American Football – ein Nationalsport schadet seinem Volk

Football sieht nicht nur brutal aus, der US-Volkssport ist auch brutal: Viele Spieler erleiden bleibende Hirnschäden. Die Folge: Immer mehr Eltern verbieten ihren Kindern, Football zu spielen. Den USA droht der Verlust ihres Nationalsports.

Zwei Spieler (einer hält den Ball) rasen Kopf voran aufeinander zu. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ist es angesichts der immensen Risiken für die Spieler moralisch noch vertretbar, ein Football-Spiel anzuschauen? Reuters

Dem Super Bowl nach zu schliessen, ist die American-Football-Welt in bester Ordnung. Mehr als 80‘000 Zuschauer feuerten beim Endspiel in New Jersey die Denver Broncos und die Seattle Seahawks an. Rund 111 Millionen Menschen – ein Drittel der US-Bevölkerung – verfolgten das Finale der National Football League (NFL) auf dem Fernsehschirm oder im Internet.

Doch der schöne Schein trügt. Im Vorfeld zum US-Sportereignis des Jahres war erstmals auch öffentlich von der Kehrseite des Nationalsports die Rede: von der Gefahr massiver Hirnschäden. Daran knüpfte sich die folgerichtige Frage: Ist es angesichts dessen moralisch noch vertretbar, ein Football-Spiel anzuschauen?

Immer mehr ehemalige Footballspieler leiden an Demenz

Es liegt in der Natur des beinharten Kontaktsports, dass die Spieler immer wieder mit den Köpfen zusammenstossen. Ein Helm, der diese Schläge gänzlich abfängt, muss erst erfunden werden.

Bei Boxern weiss man seit langem, dass die vielen Schläge auf den Kopf zu einer besonders schlimmen Form von Hirnschädigung führen: zur chronisch-traumatischen Enzephalopathie (CTE). 2005 wurde sie erstmals bei einem Football-Spieler diagnostiziert. Die Symptome sind unter anderen Abnehmen der Denkleistung, Gedächtnisstörungen, mangelnde Impulskontrolle, schwere Depressionen bis zu Selbstmord.

Ärzte und Neurologen warnen vor den Folgen dieser brutalen Sportarten schon seit Jahren. Doch die Medien und die Bürger wurden erst aufmerksam, als sich immer mehr ehemalige Footballspieler zu Wort meldeten. Einige, weil sie selber an CTE litten, andere, weil sie junge Leute und Eltern über die Risiken aufklären wollen.

«Mein Enkel wird nicht Football spielen»

Zu letzteren zählt etwa der 60 Jahre alte Harry Carson. Der ehemalige Star der New York Giants spricht ruhig, überlegt, eloquent. Hat er nicht Angst davor, auch an CTE zu erkranken? «Wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich sagen – wahrscheinlich habe ich schon CTE. Es gibt so viele Spieler mit ernsten, neurologischen Störungen.» Hätte er als junger Mann über die Folgen von Football gewusst, was er heute weiss, wäre er sicher nicht Profi geworden. In seiner Familie hat er ein Machtwort gesprochen: «Mein Enkel wird nicht Football spielen.»

Es scheint, als denken auch andere Famlien so. Bei Pop Warner, der führenden Football-Jugendliga, gingen die Einschreibungen um fast zehn Prozent zurück. US-Präsident Barack Obama erklärte kürzlich in einem Interview: Hätte er einen Sohn, würde dieser gewiss nicht Football spielen.

Der Anfang vom Ende einer Institution?

Football ist in den USA mehr als nur ein populärer Mannschaftssport. Es ist ein Stück Identität. Kein Wunder also, dass viele Bürger und Bürgerinnen nicht so recht wissen, was sie nun denken sollen.

Eine Umfrage des Marist College Center for Sports Communication ergab: Das Risiko von Hirnschäden wäre für jeden Dritten ein wichtiger Punkt in der Entscheidung, ob der Sohn Football spielen darf oder nicht. Aber der Grossteil, drei Viertel der Befragten, meint dennoch, Football sei eine charakterbildende Erfahrung.

Für Keith Strudler, der die Studie durchführte, ist sicher, dass Football sich irgendwie verändern wird. Der Grund ist der ausgeprägte Gerechtigkeitssinn der Amerikaner. Die Bürger empfinden es als ungerecht, wenn Spieler ihr letztes geben und deshalb mit lebensverändernden Verletzungen dastehen. Für Strudler ist klar: «Bei diesem Gedanken ist Amerikanern einfach unbehaglich zumute.»

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