Auf der Suche nach verwischten jüdischen Spuren in der Ukraine

In der Westukraine gibt es viele Orte, die vor der Invasion der Nazis 1941 jüdische Dörfer waren. Viele Ukrainer wissen das nicht: Zu Sowjetzeiten wurde nicht darüber gesprochen, heute sind die Spuren der jüdischen Kultur meist verwischt. Eine Spurensuche vor Ort.

Schon als Jugendliche verschlang ich die Bücher des jüdischen Schrifstellers Joseph Roth über Galizien in der Westukraine. Und ich lernte die Gedichte der Jüdin Rose Ausländer über den Fluss Pruth und die Bukowina auswendig. Das Beschriebene wollte ich nun endlich einmal selbst sehen. Ich machte mich auf eine Reise nach jüdischen Spuren. Spuren, die in der Westukraine längst getilgt sind. Geblieben sind nur steinerne Zeugnisse: Friedhöfe und zweckentfremdete Synagogen.

Ein beliebter Pilgerort

Stimmungsbild aus der Westukraine

3:48 min, aus Kultur kompakt vom 27.08.2014

Bis zur Invasion der Nazis 1941 war die Region reich an jüdischen Gemeinden und Gelehrten, an «Schtetln», wie sie Marc Chagall aus der Erinnerung malte. Die Dörfer der heutigen Westukraine waren die Wiege des osteuropäischen Chassidismus. Diese jüdische Frömmigkeitsbewegung brachte Wunder-Rabbis und Mystiker hervor, die bis heute in aller Welt verehrt werden. Der legendäre Begründer des Chassidismus im 18. Jahrhundert, der Baal Schem Tov, hat hier ebenso sein Grab wie der fröhliche Rabbi Nachman von Bratzlaw. Ihren Gräbern werden Wunderkräfte nachgesagt. Sie ziehen heute wieder jüdische Pilger aus den USA, aus Israel und Europa an.

Das Städtchen Uman etwa erlebt jeden Herbst einen Ansturm Tausender jüdisch-orthodoxer Männer aus aller Welt: Sie feiern hier ausgelassen das jüdische Neujahr. Eine Tradition, die jedoch zu Konflikten mit den Einwohnern führte: Die Massen ausländischer Pilger, die ihr koscheres Essen selbst mitbrachten, stiessen bei den Wirten und Einwohnern Umans auf Unverständnis. Die Menschen in Uman wussten nichts über die jüdische Vergangenheit, geschweige denn über die religiöse Praxis. Zu Sowjetzeiten wurde darüber nicht gesprochen.

Die Erinnerungsarbeit ist am Anfang

Mittlerweile profitieren einige Ukrainer sogar von den jüdisch-orthodoxen Touristen. Meine Reiseleiterin Valentina Seljuk betont: «Die Erinnerungsarbeit bei uns hat gerade erst begonnen. Die Menschen in der Ukraine wissen grösstenteils wirklich nicht, was hier geschah. Auch nicht, welch grosse jüdische Gemeinden es hier früher gab.»

Das zeigt sich auch an den unzähligen Denkmälern zum Zweiten Weltkrieg: Sie gedenken meist nur der getöteten «Sowjetbürger». Dass darunter rund eine halbe Million Jüdinnen und Juden waren, wird nicht erwähnt. Erst die neuen und meist vom Ausland finanzierten Denkmäler erinnern an jüdische Opfer, an Ghettos und an die Massaker in den Wäldern.

Eine schwierige Spurensuche

Ein jüdisches Massengrab in einem Wald. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Massengrab in den Wäldern von Bronica, wo circa 12'000 Juden erschossen wurden. Judith Wipfler

So muss man sich auf der Spurensuche sprichwörtlich durch die Büsche schlagen. In den Wäldern von Bronica stolperte ich fast über die Betonplatten, die hier irgendjemand irgendwann dann doch noch über die Massengräber zig Tausender ermordeter Jüdinnen und Juden gelegt hatte.

Heute werden auch die Zeitzeugen immer weniger. Auf meiner Reise durfte ich zwei über 90-jährigen Herren begegnen, die teils auf gut verständlichem Jiddisch von der Vergangenheit erzählten: «Do is gewejn…» – «Hier war einmal», lautete einer der häufigsten Sätze von Alfred Schreyer, dem «letzten Juden von Drohobycz».

Ein Kino, das einst Synagoge und Kino war

Meistens sind es nur Steine, die vom einstigen jüdischen Leben zeugen. In Joseph Roths Heimatstadt Brody etwa steht die früher so imposante Synagoge heute als riesige Ruine mitten im Zentrum. Zu Sowjetzeiten wurden Synagogen zweckentfremdet als Schnapsfabrik, Weberei oder Filmtheater – so auch die grosse «Cina-goge» in Czernowitz. Das heutige Kino war einst die stolzeste Synagoge einer Stadt, in der ein Drittel der Menschen Juden waren.

Zwar gibt es heute wieder jüdisches Leben in der Ukraine. Die Gemeinden sind aber nicht mehr in den Dörfern, sondern in den Städten. Viele Jüdinnen und Juden sind erst dabei, die Religion ihrer Vorfahren wieder neu zu erlernen. Aus den USA und Israel kommen orthodoxe Rabbiner der Chabad-Bewegung und unterrichten das Anlegen der Gebetsriemen und Hebräisch.

Ein neuer Antisemitismus in der Ukraine

Ein Plakat mit der Botschaft, keinen Antisemitismus in der Nachbarschaft zuzulassen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: In einem Laden in der Stadt Uman ruft dieses Plakat dazu auf, keinen Antisemitismus in der Nachbarschaft zuzulassen. Judith Wipfler

Oft wird von einem neuem Antisemitismus in der Ukraine geredet. Vor allem in den russischen Medien, die den Ukrainern auch neuen Faschismus vorwerfen. Dagegen verwahrten sich alle meine ukrainischen Gesprächspartner, waren sie nun jüdisch oder nicht-jüdisch. Ich gewann den Eindruck, dass der Antisemitismus nicht gravierender ist als anderswo. Tatsache ist jedoch, dass einige Juden Angst haben und sogar nach Israel auswandern. Andere sind aber wieder in die Ukraine zurückgekehrt.

Daneben entwickelt sich ein neues kulturelles Interesse am jüdischen Erbe der Ukraine. Erinnerungs-Tourismus oder «Jewish Heritage Tours» sind zu einem kleinen Wirtschaftszweig geworden. Jonathan Safran Foer hat diese in seinem unnachahmlichen Bestseller «Alles ist erleuchtet» beschrieben. Und das Lyrikfestival in Czernowitz erinnert jedes Jahr stolz an ihre Lyriker Paul Celan, Rose Ausländer, Elieser Steinbarg und an viele andere. Aber so richtig herumgesprochen hat sich das alles noch nicht. Und die aktuelle Bedrohungssituation im Osten des Landes verpasst dem Ukraine-Tourismus einen neuen Dämpfer.