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Muslimische Kritik am Islam nimmt zu
Aus Kultur-Aktualität vom 13.04.2021.
abspielen. Laufzeit 04:21 Minuten.
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«Allahs mutige Kritiker» Religionskritiker wollen den Islam neu erfinden

Seit dem arabischen Frühling nehme die Kritik am Islam in der muslimischen Welt zu, schreibt Islamwissenschaftler Ralph Ghadban in einem neuen Buch. Das sei eine Chance für einen neuen Islam.

Wer im Westen den Islam kritisiere, gelte schnell als muslimfeindlich, schreibt Ralph Ghadban in der Einleitung seines Buches. Dabei sei die konstruktive Kritik an der eigenen Religion auch in der muslimischen Welt weit verbreitet – besonders seit dem arabischen Frühling.

Mit seinem Buch «Allahs mutige Kritiker. Die unterdrückte Wahrheit über den Islam» will Ralph Ghadban diese innerislamische Religionskritik einem westlichen Publikum näherbringen.

Die Wissenschaft war im Islam zentral

Die rationale Kritik an der eigenen Religion hat im Islam eine lange Geschichte. Ralph Ghadban beschreibt, wie zentral die Wissenschaft und das rationale Denken in den ersten Jahrhunderten des Islams war. Griechische Werke wurden ins Arabische übersetzt, ein Haus der Weisheit gegründet.

Buchhinweis:

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Ralph Ghadban: «Allahs mutige Kritiker. Die unterdrückte Wahrheit über den Islam», Herder, 2021.

Doch dann sei dieser offene Geist verloren gegangen, schreibt Ralph Ghadban. Der Koran, vor allem aber die Sunna –die Erzählungen vom Leben Mohammeds – seien sakralisiert worden. Die Kritik damit verunmöglicht.

Islamische Vorgeschichte als Fake News?

Bei der Sunna ortet Ralph Ghadban das Hauptproblem. Seine These lautet: Die Frühgeschichte des Islams und damit eben auch die Sunna basiere nicht auf historischen Fakten. Sie sei vielmehr konstruiert worden. Der Autor stellt damit ein zentrales Element des muslimischen Glaubens in Frage.

Denn neben dem Koran ist die Sunna mit vielen Aussagen Mohammeds eine wichtige Grundlage für den Islam. Ralph Ghadban beschreibt, wie die Entstehung der Sunna schon früh und wiederholt kritisiert worden sei. Die sogenannten Koranisten lehnten die Sunna gar vollständig ab. «In der neuen Islamkritik findet diese radikale Haltung heute breite Zustimmung», schreibt Ralph Ghadban.

Der Autor

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Ralph Ghadban (geb. 1949 im Libanon) ist ein deutscher Islamwissenschaftler, Politologe und Publizist. In Deutschland ist er als Migrationsforscher vor allem in der politischen Bildung tätig.

Thesen halten der Überprüfung nicht stand

Dem widerspricht Islamwissenschaftler Reinhard Schulze. Tatsächlich erhalte die Kritik am Islam in der muslimischen Welt seit dem arabischen Frühling mehr Aufmerksamkeit. Die Koranisten seien dabei aber eine kleine Minderheit mit wenig Einfluss.

Und: Die These von der erfundenen Frühgeschichte und der konstruierten Sunna sei alt und wissenschaftlich überholt. Wieso also wärmt sie Ralph Ghadban wieder auf?

Kampf gegen den politischen Islam

Der Autor hat eine Mission: den Kampf gegen den politischen Islam. Diesen attestiert er auch den muslimischen Islamkritikerinnen und -kritikern. «Sie wollen den Islam neu erfinden», schreibt er. Indem sie die muslimische Frühgeschichte in Frage stellen und auf einen vernunftbasierten Umgang mit islamischen Quellen pochen.

Letzteres ist nicht neu. Die historisch-kritische Methode im Umgang mit dem Islam ist gerade an westlichen Hochschulen die Regel. Ralph Ghadban zeigt nun, dass es dieses Bemühen auch in der muslimischen Welt gibt.

Ein wichtiger Beitrag, denn die Kritik am Islam in der muslimischen Welt dürfte im Westen tatsächlich nur wenigen bekannt sein. Die Schwäche des Buches ist, dass der Autor die Fundamentalkritik, etwa an der Sunna, als zu bedeutend und die Geschichte tendenziös darstellt – und damit eine Chance vergibt.

SRF2 Kultur, Kultur Aktualität, 13.04.2021, 17:10 Uhr

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Roger Gasser  (allesrotscher)
    Ich bin kein profunder Islamkenner aber es ist klar dass alle Heiligen Schriften wie Thora, Bibel, Koran und weitere, für IHRE Zeit das "Mass aller Dinge" waren. Jedes dieser Bücher offenbarte die gleichen geistigen Wahrheiten, jedoch in einer der jeweiligen Fassungskraft der Menschen angepassten Form. Ausserdem geben Sie, der jeweiligen Zeit entsprechede soziale Lebenregeln. Diese sind jedoch zeitlich beschränkt gültig und irgendwann überholt. Daher die Problematik.
  • Kommentar von Markus Gasser  (Markus Gasser)
    Statt den Koran zu kritisieren und ihm damit eine existenzielle Wichtigkeit zu geben, wäre es wohl besser den eigenen Verstand zu gebrauchen und die wissenschaftliche Erkenntnisse der letzten Jahrhunderte wahr zu nehmen. Auf diesem Weg werden all diese religiösen Erzählungen relativiert und man versteht auch besser, warum diese so lange ganze Völker beherrschen konnten und immer noch können. Es braucht den Mut wahrnehmen zu wollen, was der Mensch im Kosmos wirklich ist.
  • Kommentar von Richard Meier  (meierschweiz)
    srf greift das Thema "Islam neu erfinden" immer wieder auf. Dabei sind das reine Phantastereien ohne jeglichen Bezug zur Realität. Wie soll denn ein heiliges, unantastbares Buch geändert werden können? Wer soll dem zustimmen? Das wäre ja die Stiftung einer neuen Religion. Kann man machen. Aber das ist dann nicht mehr Islam.
    1. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Wie soll ein heiliges Buch geändert werden? Indem man es relativiert, ist ja bei der Bibel das Gleiche.
    2. Antwort von Beppie Hermann  (Eine rechte Grüne)
      R.Meier, eben darum stimmt auch der Ausdruck "moderate" Muslime nicht, denn für gläubige Muslime sind sie keine Muslime. Das könnte man aber genausogut von uns Ungläubigen sagen, für die meisten von uns sind Kirchenfeste längst zu tradit.Familienfesten geworden. Uns u.wohl vielen Muslimen, aber auch 1/3 Religionsloser in der Bevölkerung, merkt keiner mehr an, ob od.welchem Glauben wir angehören, zum Glück; eine Voraussetzung für friedliches Zusammenleben, das den Begriff Menschlichkeit verdient.