«Auch hehre Ideale bergen Gefahren»: ein Gespräch über Engagement

«Die spektakulären Aktionen sind das Privileg jüngerer Menschen», sagt Gesine Heetderks, die mit Daniel Cohn-Bendit zur Hausbesetzerszene in Frankfurt gehörte. Im Interview mit Barbara Bleisch erinnert sie sich an jene Zeit und erzählt von den damaligen Idealen.

Die Hausbesetzer «Zaff» demonstrieren mit einem grossen Transparent mitten im Berner Schwimmbad-Becken. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Moralischer Diskurs auch in der Schweiz: Die Hausbesetzer «Zaff» demonstrieren 1985 im Berner Schwimmbad. Keystone

Daniel Cohn-Bendit, der an diesem Sonntag im Rahmen seiner Carte Blanche die Sternstunde Philosophie moderieren wird, hat eine politisch schillernde Vergangenheit: In den frühen Jahren mischte er unter anderem als «Dany le Rouge» an der Front der französischen Studentenbewegung mit und wurde 1968 wegen «revolutionärer Aktionen» des Landes verwiesen.

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Bildlegende: Daniel Cohn-Bendit, der «rote Dany» im Juni 1968 in Berlin: mit dem Kopf durch die Wand auf die Strasse. Keystone

In Frankfurt setzte er sein politisches Engagement in der Hausbesetzerszene fort. Die Aktivisten kämpften in den 1970er Jahren gegen Immobilienspekulanten, die das Frankfurter Westend in ein Versicherungs- und Bankenviertel umgestalten wollten.

An einer solchen Hausbesetzung in Frankfurt beteiligte sich auch Gesine Heetderks, die 1973 in die hessische Metropole kam und eine Wohnung suchte. Als ihr in einem besetzten Haus ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft angeboten wurde, nahm sie an und kam mit der Hausbesetzerszene in Kontakt.

Eine Zeit lang wohnte sie in derselben Wohngemeinschaft wie der ehemalige deutsche Aussenminister Joschka Fischer und gehörte gemeinsam mit ihm und Daniel Cohn-Bendit den «Spontis» an, einer linken Gruppierung, die bewusst auf organisatorische Strukturen verzichtete und ein Gegengewicht zu den autoritär funktionierenden kommunistischen Gruppen bilden wollte.

Im Interview mit Barbara Bleisch erinnert sich Gesine Heetderks an ihre Jahre in der Besetzerszene und an ihre Begegnungen mit «Dany» Cohn-Bendit und Joschka Fischer. 

Barbara Bleisch: Gesine Heetderks, Sie waren in den 1970er-Jahren aktiv in der Frankfurter Besetzerszene. Was waren damals Ihre Überzeugungen?

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Bildlegende: «Eine aufmüpfige Grundhaltung bleibt bestehen»: Gesine Heetderks. SRF

Gesine Heetderks: Wir wohnten in einem Land, das sehr autoritär war, auch in privaten Belangen. Wir Frauen durften keinen Herrenbesuch in unseren Studentenwohnungen empfangen und wurden immer mal wieder des Lokals verwiesen, wenn wir Jeans trugen. Die Chefärzte waren Halbgötter in Weiss, und in Erziehungsfragen standen Gehorsam und oft körperliche Strafen hoch im Kurs.

Wir träumten wie schon die Studentenbewegung von einem freien Leben und prangerten die Missstände in unserer Gesellschaft an. Allerdings war aus der Studentenbewegung auch die RAF hervorgegangen, deren menschenverachtender Umgang mit ihren Gegnern viele von uns erschreckte. Also suchten wir nach anderen Weisen, uns politisch zu engagieren.

Und weshalb besetzten Sie Häuser?

Einerseits war der Wohnraum knapp. Andrerseits wollten wir nicht zuschauen, wie Häuser, die heute denkmalgeschützt sind, aus Spekulationsgründen aufgekauft und abgerissen und durch Hochhäuser ersetzt wurden. Damit wurde ja auch eine lebendige Infrastruktur unseres Stadtviertels zerstört.

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Zur Person

Gesine Heetderks stiess 1973 als junge Ärztin zur Frankfurter Besetzerszene, wurde mehrmals in Polizeigewahrsam genommen. Sie half der portugiesischen Bevölkerung nach der Diktatur Salazars medizinisch, später spezialisierte sie sich auf Borderline-Störungen, leitete die Klinik «Sonnhalde» in Grüningen. Heute lebt und arbeitet sie in Darmstadt.

Sie kämpften mit Hausbesetzungen gegen den Umbau des Frankfurter Westend in ein Versicherungs- und Bankenviertel. Heute ist dieses Quartier ein Nobelquartier. Haben Sie den Kampf von damals verloren?

Wenn ich durch das Frankfurter Westend gehe und die Hochhäuser sehe, wird es mir immer noch schwer ums Herz. Aber einige der besetzten Häuser sind noch erhalten. Sie sind zwar in Eigentumswohnungen umgewandelt, aber wir haben doch den einen oder anderen Abriss verhindern können. Und einige unserer damaligen Mitkämpfer sind heute mitverantwortlich für die Stadtentwicklung.

Ausserdem haben wir in den besetzen Häusern viel mit Migranten zusammengearbeitet und auf deren unwürdige Lebensbedingungen hingewiesen, aber auch Lebensfreude bei ihnen gefunden. Vielleicht hat die Thematisierung der Situation der «Gastarbeiter» doch auch eine gewisse Nachhaltigkeit gehabt. Immerhin gab es in Frankfurt mit Cohn-Bendit den ersten Senator für multikulturelle Angelegenheiten.

Ihre Forderungen nach bezahlbarem Wohnraum für alle sind aktueller denn je: Unter dem Stichwort der «Seefeldisierung» wird in Zürich beispielsweise angeprangert, dass das Zürcher Seefeld in ein Luxusviertel für Vermögende umgebaut werde. Haben Sie heute noch Ressentiments angesichts solcher Entwicklungen? 

Ja, so eine aufmüpfige Grundhaltung bleibt bestehen. Ich habe in der Nähe des Seefelds gelebt und gesehen, dass Familien mit Kindern und normalen Berufen sich eine Wohnung im Seefeld nicht mehr leisten können. Ich finde das immer noch empörend.

Im Grunde ist das Problem noch das gleiche, wie vor vierzig Jahren: Es geht um bezahlbaren städtischen Wohnraum für alle Schichten der Bevölkerung und um die Erhaltung der Stadtstrukturen mit ihren kleinen Läden, Kindergärten, Schulen usw. Eine Stadt nur mit Bürohäusern und Wohnungen für Gutverdienende ist langweilig und muss zudem immer mehr verbarrikadiert werden. Dagegen haben wir damals schon angekämpft.

Und was ist anders als früher?

Anders ist vielleicht, dass ich mich inzwischen eher in Gremien setzen und mehr mit Andersdenkenden diskutieren würde. Die spektakulären Aktionen sind das Privileg jüngerer Menschen. Einige von uns waren damals klar zu gewaltbereit und sahen nicht, wo zwingend Grenzen gesetzt werden müssen, nämlich bei der Bedrohung und Verletzung anderer Menschen.

Die politische Bewegung, zu der Sie gehörten, verlangte damals nicht nur Wohnraum für alle; man wollte diesen auch partizipativ gestalten, lokal einkaufen, die Welt gerechter gestalten etc. Was verstanden Sie damals unter Gerechtigkeit?

Ja wir hatten viele schöne Ideen. Wir wollten, wie Marcuse es so schön formuliert hat, «einen Sprung auf eine neue Stufe der Zivilisation tun, auf der Menschen ihre eigenen Bedürfnisse und Möglichkeiten solidarisch entfalten können.» Aber wir haben damals auch erfahren müssen, dass der Einsatz des Einzelnen oft nicht so gross war wie seine Ideale. Was der Einzelne einbringen sollte und wollte, war oft strittig und musste mühsam «ausdiskutiert» werden, unter anderem auch die Instandhaltung der Wohnungen, die Sauberkeit der Wohngemeinschaftsküchen und Bäder. Es gab viel Spielfläche für Eitelkeiten und Grössenphantasien. Aber es wurde gut gekocht und es gab viele Gespräche an den langen Wohngemeinschaftstischen und eine grosse Bereitschaft zu teilen.

Es klingt vielleicht komisch, aber wir haben damals nicht so sehr über Gerechtigkeit nachgedacht, als vielmehr auf bestehendes offensichtliches Unrecht hingewiesen, das wir bekämpfen wollten. Die meisten von uns waren keine Theoretiker, aber was Unrecht war, darin stimmten wir überein.

Sie waren damals bereit, für Ihre Ideale auf die Strasse zu gehen und sogar in Polizeigewahrsam genommen zu werden. Gleichzeitig gingen Sie Ihrem Dienst als junge Ärztin in einem Krankenhaus nach. Heute wirft man vielen Jugendlichen vor, sie seien politisch lethargisch und passiv. Teilen Sie diese Einschätzung?

Viele junge Menschen, die ich kenne, versuchen wirklich zunächst einmal, ihren Job zu behalten, eine Familie zu gründen, zu reisen. Ich kritisiere das nicht. Ich glaube, dass wir während des Studiums mehr Freiräume hatten und beruflich weniger unter Konkurrenzdruck standen. Die Initiative zum Widerstand und zu politischem Engagement kann nicht fabriziert werden, sondern entwickelt sich unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen. Unsere Bewegung entstand damals als Folge der Auseinandersetzung mit dem Verhalten der Elterngeneration während des Dritten Reiches und der Kritik an den erstarrten Strukturen in den Wirtschaftswunderjahren des Nachkriegsdeutschland.

In Ihrer Wohngemeinschaft wohnte zeitweise auch Joschka Fischer, und Daniel Cohn-Bendit gehörte ebenfalls zu ihrem Bekanntenkreis. Was für Erinnerungen haben Sie an die beiden?

Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Protagonisten der Studentenunruhen 68 heute: Joschka Fischer (links) und Daniel Cohn-Bendit. Keystone

Dany habe ich immer sehr geschätzt, weil er einen freundlichen, kreativen Blick hatte und gute Ideen für gewaltlosen Widerstand. Auch wenn er manchmal sehr wütend werden konnte, so hatte er doch Augenmass. Er mochte Menschen und war nie dogmatisch.

Joschka war mehr der Stratege, scharfsinnig, aber auch berechnender, distanzierte sich weniger eindeutig von Gewalt. Sein heutiges Leben als Geschäftsmann mit viel Geld und prominenten Beziehungen demonstriert das.

Wie hat Sie Ihre Zeit als Hausbesetzerin geprägt? 

Ich habe gelernt, für etwas gerade zu stehen, auch wenn einem der Wind ins Gesicht bläst. Und dass hehre Ideale auch Gefahren bergen. Sie können z.B. dazu führen, dass man die eigene Position verabsolutiert und nicht mehr genügend selbstkritisch ist. Dann landet man bei kalten Ideologien. Ich habe aber auch gelernt, wie schön es ist, mit anderen Menschen an gemeinsamen Zielen zu arbeiten, die vielleicht ein wenig dazu beitragen, die Verhältnisse, unter denen Menschen leben, zu verbessern.

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