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Die Ausstellung «Patois-Land» in der Mediathek Wallis
Aus Kultur-Aktualität vom 05.05.2021.
abspielen. Laufzeit 04:45 Minuten.
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Ausstellung über Patois Tot und doch lebendig: Patois ist ein Schweizer Sprach-Zombie

Einst wurde in der Romandie nicht Französisch gesprochen, sondern Patois. Eine Ausstellung zeigt, warum die Sprache fast ganz verschwand – und wo sie heute noch weiterlebt.

Vor einigen hundert Jahren wurde in der ganzen Romandie Patois gesprochen. Heute nutzen nur noch einige wenige Tausend die Sprache, die wie eine Mischung aus Französisch und Rätoromanisch klingt. Zu hören ist Patois hauptsächlich noch in einigen Gemeinden im Unterwallis. 

Patois-Verbot an Schulen

Ganz zu Beginn der Ausstellung «Patois-Land» der Mediathek Wallis in Martigny erfährt man die Geschichte des Niedergangs des Patois. Um im Geiste der Aufklärung auch die unteren Schichten zu bilden, wurde Anfang des 19. Jahrhunderts die obligatorische Schulpflicht eingeführt – auch in der Romandie.

Video
Aus dem Archiv: Patois, die verlorene Mundart
Aus Voilà vom 04.02.1997.
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Unterrichtssprache war Französisch – die Sprache der Bildung und der Eliten. Die Volkssprache Patois stand für Rückständigkeit und war an den Schulen verboten.

Erst im 20. Jahrhundert wurde dieses Patois-Verbot wieder aufgehoben. Vielerorts war es da schon zu spät: Die Bevölkerung hatte zum prestigeträchtigeren Französisch gewechselt.

Im «Patois-Land» ist es düster

Soviel Vorwissen muss sein, um in den nächsten Teil der Ausstellung einzutauchen, in das eigentliche «Patois-Land». Dort ist es fast stockfinster - ein Verweis auf die düstere Situation, in der sich das Patois heute befindet. Die Sprache ist vom Aussterben bedroht.

Es braucht die Handy-Taschenlampe, um die Texte an den Wänden lesen zu können. Immerhin geht Hören auch im Dunkeln bestens: Auf beiden Seiten des düsteren Tunnels sind alte Telefone angebracht, mit denen Besucherinnen und Besucher Patois-Tonaufnahmen hören können.

Legende: Bedrohtes Kulturgut: Nur wenige tausend Romandes und Romands sprechen heute noch Patois. Pascal Thurre, Treize Etoiles, Médiathèque Valais – Martigny

Patois ist nicht einfach ein französischer Dialekt, sondern eine eigene Sprache: «Frankoprovenzalisch» nennt man es in der Sprachwissenschaft. Und das ist dem Rätoromanischen etwa gleich nah verwandt wie dem Französischen.

Alte Sprache neu entdeckt

Hunderte Tonaufnahmen hat die Mediathek Wallis in Martigny im Auftrag des Kanton Wallis archiviert. Aufgenommen wurden sie in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg, als man sich in der Romandie wieder für die alte Volkssprache Patois zu interessieren begann. Es wurde befürchtet, dass dieses Kulturgut für immer verlorengehen könnte.

 Ausstellungshinweis:

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«Patois-Land» ist in der Mediathek Wallis in Martigny noch bis am 25. September zu sehen. Alle Texte der Ausstellung sind auch auf Deutsch geschrieben.

Im Tunnel des «Patois-Land» ist es nicht nur düster, sondern auch etwas gruselig - fast wie in einer Geisterbahn. Dafür sorgen etliche furchteinflössende Fasnachtskostüme mit Fratzen, Hörnern und Tierfellen. Patois wird in dieser Ausstellung als Zombie dargestellt: Eigentlich schon tot, aber irgendwie doch erstaunlich
lebendig.

Legende: Unheimliche Gestalten bevölkern den Tunnel in der Ausstellung. Médiathèque Valais – Martigny

Die Tonaufnahmen widerspiegeln die traditionelle Walliser Kultur – die Verankerung des Patois in den Sagen und Legenden der Täler und in der Landwirtschaft mit Ackerbau, Weinproduktion und Viehzucht.

Nachdem man aus dem Tunnel wieder ans Licht gekommen ist, steht man plötzlich in einem alten Radiostudio. An Hörstationen erzählen Patois-Fans und -Expertinnen in Interviews, was die Sprache für sie bedeutet und warum man sie erhalten sollte. Es ist der hoffnungsvoller Abschluss einer spannenden und gut umgesetzten Ausstellung.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 4.5.2021, 07:52 Uhr.;

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Joost Schoenmacker  (J-R-S)
    Wenn das Romanische zur Landessprache gemacht wurde, wieso dann nie Patois? Sprache ist ja eines der wichtigsten Kulturgüter, die man haben kann.
  • Kommentar von Beat Reuteler  (br)
    Im Artikel wird die Verwandtschaft mit Romanisch betont. Frage: Ist es nicht so, dass es auch viele deutschstämmige Lehnwörter im Patois hat? Je weiter gegen das Oberwallis zu in den Talschaften desto häufiger?
    1. Antwort von Alex Hanselmann  (kinkiri)
      Ich verstehe ihre Frage nicht. Könnten sie das ausführen?
      Im Wallis werden laut Wikipedia grob zwei Dialekte unterschieden, West und Ost (hörbar beim Wort für schwer). Diese Trennung geht wohl auf die Zeit der Franken und Alemannen im Früh- und Hochmittelalter zurück. Meinen sie vielleicht diese Trennung?
    2. Antwort von Charles Grossrieder  (View)
      Patois hat sich auch den Regionen angepasst und hat(te) daher einige Nuancen. Z.B. le Gruverin oder Kuetse in Freiburger Regionen, welche auch zum Teil umgebaute deutsche Wörter je nach Tal und Ort einschlossen.
    3. Antwort von André Perler (SRF)
      @Beat Reuteler Ja, das ist definitiv so: Es gibt viele deutsche (alemannische) Lehnwörter im Patois. Und es ist auch wahrscheinlich, dass die Dichte an alemannischen Lehnwörtern zunimmt, je näher das alemannischsprachige Oberwallis kommt. Übrigens gilt das auch umgekehrt: Das Senslerdeutsche im Kanton Freiburg etwa hat etliche Lehnwörter aus dem Freiburger Patois übernommen, etwa «Purytta» für ‘Ente’ oder «Nǜǜscha» für ‘Schnupfen’.