen.
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Bild 1 von 4. Ein ungewöhnliches Paar: Ella Maillart (Mitte) und Journalist Peter Fleming (rechts) reisen 1935 gemeinsam mit einem Zelt durch Wüsten und Gebirge. Er reisst Witze, sie verhandelt an Checkpoints. Bildquelle: Nachlass Ella Maillart und Photo Elysée, Lausanne.
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Bild 2 von 4. Ella Maillart reist mit ihrer Leica-Kamera durch die asiatischen Sowjetrepubliken. Ein kleines, unauffälliges Gerät, mit dem sie den sowjetischen Alltag festhält. Bildquelle: Nachlass Ella Maillart und Photo Elysée, Lausanne.
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Bild 3 von 4. Ella Maillart 1930 in Moskau. Bildquelle: Nachlass Ella Maillart und Photo Elysée, Lausanne.
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Bild 4 von 4. Fertigmachen für den Roadtrip: Annemarie Schwarzenbach (links) und Ella Maillart bereiten sich auf ihre Reise von Genf nach Kabul akribisch vor. Sie wählen nicht nur sorgfältig Kleidung aus, sondern lesen auch viel Reiseliteratur. Bildquelle: KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Str.
In Peking lernt Maillart 1934 den «Times»-Journalisten Peter Fleming kennen. Gemeinsam machen sie sich auf ins damals britische Kaschmir. Die Route führt durch abgelegene und gefährliche Regionen Zentralchinas. In seinem späteren Bestseller «News from Tartary» (1936) beschreibt der englische Autor ihren «ungewöhnlichen Mut» und ihre «Ausdauer für eine Frau dieser Zeit». Sie hingegen bezeichnet ihn in ihrem Buch «Verbotene Reise» als «nonchalanten» und «distanzierten» Begleiter.
Zwei Frauen en route
Annemarie Schwarzenbach und Ella Maillart: Entlang des Röstigrabens steht die eine jeweils im Schatten der anderen. 1939 reisen sie gemeinsam in Schwarzenbachs Ford von Genf nach Afghanistan. Bilder der zwei Frauen en route gehen um die Welt. Doch die Reise endet im Disput.
Die suchtkranke Schwarzenbach schafft es nicht, vom Morphium wegzukommen. In Kabul trennen sich die beiden Frauen, Schwarzenbach kehrt zurück nach Europa, mit der Idee, gegen den aufkommenden Faschismus zu kämpfen. Ella Maillart hingegen reist weiter nach Südindien. Bei spirituellen Meistern sucht sie nach Antworten auf das Chaos um sie herum.
Nach dem Krieg scheint sie mit sich und der Welt in Frieden zu sein. Maillart kehrt in die Schweiz zurück, verwaltet ihren Ruhm und lebt zurückgezogen im Walliser Bergdorf Chandolin. Bis zu ihrem Tod 1997 begleitet sie Reisegruppen, hält Vorträge und gibt Interviews.
Kritische Reflexion einer Pionierin
Die Fotos, die Ella Maillart auf ihren Reisen machte, erzählen von der Fremde. Sie zeigen Menschen mit «exotischen» Fellkappen und Frisuren vor Jurten, auf Zügen oder Pferderücken. Häufig zu sehen: Frauen bei der täglichen Arbeit.
Maillarts Werk liesse sich keinesfalls auf ihr Geschlecht reduzieren, sagt Fanny Brülhart, die Kuratorin der Lausanner Ausstellung im Photo Elysée. Aber es sei auffallend, dass Maillart als Frau Zugang zu anderen Frauen gehabt und sich für ihr Leben interessiert habe. So zeigt ihr Werk, was männliche Entdecker vor ihr nicht beachteten: das Leben der Frauen.
Oft halten die Fotos intensive Blickwechsel fest. Die Menschen scheinen durch die Kamera mit Maillart kommuniziert zu haben. Das wirkt bis heute: Jetzt schauen die Menschen uns an. Wer sich länger auf diese Bilder einlässt, merkt, dass die Blicke häufig ängstlich oder ärgerlich sind.
Kein Wunder, denn Maillart ignorierte auf der Jagd nach guten Bildern die Anstandsregeln und ging nahe, zu nahe an ihre Sujets heran. Diese Respektlosigkeit werde mit Blicken kommentiert, sagt Nanina Guyer, die sich als Fotokuratorin am Museum Rietberg intensiv mit kolonialer Fotografie in Afrika auseinandergesetzt hat.
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Bild 1 von 5. Blickregie: Während die Frau mit den Zöpfen besorgt in die Kamera schaut, entzieht sich die junge Frau neben ihr unseren Blicken. Bildquelle: Nachlass Ella Maillart und Photo Elysée, Lausanne.
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Bild 2 von 5. Bilder der Fremde: Ella Maillarts Fotos von unterwegs bedienen unsere Vorstellungen. Bildquelle: Nachlass Ella Maillart und Photo Elysée, Lausanne.
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Bild 3 von 5. Gedankenspiele: Wer Bilder hinterfragt, überlegt sich zum Beispiel, was möglicherweise ausserhalb des Bildausschnitts passiert. Bildquelle: Nachlass Ella Maillart und Photo Elysée, Lausanne.
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Bild 4 von 5. Eine Inszenierung? Hintereinander gestaffelt sitzen Passagiere auf einem Zug. Bildquelle: Nachlass Ella Maillart und Photo Elysée, Lausanne.
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Bild 5 von 5. Kollabierende Zeit: Fast 100 Jahre überwindet der Blick des jungen Manns, er scheint mühelos mit heutigen Betrachterinnen und Betrachtern zu kommunizieren. Bildquelle: Nachlass Ella Maillart und Photo Elysée, Lausanne.
Auch wenn es verführerisch ist: Ella Maillart war als Fotografin nicht nur weibliche Pionierin. Sondern auch Kind ihrer Zeit. Ihre Fotos spiegeln die Vorstellungen und Klischees, mit denen sie unterwegs war: exotisierend, romantisierend und – mit dem Literaturtheoretiker Edward Said gesprochen – orientalisierend.
«Das Foto zeigt immer nur einen kleinen Ausschnitt», führt Fotokuratorin Guyer aus. Es lohne sich, darüber nachzudenken, was in diesem Ausschnitt nicht zu sehen sei, weil es für Maillart zu «modern» war oder «westlich» oder aus anderen Gründen nicht ins Bild passte.
Ein Nachlass ist auch immer das, was man aus ihm macht. Es ist wichtig, Maillarts Bilder kritisch zu befragen. Gleichzeitig ist die Art und Weise, wie sie gereist ist, schier unglaublich. Eine junge Schweizerin in den 1930er-Jahren, unverheiratet und kinderlos, bricht auf, um die Welt zu entdecken.
Gerade in der feministischen Rezeption wird ihre Biografie dankbar aufgegriffen: Eine Pionierin mehr, die eine eingefleischte Erzählung von Ermächtigung stärkt: «Frauen stehen den Männern in nichts nach!» Gewiss ist Maillarts Leben ein wichtiges Zeitdokument, gleichzeitig kann sie schnell zur Projektionsfläche werden und verklärt werden.
Hat sich Maillart selbst als weibliches Vorbild gesehen? Die deutsche Schriftstellerin Felicitas Hoppe bezweifelt das. Sie ist fasziniert von Maillarts Leben. Auch Hoppe braucht das Reisen, seitdem sie auf einem Containerschiff einmal um die Welt gefahren ist. Sie meint, dass Ella Maillart «bei allem Idealismus, eine äusserst pragmatische Person war». Eine Frau, die wie sie das Private zurückhält.
Wir wissen nur wenig über Maillarts politische Einstellung, ihr Begehren oder wie sie Beziehungen führte. Durch ihre Bücher, Fotos und Interviews sehen wir nur eine äussere Welt, wie Maillart sie dokumentiert. «Sie hat sich ganz in den Dienst der Reise gestellt. Sie wird sozusagen selbst zur Kamera, zum Medium.»
Für Hoppe zeigt sich darin Maillarts ganz persönlicher Freiheitsentwurf. Gleichwohl kennt Maillart den Ehrgeiz – beim Sport, Reisen und Schreiben. Auch sie strebt nach Ruhm. In Vorträgen und Interviews wird spürbar, wie ungern sie die Kontrolle aus der Hand gibt.
Die Crux mit der Rezeption
Heute funktioniert das Unterwegssein fast nicht mehr ohne plakative Selbstdarstellung. Welche Reise hat schon stattgefunden, wenn nicht auch ein Selfie am Urlaubsort auftaucht? Gegenwärtig ist alles entdeckt, beschrieben und zerlegt. Wir brauchen die Welt nur noch zum Schmuck für uns selbst.
Maillart hingegen ist damals womöglich noch mit einer Illusion losgezogen, fremde Alltage neu zu entdecken und zu verstehen. Durch die heutige Brille können ihre Texte und Bilder als Raubbau gelesen werden. Aber ist das nicht eine weitere Projektion? So richtig wissen wir nicht, was damals war, als ein Bild oder Gedanke entstand.
Wir machen aus ihr sicherlich die Figur, die wir brauchen. Beginnen wir Maillarts Erfahrungen und Entscheidungen kritisch, psychologisch oder popkulturell zu lesen, werden wir Teil dieses Spiels. Was hätte wohl Maillart zu unserer Interpretationsfrage gesagt? Vielleicht das: Seid mal still und hört den Vögeln zu.