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Den Verlierern ein Gesicht geben
Aus Kontext vom 13.03.2020.
abspielen. Laufzeit 16:18 Minuten.
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Ansichten von Abgehängten Leben in einer Stadt, die am Boden liegt

Jeder Dritte ist arbeitslos, jeder Zweite arm: Ein neuer Fotoroman erzählt vom Alltag in der französischen Provinzstadt Denain.

Schulbeginn im Lycée Mousseron von Denain. Vincent Jarousseau steht vor einer 10. Klasse, projiziert das Titelblatt seines Fotoromans auf die Leinwand. Drei junge Männer und eine junge Frau sind zu sehen. Sie gucken in die Ferne. Es ist Sommer. Blauer Himmel, Ferienstimmung. Trotzdem sehen die Vier skeptisch aus.

Arm und schmuddelig

«Mein Fotobuch spielt in eurer Stadt. Wie denkt ihr über Denain?», fragt Jarousseau. «Hier ist es unsicher», sagt Dylan. Er sehe Betrunkene und Schlägereien. Viele Läden stünden leer.

Auch für die 15-jährige Jade steht fest: «In Denain gibt es viele Sozialfälle, die Stadt ist schmutzig. Sie ist echt kein guter Ort.»

Zwei junge Männer schlagen sich mit einem Ball durchs hohe Grass.
Legende: Geht's hier Richtung Zukunft? Für sie wird es schwierig sein, in Denain einen Job zu finden. Vincent Jarousseau

Genau solche Urteile hätten ihn neugierig gemacht, sagt Jarousseau. «Vor 50 Jahren war Denain wohlhabend. Hier wurde Kohle und Stahl produziert, dadurch hat es zum Reichtum von Frankreich beigetragen.» Heute aber sei es eine der ärmsten Städte im Land.

Anschluss verpasst

Der Fotograf wollte herausfinden, wie es sich in einer Stadt lebt, die den Anschluss verpasst hat. Dazu hat er über zwei Jahre hinweg viele Woche in Denain verbracht und sich das Vertrauen von acht Familien erworben. Von den Erwachsenen arbeiten einige und kommen knapp über die Runden. Andere leben von staatlicher Hilfe.

Vincent Jarousseau

Vincent Jarousseau, 46 Jahre, lebt in Paris. Sein erster Fotoroman «L´illusion nationale» ist 2017 erschienen. Er spielt in drei Städten, die 2014 vom rechtsextremen Front National erobert wurden. Auch in diesem Buch sind die Aussagen aller Protagonisten in Sprechblasen zu lesen und wurden von den Betroffenen abgesegnet. Jarousseau bezeichnet sie daher als Mit-Autoren.

Schon vor Beginn der Gelb-Westen-Bewegung hat sich Vincent Jarousseau für Menschen interessiert, die am unteren Rand der Gesellschaft überleben. Sein neuer Fotoroman «Die Wurzeln des Zorns» trifft den Nerv der Zeit, deshalb erscheint es dieser Tage auch auf Deutsch.

Vincent Jarrousseau projiziert das Foto eines verhärmten Mannes an die Wand. Guillaume sitzt am Küchentisch und studiert Sonderangebote. Um seine Familie zu ernähren, kauft er oft Lebensmittel, deren Verfallsdatum gerade abläuft.

«Guillaume war ein Heimkind und ist nun Alkoholiker. Er bemüht sich, seine Kinder gut zu erziehen. Sein ältester Sohn Tanguy hat sogar das Abitur bestanden und zwei Jahre studiert», sagt Jarousseau.

Eine Zeitungsseite, auf der billige Produkte abgebildet sind.
Legende: Bitte billig! In Denain ist jeder Dritte arbeitslos. Vincent Jarousseau

«Macron ist gegen uns»

Die Gedanken der Protagonisten sind in Sprechblasen zu lesen. Tanguy sagt: «Ich will Arbeit finden, egal was.» Ein Foto zeigt, wie der 20-Jährige Brot ausliefert, nachts, 42 Stunden pro Woche, für den Mindestlohn.

Politisch tickt er wie viele Menschen in Denain. «Ich habe immer für Marine Le Pen gestimmt. Macron mag ich echt nicht. Der ist nicht für uns.» 57 Prozent der Wähler in Denain haben bei der Stichwahl für das Präsidentenamt 2017 für die rechtsextreme Parteichefin gestimmt.

Denain: Jeder Dritte ist arbeitslos

Denain liegt zehn Kilometer vor Valenciennes und unweit der belgischen Grenze. Nach dem Krieg war es eine blühende Industriestadt mit 30'000 Einwohnern. Aber 1988 machte der Stahlkonzern Usinor dicht.

Seither ging es mit Denain bergab: 10'000 Bewohner wanderten ab. Von den übrigen ist jeder Dritte arbeitslos, fast jeder Zweite gilt als arm.

Unbekannte Welten

Eine Schülerin fragt, warum sich Jarousseau ausgerechnet für die Armen interessiert. «Weil die Unterschichten in den Medien selten auftauchen, und wenn, dann eher karikaturartig oder negativ. Ich wollte diese ‹unsichtbaren› Menschen mit Würde behandeln.»

Ein Junge mit Mütze. Daneben eine Sprechblase: «Macron mag ich echt nicht. Der ist nicht für uns.»
Legende: Brotauslieferer Tanguy: «Macron mag ich echt nicht. Der ist nicht für uns.» VINCENT JAROUSSEAU

Der Fotograf verbringt den ganzen Tag in der Schule. Unermüdlich beschreibt er den täglichen Überlebenskampf einer Klasse, die eben nicht in Bewegung ist, «en marche» – nach dem Leitmotiv von Staatspräsident Macron.

Am Abend kehrt er in einer Brasserie ein und zeigt dem Wirt sein Buch. Joseph Sauvage liest einzelne Sprechblasen, nickt.

Buchhinweis

Vincent Jarousseau: Die Wurzeln des Zorns. Aus dem Alltag von Menschen, die in unserer Gesellschaft nicht mehr zählen. Blessing, 2020.

Letzte Hoffnung

«Genau so läuft es hier: Seit 25 Jahren gibt es keine Arbeit. Eltern, Kinder – immer das gleiche Problem. Viele sind Analphabeten. Aus denen wird nichts. Und niemand tut etwas, um Denain zu entwickeln.»

Am Sonntag stehen Kommunalwahlen an. Der Rassemblement National hat in Denain erstmals eine Liste aufgestellt. Der Wirt hofft, dass die Rechtsextremen die Sozialisten aus dem Rathaus drängen werden. Die etablierten Kräfte haben es auch bei ihm verspielt.

Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 13.3.2020, 9.00 Uhr

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Hans Klein  (HansKlein)
    Aber dafür ist der reichste Mann der Welt jetzt ein Franzose!
    Darauf können die Einwohner von Denain und ganz Frankreich doch mal richtig stolz sein! Und dankbar!
    Aber statt dessen: Nur Gejammere!
    (Nicht mal eine richtige "Neiddebatte" oder einen Aufruf zum Umsturz der ungerechten Verhältnisse bekommen sie 231 Jahre nach der Französischen Revolution noch hin…)

    PS: Wer Sarkasmus findet, darf ihn behalten und sich einrahmen.
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  • Kommentar von Sandra Stettler  (S. Stettler)
    Die Zukunftsaussichten für diese Leute sind nicht rosig. Einfach dasitzen und warten, dass es besser wird, bringt absolut nichts. Darauf warten, dass einem der Staat hilft, auch nicht. Und Kinder sollte man eigentlich nur haben, wenn man sie sich leisten kann.
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    1. Antwort von Olivier Dombas  (mod)
      In was für einer Blase leben Sie denn? Kinder sollte nur haben, wer sie sich leisten kann? Geht es bitte noch etwas überheblicher?
      Ausserdem: Wenn Bildung und Perspektiven fehlen, dann ist es nicht leicht, sich ein besseres Leben zu erkämpfen. Durch Frankreichs neoliberale Politik kann die Wirtschaft tun und lassen, was sie will und die Menschen, die nicht zum BIP beitragen werden links liegen gelassen. Da verstehe ich, dass die Leute das RN wählen, auch wenn es falsch ist.
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  • Kommentar von Alex Schneider  (Alex Schneider)
    „Dutzende Millionen von Beschäftigten sind in Europa und den USA in den letzten zwei Jahrzehnten durch liberalisierte Importe aus Asien aus den traditionellen Industrien verdrängt worden, und zwar ohne nachhaltige soziale Auffangstrukturen, ohne Umschulung und ohne Lohnschutz. Für diese Verlierer ist der Reflex naheliegend, dass sie den nationalistischen Wortführern des Protektionismus mehr vertrauen.“ (R. Strahm in der BaZ vom 31.12.2019)
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