Abt Martin Werlen: Ein Tausendsassa in Mönchskutte

Abt Martin Werlen ist ein Aushängeschild der katholischen Kirche der Schweiz. Nach zwölf Amtsjahren tritt der «twitternde Abt» des Klosters Einsiedeln ab. Werlen mischt sich gerne in heisse gesellschaftliche und politische Debatten ein. Damit macht er sich beliebt, polarisiert aber auch ganz schön.

Zur Pressekonferenz nach seiner Wahl zum Abt des Klosters Einsiedeln im Dezember 2001 erscheint Martin Werlen auf einem Tretroller. Das «Trottinett» haben ihm die Internatsschüler geschenkt. Ein Zeichen: In seiner von vornherein auf zwölf Jahre beschränkten Amtszeit bringt er einiges ins Rollen.

Martin Werlen bringt neuen Schwung ins Klosterleben und entpuppt sich als gewiefter Ressourcensammler. Er engagiert prominente Berater, darunter Manager Daniel Vasella, damals CEO und Verwaltungsratspräsident von Novartis. Die Kritik ist programmiert, es heisst, der Abt lasse sich mit «Abzockern» ein.

Gegen Konsumwut

Der Abt des Benediktinerklosters Einsiedelns ist auch für das Benediktinerinnenkloster Fahr bei Zürich zuständig und Mitglied der Schweizer Bischofskonferenz. In dieser Funktion meldet sich Martin Werlen immer wieder pointiert zu Wort. Leistung und Konsum im Übermass sind ihm ein Greuel, die Heiligung des Sonntags ein Herzensanliegen.

Abt auf Trottinett. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Trottinett haben ihm die Internatsschüler geschenkt. Keystone

Der Abt lässt sich als Galionsfigur der «Sonntagsallianz» einspannen. Er setzt sich für das Referendum gegen die Sonntagsarbeit und die Liberalisierung der Öffnungszeiten von Tankstellenshops ein – und gehört damit zu den Verlierern der Volksabstimmung im September 2013. Es hagelt Kritik. Politikerinnen und Politiker verbieten sich die Einmischung der Kirche in die Politik. Eine Grundsatzdebatte entbrennt. Kritik in den eigenen Reihen wird laut: Martin Grichting, Generalvikar im Bistum Chur, lässt via Medien verlauten, die katholische Kirche sei eine Religions- und Glaubensgemeinschaft und keine NGO: «Weltverbesserer gibt es genug!»

Der twitternde Abt

Die Sendung 10vor10 fragt Abt Martin Werlen im Dezember 2009, ob er sich auf ein Experiment einlassen und twittern wolle. Der Abt soll sich darauf bei Bekannten erkundigt haben, was denn twittern bedeute. Jedenfalls hat er zugesagt und daraus ist eine Erfolgsstory geworden. Mehr als 9000 Follower zählt seine Twitter-Gemeinde inzwischen. Beliebt sind seine Zug-Gleichnisse, inzwischen im Buch «#Bahngleichnis» erschienen. «Wenn man immer den nächsten Zug nimmt, verpasst man nie einen» twittert er zum Beispiel. Das Leben bestraft demnach nicht, wer zu spät kommt: Das Leben hält die nächste Chance bereit.

Er lässt kein heisses Eisen aus

Martin Werlen entwickelt sich im Lauf seiner Amtszeit vom Mönch mit konservativem Ruf zum weltoffenen Kommunikator. Die Pädophilie-Vorwürfe gegen Mitbrüder im eigenen Kloster machen ihm sehr zu schaffen. Die Aufarbeitung geht er offensiv an.

Mit seiner Schrift «Miteinander die Glut unter der Asche entdecken» überrascht er die Öffentlichkeit mit einem vehementen Plädoyer für innerkirchliche Reformen. Er stellt die Männerdomäne Kirche in Frage. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass der geschickte Abt nicht einfach Forderungen aufstellt, sondern in Frageform innerkirchliche Missstände auflistet. Er lässt kein heisses Eisen aus: Pflichtzölibat der Priester, Frauenpriestertum, Hierarchiewahn, Demokratiedefizit usw. Dafür schlägt er beispielsweise Frauen als Kardinäle vor.

«Vaterunser» war weg

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Abtwahl im Kloster Einsiedeln

Am 17. November 2013 hat sich Abt Martin Werlen in der Klosterkirche Einsiedeln von der Öffentlichkeit verabschiedet. Am 23. November 2013 wählt die Klostergemeinschaft in Einsiedeln seinen Nachfolger. Der Name des Gewählten wird aber erst bekanntgegeben, nachdem ihn Papst Franziskus bestätigt hat.

Im Januar 2012 verunfallt der Abt schwer beim Badminton-Spiel in der klostereigenen Turnhalle. Diagnose: Schädel-Hirn-Trauma. Die Schweizer Bevölkerung erfährt es via Blick-Titelschlagzeile. Gebete und Psalmen, die er vor dem Unfall auswendig wusste, sind weg, auch das «Vaterunser». Er braucht Wochen, um sich aufzurappeln. Das Lesen und Sprechen muss er sich neu aneignen.

Die Klostergemeinschaft von Einsiedeln hat bei der Wahl von Martin Werlen zum Abt erstmals in der Geschichte des Konvents eine Amtszeitbeschränkung von zwölf Jahren festgelegt. Mit 51 Jahren wird Martin Werlen wieder Mönch. Bischöfe hingegen reichen im Normalfall mit 75 Jahren beim Papst Ihren Rücktritt ein. Martin Werlen hat gar nicht erst versucht, bei seinen Mitbrüdern eine Verlängerung herauszuholen. Damit lebt er sein Amt bis zum Schluss geradlinig und konsequent.