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Spanien will Menstruationsurlaub einführen
Aus Rendez-vous vom 16.05.2022.
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Als erstes Land in Europa Spanien plant den Menstruationsurlaub

Bei starken Regelschmerzen sollen Frauen nicht arbeiten müssen – bei vollem Lohn: So sieht es ein neuer Gesetzesentwurf der spanischen Regierung vor, der noch vom Parlament bestätigt werden muss.

Wie soll der Menstruationsurlaub aussehen? Frauen, die während ihrer Periode starke Schmerzen erleiden, sollen für einen nicht genauer definierten Zeitraum zu Hause bleiben dürfen – immer unter ärztlicher Aufsicht oder Anweisung. Es ist also kein Urlaub, sondern eine erleichterte Krankschreibung, sozusagen die Erweiterung eines bereits bestehenden Rechts.

Warum geht ausgerechnet bei diesem Thema Spanien voran? «Die derzeit regierende spanische Linkskoalition hat sich feministische Politik gross auf die Fahne geschrieben», sagt die Journalistin Julia Macher. Die Koalition setzt dabei immer auch auf Symbole und politische Massnahmen, die Debatten anstossen – zum Beispiel im Bereich der Medizin.

Was will die Regierung mit dieser Massnahme bezwecken? Laut Gesundheitsexperten werden Krankheiten wie Endometriose oder Erkrankungen, die mit der Menstruation in Verbindung stehen, oft spät und unzureichend erkannt. Die Vorstellung, dass die Periode schmerzhaft sein müsse, stecke tief in unseren Köpfen. «Dieser falschen Vorstellung will man mit dem Menstruationsurlaub entgegenwirken», sagt Julia Macher.

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aus Ratgeber vom 13.09.2021.
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Was sagen die Kritiker? Der Vorstoss für diesen «Urlaub» war innerhalb der spanischen Koalition nicht unumstritten: Die Wirtschaftsministerin Nadia Calviño sprach von der Gefahr einer Stigmatisierung von Frauen. Letzten Endes konnte sie sich damit aber nicht durchsetzen.

Drohen den Frauen Nachteile im Arbeitsleben? In Italien ist bereits ein ähnliches Vorhaben vor einigen Jahren gescheitert, weil die Frauen eine Stigmatisierung fürchteten. In Japan könnten Frauen bei Regelschmerzen zu Hause bleiben, tun das aber offenbar selten, weil sie mit ihren Menstruationsproblemen nicht zu ihren männlichen Vorgesetzten gehen möchten. «Genau die gleichen Befürchtungen gibt es auch in Spanien», so Julia Macher.

Wo Frauen während der Periode frei bekommen

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Eine Auswahl:

In Japan dürfen Frauen seit 1947 pro Monat einen Tag Urlaub nehmen. Allerdings sind Unternehmen nicht dazu verpflichtet, den Frauen bezahlten Urlaub zu gewähren.

In Indonesien haben Frauen ein Recht auf zwei Tage Menstruationsurlaub pro Monat – wobei es sich dabei nicht um zusätzlichen Urlaub handelt.

In Südkorea haben Arbeiterinnen Anspruch auf Menstruationsurlaub. Wenn sie den ihnen zustehenden Menstruationsurlaub nicht nehmen, wird ihnen eine zusätzliche Bezahlung zugesichert.

In Taiwan gewährt das Gesetz Frauen zusätzlich drei Tage Menstruationsurlaub pro Jahr.

In Sambia haben Frauen seit 2015 einen gesetzlichen Anspruch auf einen freien Tag pro Monat. Dieser wird auch als «Mother’s Day» bezeichnet.

Welche Massnahmen müssten noch getroffen werden? Die Gleichstellungsbeauftragte von Comisiones Obreras , einer grossen spanischen Gewerkschaft, begrüsst den Vorstoss, betont aber gleichzeitig, dass viele Details noch nicht ausreichend geklärt sind – vor allem, was den Schutz der Privatsphäre angeht.

Ausserdem müssten bei solchen Massnahmen auch die Gleichstellungspläne in den einzelnen Betrieben ausgebaut und überwacht werden. Nur so könne man einem Szenario vorbeugen, dass Personalchefs beim Einstellungsgespräch im Zweifel einen Mann rekrutieren, denn eine Frau könnte sich einmal im Monat ganz leicht krankschreiben lassen.

Wie kommt der Vorstoss in der Bevölkerung an? Es wird stark über dieses Thema diskutiert. Es gibt Menschen, die die Idee begrüssen und Menschen, die den Vorstoss für eine diskriminierende Massnahme halten. Auf Twitter und in sozialen Netzwerken trenden die entsprechenden Hashtags.

«Das Ziel der Regierung wurde erreicht: eine gesellschaftliche Debatte anzustossen, über Menstruation und was Menstruation für bestimmte Frauen bedeutet», ist sich Macher sicher.

SRF 4 News, Rendez-vous, 16.05.2022, 12:30 Uhr;

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19 Kommentare

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  • Kommentar von SRF Kultur (SRF)
    Vielen Dank für Ihre Beiträge. Wir schliessen die Kommentarspalte an dieser Stelle und wünschen Ihnen einen schönen Abend.
  • Kommentar von Florian Kleffel  (Hell Flodo)
    Ich sehe das gleiche Problem wie die im Artikel und von vielen hier schon genannten: Das wird zu einer (weiteren) Benachteiligung von Frauen im Bewerbungsprozess führen. Das lässt sich dann mit Regulierung nur teilweise bekämpfen. Höchstens mit strikten Quoten - aber die sind schnell einmal selbst diskriminierend: Wenn in einem Beruf zum Beispiel 70% der Bewerbungen von einem Geschlecht kommen, man aber mindestens 40% des anderen einstellen muss, diskriminiert man in Bezug auf Chancen.
  • Kommentar von Emmy Müller  (Emmy)
    Musste vor 65 Jahren schon starke Schmerzmittel spritzen...über Jahre...bevor man wusste, dass es eine ausgeprägte Endometriose war...heute würde man das anders behandeln und dann sollte das mit leichteren Medi zu behandeln sein.