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Ausstellung Vitra Design Museum – «Plastik. Die Welt neu denken»
Aus Tagesschau vom 26.03.2022.
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Ausstellung über Plastik «Life in plastic, it's fantastic?» – Karriere eines Kunststoffs

Einst sollte er die Welt verbessern. Dann müllte er sie zu. Eine Ausstellung erforscht die wechselvolle Geschichte des Plastiks.

«Kunststoff» – der deutsche Name für Plastik ist fast schon poetisch. Allerdings hat der Mensch mit diesem Nebenprodukt aus der Erdöl- und Erdgasgewinnung wenig Poetisches angerichtet.

«Fossile Rohstoffe haben Jahrmillionen gebraucht, um zu entstehen, unter anderem auch am Boden der Weltmeere», sagt Jochen Eisenbrand, Chefkurator am Vitra Design Museum. Der Mensch habe dagegen nur 150 Jahre benötigt, um Kunststoffe zu entwickeln und damit die Weltmeere zu verschmutzen.

Ein Mann in neongelber Kleidung steht inmitten von Plastikkleidung
Legende: Mitarbeiter des Projekts «Ocean Cleanup» sortieren Plastikmüll, den sie aus dem Meer gefischt haben. © The Ocean Cleanup

Kunststoff aus Ochsenblut

Die Ausstellung zeichnet den Weg der Plastikentwicklung mit Objekten und Plakaten, Zeitschriften und Fotos chronologisch nach. Dabei beginnt sie überraschenderweise weit vor dem eigentlichen Plastik: mit Material, das plastisch formbar ist.

Das älteste Exponat ist ein Reise-Besteck mit Schildpatt-Verkleidung aus dem 17. Jahrhundert. Horn lässt sich unter Hitze verbiegen.

Bald begann der Mensch, schon immer erfinderisch, Materialien zu mischen: Mitte des 19. Jahrhunderts kreierte Francois Charles Lepage aus Sägemehl und gehärtetem Ochsenblut den natürlichen Kunststoff « Bois Durci», der sich prägen lässt.

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Plastik – ein kontroverser Kunststoff
aus Künste im Gespräch vom 31.03.2022.
abspielen. Laufzeit 12 Minuten 32 Sekunden.

Kolonien als Rohstofflager

Tierisches ist auch im Schellack enthalten. Dieser Lackharz wird aus einer südostasiatischen Schildlaus gewonnen. An diesem Beispiel legt die Ausstellung die globalen Machtungleichheiten offen, die hinter diesen westlichen Erfindungen stehen.

«Im 19. Jahrhundert waren die kolonialisierten Länder für viele Kolonialmächte wie Rohstofflager», erzählt Jochen Eisenbrand. Das galt etwa für das Guttapercha, eine Art Naturgummi.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Material zur Isolierung von Unterseekabel zur Telekommunikation verwendet. Dabei wurde so viel davon benötigt, dass der Guttapercha-Baum Ende des 19. Jahrhunderts fast ausgerottet war, erklärt der Kurator.

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Die Ausstellung «Plastik. Die Welt neu denken» im Vitra Design Museum
aus Kultur kompakt vom 28.03.2022.
abspielen. Laufzeit 3 Minuten 36 Sekunden.

1907 wurde mit dem Bakelit der erste komplett synthetische Kunststoff hergestellt. Es handelt sich dabei um eine Kunstharz-Mischung. Plastik aus Erdöl kam erst später.

Eigentlich ist Plastik eine Materialfamilie. Die Ressourcenknappheit während des Zweiten Weltkriegs beflügelte die weitere Erfindung von Kunststoffen ebenso wie die Konsumfreudigkeit der Nachkriegsjahre.

Verheissungen der Wegwerfgesellschaft

Der Begriff «Wegwerfgesellschaft» war dabei einst positiv gemeint. Das belegt ein Foto im US-amerikanischen «Life»-Magazin von 1955. Es zeigt eine Familie, die Einweggeschirr freudig in einen überquellenden Mülleimer wirft.

«Der Artikel spricht davon, welch wunderbare Erleichterung es für die Hausfrau ist, diese Dinge einfach wegwerfen zu können», so Eisenbrand. Zuvor hätte sie für die Reinigung viele Stunden benötigt.

Drei Kinder werfen Einweggeschirr jubelnd in einen überquellenden Mülleimer
Legende: In der Zeitschrift «Life» wurde das Wegwerfen von Plastikmüll 1955 noch lustvoll inszeniert. Getty Images / Peter Stackpole

Algen und Pilze statt Kunststoff

Ende der 1960er-Jahre erwacht ein Umweltbewusstsein. Erste Ölkatastrophen weisen auf die schädliche Seite des Ressourcenverbrauchs hin. Es finden sich Spuren von Mikroplastik im Meer. Damit kommt die Ausstellung in der Gegenwart an.

Heutige Designerinnen und Designer sind sich der Probleme bewusst, die der Plastik mit sich bringt. Das verändert ihren Beruf. So entwickeln sie plastikfreie Stoffe, zum Beispiel aus Bananenfasern oder Algen. Und sie tüfteln an rezyklier- und reparierbaren Objekten.

Gemusterte Jacke
Legende: Diese nahtlose Jacke ist ein Beispiel für die Innovationskraft von Designerinnen. Sie besteht aus dem Material MycoTEX, das aus Pilzen hergestellt wird. Jeroen Dietz

Verschwunden ist Plastik aus unserem Alltag dennoch nicht. Man denke an die Gesichtsmasken während der Pandemie: Sie werden aus gesponnenem Polypropylen hergestellt, einem Kunststoff, der ein so dichtes Vlies ergibt, dass das Coronavirus nicht durchkommt.

«Das rettet Leben», meint Eisenbrand. «Aber zugleich brauchen die Masken Hunderte von Jahren, um sich abzubauen.» Plastik ist und bleibt ein Material zwischen Fluch und Segen.

Ausstellungshinweis

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Die Ausstellung «Plastik. Die Welt neu denken» ist im Vitra Design Museum noch bis am 4. September zu sehen.

Radio SRF 2 Kultur, Künste im Gespräch, 31.03.2022, 09:05.

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