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Gesellschaft & Religion Axel Honneth: Dem Kapitalismus die Denkerstirn bieten

Obgleich die Idee des Sozialismus heute ihren Glanz verloren hat, sieht der Philosoph Axel Honneth in ihm noch immer einen lebendigen Funken. Um ihn allerdings zum Sprühen zu bringen, müssten wir unseren Freiheitsbegriff neu definieren.

Ein Kopf hinter verschränkten Händen vor roten Börsenkursen.
Legende: Utopisch? Axel Honneth spricht sich für eine Freiheit aus, die sich nicht dem Diktat der Ökonomie unterwirft. Keystone

Vor nicht einmal 100 Jahren wäre Honneths Rechtfertigung des Sozialismus kaum denkbar gewesen: Eine Idee, die über 150 Jahre lang die Herzen grosser Teile der Bevölkerung bewegte, brauchte keine Ehrenrettung.

Legende: Video Honneth über die Krise der Gegenwart abspielen. Laufzeit 1:35 Minuten.
Aus Sternstunde Philosophie vom 17.01.2016.

Retrospektiv aber klebt an ihr viel Blut. Weshalb also sollte die Idee wiederbelebt werden? Weil sie zweckentfremdet wurde, sagt Axel Honneth. Der Sozialismus gehöre nicht der Vergangenheit an. Im Gegenteil: Der Sozialismus könne dem Kapitalismus noch immer Paroli bieten.

Krise der Gegenwart

Honneth diagnostiziert, dass unsere Gesellschaft in beunruhigendem Zwiespalt lebt: Es herrsche ein weit geteilter Unmut über die Ungerechtigkeit der wirtschaftlichen Verhältnisse und darüber, wie das Kapital verteilt ist. Gleichzeitig aber fehle dieser grossen Empörung jeglicher Richtungssinn. Ratlosigkeit mache sich breit: Was sind bessere Alternativen zum Bestehenden? Kann überhaupt etwas verändert werden?

Krankheiten unserer Zeit

Seit dem Beginn der neoliberalen Entgrenzung des Kapitalismus Mitte der 1980er-Jahre – so erklärt es Honneth – beobachten wir beunruhigende Phänomene: absurd hohe Gehälter für Manager etwa, die Deregulierung des Arbeitsmarktes oder kaum verständliche Finanzspekulationen. Sie seien Zeugnis für einen vollkommen entgrenzten Markt.

Legende: Video Honneth über die soziale Freiheit und die Aufgabe des Sozialismus abspielen. Laufzeit 0:30 Minuten.
Aus Sternstunde Philosophie vom 17.01.2016.

Öffentliche Güter wie etwa Universitäten geraten deshalb immer stärker unter das Diktat der Ökonomie. Das Voranschreiten der Ökonomisierung in diesen Bereichen sei gefährlich: Durch den Erfolgsdruck beginnen öffentliche Güter ihrer ursprünglichen Funktion zu widersprechen. Axel Honneth betont aber, dass auch eine Lebensform jenseits des Kapitalismus und des Wachstumsimperatives möglich wäre.

Freiheit, die ein Wir verlangt

In der «Sternstunde Philosophie» hält Axel Honneth ein Plädoyer für die soziale Freiheit. Sie könnte ein kulturelles Umorientieren veranlassen, das dem Diktat der Ökonomie nicht unterliegt. Soziale Freiheit bedeutet für Honneth das «Füreinander» anstelle des «Gegeneinander»: Die Freiheit des Einen ist die Bedingung der Freiheit des Anderen. Erst im Kollektiv wird die eigene Freiheit verwirklicht.

Honneth ist überzeugt, dass unsere Freiheits-Definition in Solidarität und Liebe umschlagen müsse. Nur so können die drei Imperative der französischen Revolution – Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – miteinander vereint werden.

Wir müssen uns als Gesellschaft also wieder in unserer Komplementarität begreifen, um die von Honneth angepriesene soziale Freiheit zu verwirklichen. Die Aufgabe des Sozialismus ist es nun, uns den Wert dieser sozialen Freiheiten wieder erkennen zu lassen.

19 Kommentare

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  • Kommentar von Denise Casagrande (begulide)
    Dazu sind wir alle aufgerufen! WIR, sind das VOLK, WIR müssen wieder vermehrt zu SelbstdenkernInnen und SelbstentscheidernInnen werden und Verantwortung für unser Handeln übenehmen! Bundesrat, Politik und der gesamte Verwaltungsapparat der Schweiz, werden vom VOLK und dessen erarbeiteten Steuergeldern sehr gut entlöhnt! Wer zahlt, befiehlt! Ergo, muss diese, das Volk vergessende, ausbeutende, umweltzerstörende, auf Profigier einzelner aufgebaute Politik unbedingt geändert werden....!
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  • Kommentar von Hans Knecht, Torny
    Honneth hat m.E. in einigen Punkten Recht. "Manchmal kann man durch eine Bindung auch Freiheit gewinnen (Nur prüfe man diese gründlicht bevor man sich bindet)". Freiheit wird heute so verstanden, dass ich mich auf Kostens des anderen durchsetze. Und es gibt am Arbeitsplatz auch andere Anreize als den Lohn, z.B. auch das Arbeitsumfeld und Umgangston. Das Paradoxe am letzten Punkt liegt aber gerade darin, dass hohe (Manager-) Löhne gerade falsche, habgiere bzw. egoistische Menschen anziehen ...
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    1. Antwort von Hans Knecht, Torny
      ... und darunter das Arbeitsumfeld und der Umgangston leidet. Und ist heute mehr und mehr der Fall (siehe Vortrag "Die Narzissmus-Falle" von Dr. Reinhard Haller). Die Welt von heute ist nicht mit den 50er und 60er Jahren zu vergleichen. Damals ging jeder jeden Sonntag in die Kirche und hörte via Predigt philosophisch konsistent und stichhaltig welche Geisteshaltung sich gehört und welche nicht.
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    2. Antwort von Hans Knecht, Torny
      Wenn schon Marx zitiert wird und Sozialismus eine Art Liebe und Austausch füreinander sein sollte; warum starben dann in den Gulags Menschen, wenn sie doch von den Sozialisten geliebt wurden? Die Lehren von Marx sind widersprüchlich. So auch das Verhalten somancher Sozialisten heute, wenn man bei friedlichen Demonstrantionen betrachtet wie Hasserfüllt und destruktive manche Sozis gegen diese vorgehen.
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    3. Antwort von Hans Knecht, Torny
      Der Sozialismus setzte meines Erachtens voraus, dass jeder Mensch ein Egoist ist. Und das ist schon der Fehler. Des weiteren wirkt der Sozialismus wie ein Griff nach der Macht via Soziologie. Aber was danach folgt kann nicht besser sein, den man begeht dabei das Paradoxum "der Zweck heiligt die Mittel". Schon Ghandi erkannte meines Erachtens, dass dabei das zerstörerische von Dauer sein wird.
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  • Kommentar von Rolf Künzi, Winterthur
    Ich bin kein Buddhist aber der edle achtfache Pfad(rechtes denken, rechtes Handeln usw) ist sicher ein möglicher Ansatz. Doch nicht die Lösung. Eine endgültige Lösung wird es nicht geben dazu ist das Leben viel zu vielfältig. Wenn schon Wege und die sind wahrlich verbesserungsfähig. Zur Zeit fehlt eine globale Strategie und Absprache oder wechselseitig Empfelungen und Visionen.
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    1. Antwort von Hans Knecht, Torny
      @Rolf Künzi, warum kein gutes Denken und gutes Handeln? Der ursprüngliche Buddhismus geht meines Erachtens in die selbe Richtung wie die christliche Nächstenliebe. Und wo soll man anfangen die Welt zu verbessern, wenn nicht jeder bei sich selbst?
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