«Archivum Secretum»: das private 85-Kilometer-Archiv des Papstes

Es ist sagenumwoben und der Traum jedes Kirchenhistorikers: das Vatikanische Geheimarchiv. Doch wie geheim ist es eigentlich? Und wie kommt es, dass sich Verschwörungsgeschichten rund um dieses Archiv ranken?

Ein Gang zwischen Archivregalen mit alten Büchern des Vatikans. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Nicht geheim, aber noch lange nicht restlos erforscht: das Vatikanische Geheimarchiv. Keystone

Das Vatikanische Geheimarchiv ist eine Dokumentensammlung mit einer sehr speziellen Aura. Es wurde 1612 von Papst Paul V. gegründet und enthält rund 85 Regalkilometer Akten. Die ältesten stammen aus dem 8. Jahrhundert. In diesem Archiv lagern Dokumente, die nicht nur das Herz von Kirchenhistorikern höher schlagen lassen. Briefe von Michelangelo, Marie Antoinette oder Maria Stuart beispielsweise, die Registereintragung der Bannbulle Martin Luthers oder Akten aus den Prozessen gegen Giordano Bruno, Galileo Galilei und die Templer. Aber auch ganz unspektakuläre Papiere wie Namensregister oder Rechnungsbücher werden dort aufbewahrt.

Video «Hubert Wolf über den Zugang zum Vatikanischen Archiv» abspielen

Hubert Wolf über den Zugang zum Vatikanischen Archiv

0:44 min, vom 19.9.2013

Nicht ganz so geheim

«Archivum Secretum Apostolicum Vaticanum» heisst das Archiv mit richtigem Namen. Klingt geheimnisvoll. Da kann die Fantasie schon mal mit einem durchbrennen. So geschehen bei Dan Brown, dessen Thriller «Illuminati» unter anderem in ebendiesem Archiv spielt. Doch so okkult wie es in Buch und Film daherkommt, ist das Vatikanische Geheimarchiv bei weitem nicht.

Die Bezeichnung «Geheimarchiv» ist ohnehin missverständlich. Denn geheim meint hier eigentlich privat. Gemeint ist das Privatarchiv des Papstes – im Gegensatz zu den Archiven kirchlicher Behörden. Doch auch privat ist es schon lange nicht mehr wirklich. Bereits seit 1881 ist das Vatikanische Geheimarchiv in Teilen öffentlich zugänglich. Dass die Dokumente bis dahin allerdings grösstenteils unter Verschluss gehalten wurden, öffnete Spekulationen Tür und Tor. So entstanden bisweilen recht abenteuerliche Gerüchte wie zum Beispiel jenes, dass die Kirche alte Bibelhandschriften verstecke, die unbekannte skandalöse Passagen enthalten.

Der Vatikan und der Nationalsozialismus

Zusatzinhalt überspringen

Buchhinweise

Hubert Wolf: «Die Nonnen von Sant’Ambrogio». C.H. Beck Verlag 2013.

Hubert Wolf: «Papst & Teufel. Die Archive des Vatikan und das Dritte Reich». C.H. Beck Verlag 2008 / Taschenbuch 2012.

Heute erhalten Wissenschaftler relativ unbürokratisch Einlass ins Geheimarchiv. Aktuell sind ihnen alle Archivbestände bis 1939, also bis zum Pontifikat von Papst Pius XI., frei zugänglich. Mit besonderer Spannung erwartet man die weitere Öffnung der Akten – insbesondere jener aus der Zeit von Papst Pius XII. (1939–1958). Die Forschung verspricht sich dann nämlich Aufschluss über die umstrittene Rolle des Vatikans während der Nazizeit. Ein Thema, das seit einiger Zeit sehr kontrovers diskutiert wird, bislang allerdings ohne quellengesichertes Wissen. Wann diese Akten frei gegeben werden, entscheidet Papst Franziskus.

Doch auch die bereits zugänglichen Archivbestände sind noch lange nicht restlos erforscht. Das «Archivum Secretum» hält also noch viele Geschichten verborgen. Geschichten von Päpsten und Adligen, Heiligen und Ketzern. Man darf gespannt sein, was Historiker mit der nötigen Geduld und Akribie noch alles ans Licht bringen.

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 22.09.2013 10:00

    Sternstunde Religion
    Hubert Wolfs wahrer Kirchenkrimi

    22.09.2013 10:00

    Dämonenaustreibungen, lesbische Initiationsrituale und Wunder bei den «Nonnen von Sant'Ambrogio» im 19. Jahrhundert: Der Kirchenhistoriker Hubert Wolf ist bei seinen langjährigen Recherchen in den Geheimarchiven des Vatikans auf einen Skandal von gewaltiger Sprengkraft gestossen.