Angst vor dem Terror? Gelassenheit ist gefragt

Seit den Terroranschlägen in Frankreich und Brüssel herrscht in Europa Alarmbereitschaft. In Bahnhöfen patrouillieren Sicherheitsleute. In Frankreich lehren Kurse, wie man bei einem Attentat helfen kann. Carlo Strenger, Professor für Psychologie und Philosophie in Tel Aviv, rät zu mehr Gelassenheit.

Bewaffneter Polizist schaut durch das Fenster in einen Zug. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein erhöhtes Sicherheitsangebot steigert nicht zwingend das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung. Keystone

SRF: Tragen Kurse und sichtbare Sicherheitskräfte wirklich zur Beruhigung und zum Sicherheitsgefühl der Bevölkerung bei?

Carlo Strenger: Ich bin nicht sicher, ob sie zur Beruhigung beitragen. Niemand gewöhnt sich an Terrorangriffe. Es kann je nachdem aber schon dazu führen, dass ein Menschenleben gerettet wird.

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Zur Person

Carlo Strenger

Wikimedia/Rami Zarnegar

Carlo Strenger kommt ursprünglich aus Basel und ist Professor für Psychologie und Philosophie in Tel Aviv. Er ist Kolumnist verschiedener Zeitungen, unter anderem bei der «Neuen Zürcher Zeitung» und «The Guardian». Seit 12 Jahren ist er Mitglied in zwei Terror-Forschungs-Organisationen in den USA und in Europa.

Glauben Sie, dass die Angst verstärkt wird, wenn solche Kurse angeboten werden?

Europa wird damit leben müssen, dass der Terror ein Teil des Lebens ist. Insofern, obgleich sich niemand auf die traumatische Auswirkung eines Terrorangriffs im Voraus einstellen kann, hat es schon einen Wert, dass sich die Bevölkerung einfach an den Gedanken gewöhnt, dass es solche Angriffe geben wird.

Aber führen bewaffnete Soldaten an Bahnhöfen und an Strassenecken wirklich zu einem erhöhten Sicherheitsgefühl?

Soldaten sind nicht da, um das Sicherheitsgefühl zu erhöhen, sondern, um potentielle Terroristen abzuschrecken und die Möglichkeit weiterer Terroranschläge zu verhindern.

Mit welchen Massnahmen könnte denn die Angst in der Bevölkerung verringert werden?

Das ist schwierig zu sagen. Auch in Israel hat sich niemand je wirklich an Terrorangriffe gewöhnt. Selbst während der schrecklichsten Zeiten der zweiten Intifada, als während Jahren fast täglich Selbstmordanschläge verübt wurden. Ich würde sagen, es ist mehr eine Frage der inneren Widerstandsfähigkeit, nicht jedes Mal das Gefühl zu haben, die ganze Zivilisation würde zusammenbrechen.

Was konkret raten Sie den Menschen in Europa, die Angst vor Terroranschlägen haben? Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass man im Falle eines Anschlags betroffen wäre, ist ja gering.

Die statistische Wahrscheinlichkeit ist überall sehr gering. Das ist das Paradoxe an der Angelegenheit. Wie Obama vor kurzem gesagt hat: In den Vereinigten Staaten, wenn man die letzten zwanzig Jahre betrachtet, ist die Chance an einem Ausrutscher in der Badewanne zu sterben immer noch höher, als bei einem Terrorangriff umzukommen. Das wird auch in Europa die Wahrscheinlichkeitsquote bleiben.

Was den Terror so effektiv macht, ist, dass es ein sehr spektakulärer Akt ist. Wichtig ist, dass sowohl die Bevölkerung als auch die Politiker Terrorakten mit einer «gewissen Kühle» begegnen müssen. Terror hat dann Erfolg, wenn wir uns terrorisieren lassen. Ich will nicht sagen, wir sollen uns deswegen nicht erschrecken und ganz sicher nicht, dass betroffene Familien nicht einen furchtbaren Schock erleiden. Wir müssen uns aber im Klaren zu sein, dass das Leben weiter geht – wie nach Verkehrsunfällen. Es werden weiterhin jedes Jahr mehr Menschen im Verkehr ums Leben kommen als bei Terrorangriffen.

Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 15. April 2015, 06.50 Uhr