Der Sechstagekrieg 1967 «Aus dem Segen von 1967 ist ein Fluch geworden»

Als Israel vor 50 Jahren seinen Sieg über die Araber verkündete, war die Freude gross. Auch beim schweizerisch-israelischen Professor Carlo Strenger. Seine Euphorie ist inzwischen verschwunden.

Soldat überschaut Platz vor Klagemauer. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Juni 1967: Ein israelischer Soldat bewacht die Tempelmauer. Keystone

Das Wichtigste in Kürze:

  • Am 5. Juni 1967 begann der Sechstagekrieg. Mit dem Sieg über die arabischen Staaten Ägypten, Jordanien und Syrien verdreifachte Israel seine Fläche.
  • Bei liberalen Israelis ist die Euphorie von damals der Ernüchterung gewichen, sagt der israelisch-schweizerische Professor Carlo Strenger.
  • Der Staatsgründer David Ben-Gurion hatte vor einer israelischen Expansionspolitik gewarnt.

Im Juni 1967 hielt der Sechstagekrieg die Welt in Atem. Arabische Staaten drohten mit der Auslöschung des jüdischen Volkes, Israel ging darauf in die Offensive.

50 Jahre nach dem Sechstagekrieg: Die Folgen bis heute

31 min, aus SRF 4 News Zeitblende vom 19.05.2017

Damals war Carlo Strenger neun Jahre alt und lebte in Basel. Der spätere Professor stammt aus einer jüdischen Familie und verfolgte mit seinen Eltern die Nachrichten. Gross war die Freude, als Israel die Siegesmeldungen verkündete.

Im Freudentaumel

Bilder von israelischen Soldaten am ägyptischen Suezkanal und an der einst von Jordanien kontrollierten Tempelmauer gingen um die Welt. Auch säkulare Juden waren vom Gefühl überwältigt, plötzlich die heiligste Stätte des jüdischen Volkes berühren zu können.

Innert sechs Tage hatte Israel seine Fläche verdreifacht: Die Halbinsel Sinai stand nun unter israelischer Herrschaft, ebenso Teile Jerusalems, der Westbank und die Golanhöhen.

Aus Segen wird Fluch

1968 reiste Strenger mit seinen Eltern nach Israel und besuchte auch die Tempelmauer. In den 1980er-Jahren studierte Carlo Strenger in Israel Psychologie.

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Zur Person

Carlo Strenger

Rami Zarnegar/Wikimedia

Der israelisch-schweizerische Professor Carlo Strenger wurde 1958 in Basel geboren. Seit Ende der 1970er-Jahre lebt er in Israel. Er ist Psychoanalytiker und lehrt Psychologie und Philosophie an der Universität in Tel Aviv. Strenger schreibt regelmässig für die liberale israelische Zeitung «Haaretz» und die «Neue Zürcher Zeitung».

Der kindlichen Euphorie von einst war inzwischen Ernüchterung gewichen. «Wie viele liberale Israelis denke ich: Aus dem Segen von 1967 ist ein Fluch geworden», sagt Strenger heute über Israels Triumph im Sechstagekrieg. Er lehrt an der Universität Tel Aviv Psychologie und Philosophie.

Der Staatsgründer warnte vor der Besatzung

Zu den schärfsten Kritikern der israelischen Besatzung nach 1967 gehörte – wie man heute weiss – Staatsgründer David Ben-Gurion. «Ben-Gurion hat gesagt: Wenn die Besatzung nicht innert eines Jahres aufhört, dann ist das zionistische Projekt zu Ende», zitiert Strenger.

Die Quellen kamen erst lange Zeit nach Ben-Gurions Tod 1973 ans Licht. Ben Gurion habe befürchtet, dass Israel durch seine Expansionspolitik an Glaubwürdigkeit verliere und den Ausgleich mit den Palästinensern gefährde.

Arabische Rache im Jom-Kippur-Krieg

Die Befürchtungen waren berechtigt: 1973 rächten sich die arabischen Staaten mit einem Überraschungsangriff, ausgerechnet am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur. Im Rahmen des Friedensabkommens mit Ägypten gab Israel 1982 die Halbinsel Sinai an die Araber zurück.

Panzer in einer wüstenlandschaft. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Israelische Panzer auf der Halbinsel Sinai, die heute wieder zu Ägypten gehört. Keystone

2005 räumte die israelische Regierung unter Ariel Sharon die jüdischen Siedlungen im Gaza-Streifen. Sharon hatte selbst im Sechstagekrieg gekämpft. Teile des Westjordanlands, Jerusalems und der Golan-Höhen sind nach wie vor unter israelischer Kontrolle.

Viele finden das völkerrechtswidrig. Israel pocht hingegen auf sein Recht auf Sicherheit und darauf, an den biblischen Stätten von einst Zelte aufzuschlagen.

Aus Opfern werden Sieger

«Der Sechstagekrieg hat das Selbstbild der Juden verändert: Wir sind nicht mehr Opfer, die in die Gaskammern gesteckt werden, sondern Menschen, die nicht nur zurückschlagen, sondern auch siegen können», beschreibt Strenger die Bedeutung des Sechstagekriegs für die israelische Identität.

Kommt es zu Verhandlungen im Nahostkonflikt, ist immer wieder von den «Grenzen von 1967» oder von der «Grünen Linie» die Rede. Die damaligen Grenzen sollen als Grundlage dienen, den Territorialstreit zu klären.

Doch das ist einfacher gesagt als getan. An eine baldige Lösung des Nahostkonflikts glaubt auch Carlo Strenger nicht.

Kein Frieden in Sicht

«Ich bin sehr pessimistisch geworden. Israel rückt seit Jahren immer mehr nach rechts, der politische Wille für die Zwei-Staaten-Lösung fehlt», meint Carlo Strenger. Auch von arabischer Seite drohe Ungemach: «Niemand weiss, wie Syrien und Irak in zehn Jahren aussehen werden.»

Entsprechend hat Carlo Strenger 50 Jahre nach dem überraschend schnellen Sieg der Israelis über die Araber zwiespältige Gefühle: «Das ist ein Grund zum Feiern wie zum Trauern. Zum Feiern, weil Israel sich erfolgreich verteidigt hat, und zum Trauern, weil Israel mit dem Sieg nicht gut umgegangen ist.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 6.6.2017, 9 Uhr.

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