Er steht ein für gleichgeschlechtliche Ehe, für das Recht auf Abtreibung, für strengere Waffengesetze, für die Rechte illegaler Einwanderer – und er ist erbitterter Gegner der Todesstrafe. Kurzum: Der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom ist das Gesicht des liberalen Amerika.
Kalifornien als Labor für die Zukunft
Kürzlich hat Newsom nun seine neue Autobiografie veröffentlicht. In «Mein Leben für die Demokratie» lässt er hinter die Maske des perfekten Polit-Managers blicken. Und er entwirft darin ein Kalifornien, das kein gescheiterter Staat ist, sondern das Labor für die Zukunft der USA.
Schonungslos blickt er auf die Gründungsphase des Staates zurück – was Newsom jedoch nicht daran hindert, den «kalifornischen Traum» zu verteidigen: Er versteht den Bundesstaat als politisches und gesellschaftliches Bollwerk, dessen Beharrlichkeit und Innovationskraft weit über Kalifornien hinausweisen. Zugleich warnt er vor einer «kollektiven Vergesslichkeit», die historische Verantwortung ausblendet.
Detailversessen und gut vorbereitet
Überraschend offen widmet sich Newsom seinen eigenen Schwächen. Das Bild des souveränen Technokraten wird durch die Geschichte einer schweren Legasthenie gebrochen, die lange selbst innerhalb der Familie nicht klar benannt wurde.
Die Beeinträchtigung prägt bis heute seinen Arbeitsstil: akribisch, detailversessen und beinahe zwanghaft vorbereitet. «Die Legasthenie erklärt auch, warum ich immer jede Facette einer politischen Debatte und jede Zahl im Staatshaushalt kennen möchte, und warum ich mir ständig Notizen mache und alles schriftlich festhalte.»
Der frühe Tod der Mutter bildet einen emotionalen Kern des Buches. Während der Vater als intellektuelle Leitfigur erscheint, bleibt die Beziehung zur Mutter Tessa von Arbeitsethos und Distanz geprägt. Sie stirbt mit 55 Jahren an metastasiertem Brustkrebs. Newsom schildert, wie sie mithilfe eines Arztes und einer tödlichen Dosis Morphium im Rahmen eines assistierten Suizids aus dem Leben scheidet – eine Erfahrung, die Newsom nachhaltig erschüttert hat.
Trump im Visier
Politisch am schärfsten fällt seine Abrechnung mit Donald Trump aus. Gemeinsame Auftritte nach Waldbränden in Kalifornien beschreibt er als surreal und entlarvend für Trumps Hang zur Inszenierung.
Dessen Verhältnis zur Wahrheit deutet Newsom als Ausdruck einer tieferliegenden amerikanischen Disposition: «Sein Lügenwerk speist sich aus einer zutiefst amerikanischen Quelle, die dem traditionellen Volksglauben ebenso zuzurechnen ist wie dem Handbuch der psychischen Störungen.»
Emotionaler Aufbruch für 2028
Newsom inszeniert Kalifornien als Versuchslabor für eine klimaneutrale Wirtschaft und eine widerstandsfähige Demokratie. Obdachlosigkeit, psychische Erkrankungen und Waffenrecht sollen datenbasiert und administrativ präzise angegangen werden.
Seine Legasthenie stilisiert er zum Motor eines pragmatischen und innovationsorientierten Regierungsstils. So liest sich das Buch zugleich als politische Selbstvergewisserung und als Bewerbungsschrift für höhere Aufgaben.