Auch Medien schüren unterschwellig den Rassismus

Minderheiten kommen in Medien selten gut weg, Vorurteile bestimmen den Alltag in Redaktionen. Denn Medien werden meist von Weissen gemacht – Minderheiten kommen da zu kurz und meist schlecht weg. Verbesserungen könnten die Online-Medien bringen.

Ein verhülltes Gesicht einer Frau in einem Fernseher. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Leider oft so: Über Minderheiten wird nur berichtet, wenn sie Probleme bereiten. GettyImages/BILMONTAGE

Rassismus bei uns? Journalisten deutschsprachiger Medien würden abwinken. «Rassismus wird nur mit Anhängern des politisch rechten Rands oder historisch mit Nationalsozialisten verbunden», sagt Dr. Yasemin Shooman. Sie leitet die Akademie des Jüdischen Museums Berlin und hat deshalb internationale Medienforscher eingeladen, über die Beziehung von «Medien und Minderheiten» zu diskutieren.

Deren Forschungsergebnisse: über Minderheiten wird kaum berichtet und wenn doch, dann vorurteilsbelastet. Meist hätten etwa Schwarze oder Roma nur einen «Nachrichtenwert», wenn sie Probleme verursachen – oder versucht wird, mit ihnen Politik zu machen. Forscher nennen das unterschwelligen Rassismus.

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Gegen Klischees

Gegen Klischees

Ekrem Şenol war lange frustriert über die immer gleichen Klischees zu Migranten. Also gründete er Migazin. Seit sechs Jahren berichtet das Onlinemedium über Einwanderer Themen. Mit Erfolg: die Hälfte der Leser hat keinen Migrationshintergrund. Dafür erhielt es den Grimme-Preis.

Klischee-beladenes Polittheater

«Wer betrügt, der fliegt» – mit diesem Slogan ging die CSU 2013 auf Stimmenfang. Quelle war ein Strategiepapier, das der «Süddeutschen Zeitung» zugespielt wurde. Mit dem geisselte die bayerische Partei die Zuwanderung bulgarischer und rumänischer Roma als sogenannte «Armutsflucht». Plötzlich war das deutschlandweit ein Thema. Roma waren fortan verdächtig, Sozialhilfe zu missbrauchen.

«Damit hat eine Partei erfolgreich Journalisten nicht nur die Überschriften diktiert», sagt Dr. Peter Widmann, «daraus wurde nun ein Gesetz gemacht, das die Freizügigkeit von Zuwanderern einschränkt.» Das glich der Dramaturgie einer Theaterinszenierung: Die CSU ging als erfolgreicher Verhinderer von vermeintlichem «Sozialmissbrauch» von der Bühne.

Juden im Tatort

Nicht nur Nachrichten verbreiten Klischees über Minderheiten. Dr. Daniel Wildmann hat dafür exemplarisch zwei Krimifolgen untersucht. 2003 erzählte ein Konstanzer «Tatort» mit Klara Blum über einen orthodoxen Juden. 2004 sollte Kommissar Schimanski einen Juden schützen.

Nikolaus Paryla im «Bodensee-Tatort». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Nikolaus Paryla im «Bodensee-Tatort». SRF

Statt aufzuklären, transportierten beide Filme antisemitische Bilder eines kränklichen, bleichen Juden weiter. Die zitierten unbewusst den Nazi-Propagandastreifen «Jud Süss»: «Beide Filme benutzen eine Bildsprache, die Juden ausserhalb der deutschen Gesellschaft zeigt», sagt Daniel Wildmann.

Weisse Schlagzeilenmacher

Mehr Migranten in Nachrichten- und Spielfilmredaktionen könnten das verhindern – so ein Fazit der Konferenz in Berlin. Nur knapp 12 bis 14 Prozent ist ihr Anteil in den USA. Dabei machen sie knapp 40 Prozent der Gesellschaft aus. In Deutschland sind es verschwindend geringe drei Prozent, obwohl sie ein Fünftel der Bevölkerung sind.

«Medien werden von Weissen gemacht. Deshalb werden Minderheiten in gute und schlechte getrennt», sagt Soziologe Augie Flera, «die guten sind hart arbeitend, die schlechten verweigern angeblich kanadische Werte.» Eigentlich verstehe sich Kanada als multikulturelle, inklusive Gesellschaft. «Dabei geht es aber nicht um Vielfalt, sondern um Integration ins existierende System. Kulturelle Unterschiede sind belanglos.»

Quotenkiller Vielfalt

Schuld an klischeebeladenen Berichten über Minderheiten haben zudem die Produkionsbedingungen in Medien. Die hat Anamik Saha bei der BBC untersucht. Sein Fazit: Geschichten werden mit Blick auf Zuschauerquoten gemacht. «Wenn die Geschichte als Slogan auf ein T-Shirt passt, ist es eine gute Idee», so der Medienforscher aus London. Das führt zu den immer gleichen Reportagethemen wie «Im Kopf des Selbstmordattentäters» oder «Dschihad der Frauen». Islam wird so auf Terrorismus und Fanatismus reduziert, seine Spiritualität ausgeblendet.

Um Druck dagegen zu machen, setzen Experten auf Onlinemedien, sagt Charlton Mc Ilwain. Im Fall des getöteten Michael Brown in Ferguson waren es vor allem ein Twitter-Spin, der die Schlagzeilen machte: «Schwarzer, unbewaffneter Teenager getötet» titelten alle Medien – auch die rechtsgerichteten «FoxNews».

Mit Tweets gegen Klischees

Auch in Deutschland war eine Twitterkampagne erfolgreich: Mit dem Hashtag #Schauhin versammelte der Kurznachrichtendienst Meldungen über Diskriminierung etwa in Schulen, Behörden und Universitäten. Drei Tag lang war das das beherrschende Thema des Sozialen Netzwerks. Und klassische Nachrichtenmedien berichteten darüber.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 5.12.2014, 17:45 Uhr