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Pionierinnen am Berg
Aus Kontext vom 13.04.2021.
abspielen. Laufzeit 10:08 Minuten.
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Alpinismusgeschichte Die Pionierinnen an den Schweizer Bergen kamen aus dem Ausland

Die ersten Schweizerinnen erklommen erst im 20. Jahrhundert die Berggipfel. Der männerdominierte Alpinismus machte es ihnen schwer.

Die französische Bergsteigerin Marie Paradis war es, die 1808 als erste Frau die Spitze des Mont Blanc erreichte. Allerdings soll sie dabei streckenweise von zwei Bergführern getragen worden sein.

Mit Pelzmütze und Pumphose

Ganz aus eigener Kraft erreichte 30 Jahre später, am 4. September 1838, die Französin Henriette d’Angeville den Mont Blanc. Mit Pelzmütze, Pumphosen und wattierten Unterröcken ausstaffiert, bezwang die 44-Jährige den Berg.

Die Adlige war mit sechs Trägern unterwegs und üppig alimentiert. Sie führten Hammelkeulen, Ochsenzungen, viel Brot und etliche Flaschen Wein im Proviant mit. Erst einmal auf dem Gipfel angekommen, sollten die Korken knallen. Auch bei ihrer Rückkehr ins französische Dorf Chamonix wurde Mademoiselle gefeiert.

Eine Alpinistin und vier Männer auf einem Berggipfel.
Legende: Bestieg als erste Frau den Mont Blanc: Henriette d’Angeville. KEYSTONE/SUEDDEUTSCHE ZEITUNG PHOTO/Scherl

Erste Alpinistinnen auf dem Weg zum Gipfel

Nach Henriette d'Angeville machte sich die Amerikanerin Meta Brevoort einen Namen am Berg. Sie hatte ihre jungen Jahre in Paris verbracht und dabei Ausflüge in die Alpen unternommen.

Mit 46 Jahren stürmte sie 1871 als erste Frau die Dent Blanche, das Weisshorn und das Bietschhorn. Als sie sich im gleichen Jahr auch noch ans Matterhorn wagte, kam ihr jedoch im letzten Moment eine andere zuvor: die englische Alpinistin Lucy Walker.

Walkers Bergkarriere hatte zunächst wenig sportlich begonnen: Sie litt an Rheuma. Ihr Arzt empfahl ihr, das Leiden mit Wandern zu lindern. Deshalb begleitete sie ihren Vater und Bruder – beides Mitglieder im britischen «Alpine Club» – auf Bergtouren in die Schweiz.

Zusammen mit einheimischen Bergführern gelang es ihr, als erste Frau das Balmhorn, das Wetterhorn und den Piz Bernina zu erklimmen.

Frauen und Männer mit Eispickeln.
Legende: Ziemlich allein unter Männern: Bergsteigerin Luy Walker (hinterste Reihe) im Jahr 1870. KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV

Als erste Frau auf dem Matterhorn

Als ihr begehrtestes Ziel fehlte ihr aber noch das Matterhorn. Der Berg war am 14. Juli 1865 vom Briten Edward Whymper erobert worden. Beim Abstieg der Siebener-Seilschaft verunglückten jedoch drei seiner adligen Landsleute und ein Bergführer.

Um ein weiteres Vergiessen von adligem Blut zu verhindern, versuchte die britische Monarchin Queen Victoria, das Bergsteigen ganz zu verbieten. Doch Alpinisten und Touristinnen zog es jetzt erst recht nach Zermatt.

Die Alpen waren für Reisende aus dem kolonialistischen Empire ein noch weitgehend unberührtes Gebiet, das sie sehen, erforschen – und auch erobern wollten. Mit dem Bergführer Melchior Anderegg an ihrer Seite erklomm Lucy Walker am 22. Juli 1871 als erste Frau das Matterhorn.

Erstbesteigungen im Winter

Der Tourismus in den Schweizer Alpen erfuhr im letzten Drittel des 19. Jahrhundert einen Aufschwung. Gäste kamen nun vermehrt auch im Winter und bestiegen mit Skiern die Berge.

Von Eis und Schnee besonders angezogen war Margret Anne Jackson. Die Engländerin unternahm 1888 vier Erstbesteigungen rund um Grindelwald, unter anderem das Lauteraarhorn und das Grosse Fiescherhorn.

Jackson veröffentlichte darüber einen Touren-Bericht, der unter dem Titel «A Winter Quartett» im britischen «Alpine Journal» erschien.

Bergsport und Feminismus

In die Fussstapfen dieser erfolgreichen ausländischen Alpinistinnen traten Schweizerinnen erst im 20. Jahrhundert. Eine der frühsten einheimischen Pionierinnen war die Extrembergsteigerin Loulou Boulaz.

1908 in Avenches geboren, wuchs sie in ärmlichen Verhältnissen auf. Nach der Handelsschule war sie bei der Internationalen Arbeitsorganisation in Genf tätig.

Für Rita Christen, die seit 2020 als erste Frau den Schweizer Bergführerverband präsidiert, war Boulaz ein Vorbild: «Sie hat damals beeindruckend schwere Touren gemacht.» Dazu gehörte im Juli 1937 ihr Versuch an der Eigernordwand mit ihrem Lebenspartner Pierre Bonnant.

Boulaz habe «den Bergsport mit einer feministischen Einstellung verbunden» und immer wieder Grenzen überschritten, sagt Rita Christen, etwa indem sie – trotz Verbot – im Konkubinat lebte. Boulaz war politisch in der Linken engagiert und wurde deshalb «Loulou la rouge» genannt.

Schweizer Alpenclub als Männerbastion

Boulaz’ Ruf ging über die Schweiz hinaus. Sie wurde Ehrenmitglied des britischen «Alpine Clubs», der 1857 in London gegründet wurde – des ältesten Bergsteigerverbands der Welt.

Solche Ehrenmitgliedschaften reichten manchen Alpinistinnen aber nicht. Lucy Walker rief 1907 den «Ladies Alpine Club» ins Leben. Und das just in jenem Jahr, als der Schweizer Alpenclub (SAC) die Frauen explizit ausschloss.

Den Schweizer Alpinistinnen wehte damit ein eisiger Wind entgegen. Schliesslich organisierten sie sich selbst und gründeten 1918 den Schweizer Frauen-Alpenclub (SFAC).

Späte Öffnung

Die Frage, ob man auch Frauen in den SAC aufnehmen wolle, wurde in den 1970er-Jahren erneut diskutiert: Während die einen Männer auf eine weibliche Auffrischung hofften, befürchteten andere eheliche Konflikte, wenn sie mit anderen Frauen auf Touren gingen.

Diesmal wollten die Schweizer Alpinistinnen eine vollwertige Anerkennung. Erst 1980 kam es schliesslich zu einem gleichberechtigten Zusammenschluss.

Exklusive Bergführer-Ausbildung

Doch noch gab es ein Problem: Die Ausbildung, die von Gebirgskantonen Graubünden, Bern und Wallis organisiert wurde, war an die Wehrdienstpflicht geknüpft.

Ein Dienstverweigerer gelangte deswegen bis vor Bundesgericht. Dieses entschied, dass er zur Ausbildung zugelassen werden müsse, und hielt zudem fest, dass auch das Geschlecht kein Ausschlusskriterium sein dürfe.

Die ersten Bergführerinnen

So kam es, dass die Schweizer Bergsteigerin Nicole Niquille 1986 als erste Frau die Ausbildung zur Bergführerin abschloss wie Rita Christen später in den 1990er-Jahren: «Es gab damals erst ein paar wenige Bergführerinnen. Es hat mich gereizt, einen Beruf zu ergreifen, in dem ich als Frau doch noch eine gewisse Pionierrolle einnehmen konnte.»

Mittlerweile sind in der Schweiz 42 Bergführerinnen unterwegs. Dies entspricht einem Frauenanteil von 3 Prozent. Für Rita Christen ist klar, sich dafür einzusetzen, dass es bald mehr werden.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 15.4.2021, 9:03 Uhr

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3 Kommentare

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  • Kommentar von Nicholas Tokkaris  (N.Tokkaris)
    Was genau hat die Frauen vor dem 20. Jh. daran gehindert Berggipfel zu ersteigen? Absolut niemand. Der Feminismus und die SJ Kultur haben trotzdem immer eine generalisierte Antwort parat: DAS PATRIARCHAT. Lächerlich und Öde. Lasst euch mal was besseres einfallen.
    1. Antwort von Thomas Brunner  (ToBru)
      Sie ignorieren völlig den gesellschaftlichen Druck, dem (nicht nur) Frauen ausgesetzt waren, vorgegebenen Rollenbildern zu folgen. Allein die Frauen quasi vorgeschriebene Kleidung hinderte sie daran, sportlich aktiv zu werden, nicht nur beim Bergsteigen.
    2. Antwort von Roman Knoepfel  (winglet55)
      Was mir gehörig auf den Keks geht, dass man mit heutigem Wissen, auf die früher halt anderen Gegebenheiten zielt. Einfach bemühend und peinlich.