Alte Eisenmonster bringen eine Region zu neuer Blüte

Bis vor Kurzem glaubte niemand in Sachsen-Anhalt, dass Schaufelrad-Bagger von alten Tagebauen ein Wirtschaftsfaktor sein könnten. Das Bauhaus Dessau hatte diese verrückte Idee – und verwandelte eine zerstörte Landschaft in industrielle Gartenreiche. Weitere Visionen lassen nicht auf sich warten.

Blick auf einen Schaufelradbagger Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Aus Industrie wird angewandte Kunst: Ferropolis - die «Stadt aus Eisen». Jutta Schwengsbier

«Viele lachten uns damals aus», erklärt Thies Schröder, Geschäftsführer von «Ferropolis». Schröder gelang das damals Undenkbare: Er verwandelte die Dinosaurier aus Eisen in «Ferropolis» – eine Stadt aus Eisen.

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Ein Schild, auf dem «Ferropolis» steht.

Jutta Schwengsbier

«Ferropolis» liegt auf einer Halbinsel im ehemaligen Tagebau Golpa-Nord. Die «Stadt aus Eisen» ist heute Museum, Industriedenkmal und Veranstaltungsareal.

Heute ist Ferropolis eine der wichtigsten Eventlokalitäten in Ostdeutschland. Mehr als 100'000 Gäste besuchen jedes Jahr Konzerte und Gastspiele in der Landschaft, die die früheren Braunkohletagebaue nahezu ganz zerstört hatten.

Heute lacht niemand mehr

«Den Konzertbesuchern folgten bald die Investoren», erklärt Rolf Kuhn, der zusammen mit Thies Schröder Visionär dieses Wandels ist. Der ehemalige Direktor des Bauhauses Dessau hatte bereits kurz nach der Wende einen Plan vorgestellt, wie aus der Industriebrache, einer vergifteten und zerstörten Umwelt, ein «industrielles Gartenreich», eine «klingende Seenlandschaft» entstehen könnte.

«Wenn die Landschaft völlig kaputt ist, reicht es nicht, die Seen nur zu Badeseen zu machen», ist Kuhn überzeugt. «Wenn dort Tourismus entstehen soll, braucht die Region ein neues Gesicht. Wir haben das mit schwimmenden Häusern versucht.» Heute lacht niemand mehr. Den Touristen folgten bald die Investoren. Inzwischen ist Sachsen-Anhalt ein wichtiger Standort für erneuerbare Energien in Deutschland.

Vom Industriedenkmal zur Landschaft voller Windräder

Der Erfolg für Ferropolis steht auch für die Modernisierung des Bauhauses Dessau, das mit diesem Projekt gleichsam zum Transformationszentrum der Moderne wurde. «Wir wurden es, indem wir früh eine alte Frage neu stellten», sagt Kuhn. «Kann angewandte Kunst, kann modernes Städtedesign soziale Verwerfungen des Industriezeitalters lindern?»

Soeben hat das Bauhaus Dessau eine neue Bewegung ins Leben gerufen. «Wir nennen sie die ‹Energieavantgarde›», erläutert Kuhn. Entsprechend der Visionen des Zukunftsforschers Jeremy Rifkin wollen die Macher des Bauhauses Dessau nun nichts weniger als die Zukunft grundlegend verändern. Aber diesmal geht es nicht nur um ein Gebiet im Osten Deutschlands.

Ambitionierte Projekte für die Zukunft

Es geht gleich um die Zukunft der ganzen Industriegesellschaft. Das Bauhaus will die dritte industrielle Revolution entscheidend mitgestalten. Die Voraussetzung: Die zentrale Energiegewinnung in eine dezentrale Energieversorgung umzuwandeln – durch erneuerbare Energien.

Wichtiger Partner in der «Energieavantgarde» von Dessau ist deshalb Thomas Zänger, Geschäftsführer der kommunalen Stadtwerke. «Wir müssen derzeit in neue Anlagen investieren. Dabei wollen wir nicht mehr nur einen grossen Erzeuger hinstellen, sondern mehrere kleine, die man dann sehr flexibel an- und abschalten kann.» Irgendwann, davon ist Thomas Zänger überzeugt, wird Strom durch erneuerbare Energien dann für viele kostenlos werden. Genau so, wie es Jeremy Rifkin vorhergesagt hat.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 18.11.14,12.10 Uhr