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Begleiteter Freitod Selbstbestimmtes Sterben mit Gottes Segen

Die schwer kranke Christa Fuhrer wählte den assistierten Suizid. Ihr Ehemann und ein Seelsorger begleiteten sie auf diesem letzten Weg.

Eine Gläubige betet in der Dreifaltigkeitskirche in Bern den Rosenkranz.
Legende: Eine Gläubige betet in der Dreifaltigkeitskirche in Bern den Rosenkranz. Keystone/Monika Flueckiger

Christa Fuhrer erhielt vor fünf Jahren die Diagnose ALS, Amyotrophe Lateralsklerose. Sie wusste, was das bedeutet: Die unheilbare Muskel- und Nervenkrankheit führt zur vollständigen Lähmung. Am Ende kann man nicht mehr sprechen, nicht mehr kauen und auch nicht mehr schlucken.

Die Frau aus Bülach entschied sich, mit Hilfe der Sterbehilfeorganisation Exit aus dem Leben zu gehen. Ein guter Entscheid sei das gewesen, sagt Ehemann Werner Fuhrer rückblickend.

Seelsorgerliche Begleitung

Werner Fuhrer musste seine Frau Christa vor fast einem Jahr gehen lassen. Obwohl es ihn noch immer schmerzt, schaut er mit vielen guten Erinnerungen auf die schweren Jahre zurück. «Die Zeit, die wir zusammen verbringen durften, war sehr schön und wertvoll. Ich möchte sie nicht missen.»

Geholfen hat dem Ehepaar Fuhrer auch der Bülacher Pfarrer Jürg Spielmann. Er begleitete die schwer kranke Frau seelsorgerisch. Werner Fuhrer lobt die offene und feinfühlige Art des Seelsorgers: «Pfarrer Spielmann konnte meine Frau immer beruhigen.»

Darf ich das?

Christa Fuhrer wollte ihrem Leben und Leiden ein Ende bereiten. Trotzdem fragte sie sich: Darf ich das? Darf ich als gläubige Christin selbst bestimmen, wann mein Leben enden soll? Diese Frage wühlte die schwer kranke Frau auf. Linderung brachten die Gespräche mit dem Seelsorger.

Pfarrer Jürg Spielmann besuchte das Ehepaar Fuhrer regelmässig. Gemeinsam beteten sie. «Christa und mir war bewusst, wir wissen nicht, was richtig und was falsch ist. Wir können es nur für uns selbst entscheiden.»

Mit Gottes Segen

Jürg Spielmann ist evangelisch-reformierter Pfarrer in Bülach. Jährlich begleitet er drei bis fünf Menschen, die mit Hilfe einer Sterbehilfeorganisation aus dem Leben gehen. Tendenz steigend.

Die Sterbenden wünschen sich vom Pfarrer eine Absolution und den Segen Gottes. «Beides kann ich ihnen mit gutem Gewissen geben», betont der Seelsorger. «Ich glaube daran, dass wir von Gott angenommen sind, wie wir sind. Ich glaube an Gottes Gnade.»

Ohne Angst sterben

Christa Fuhrer konnte am Ende nicht mehr sprechen und auch nicht mehr schreiben. Ihr Mann Werner Fuhrer spürte aber, wie ruhig seine Frau war: «Sie konnte diese Welt mit einer inneren Zufriedenheit verlassen» beschreibt Werner Fuhrer den Seelenfrieden seiner Frau.

Natürlich sei der Abschiedsschmerz gross gewesen. Seine Frau habe sich aber für den assistierten Suizid entschieden. Er und seine Kinder respektierten das, erzählt Werner Fuhrer. Den letzten Tag verbrachte das Ehepaar Fuhrer mit ihren beiden erwachsenen Kindern.

Respekt

Die Abdankung leitete Pfarrer Jürg Spielmann. Noch zu Lebzeiten seiner Frau hätten sie gemeinsam die Abschiedszeremonie geplant. Es sei ein berührender, aber auch schöner Moment gewesen, beschreibt Werner Fuhrer die Feier.

Sein Umfeld habe den Entscheid seiner Frau respektiert. Nur einmal habe ein Bekannter seltsam reagiert, als er erzählte, dass seine Frau mit Exit aus dem Leben geschieden sei, erzählt der Witwer.

Pfarrer Jürg Spielmann aus Bülach
Legende: Er begleitete das Ehepaar Fuhrer: Pfarrer Jürg Spielmann aus Bülach. zvg

Kein Tabu mehr

In Bülach rede man offen über assistierte Suizide, sagt Pfarrer und Seelsorger Jürg Spielmann. Darüber sei er froh. Das würde auch der Gerüchteküche vorbeugen.

Selbstbestimmtes Sterben ist in Bülach kein Tabu mehr. So konnte Christa Fuhrer mit dem Segen Gottes angstfrei sterben. Werner Fuhrer konnte seine Frau beruhigt gehen lassen und kann mit guten Erinnerungen an eine schwere Zeit weiterleben.

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Legende:Getty Images / Bildmontage

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26 Kommentare

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  • Kommentar von Markus Holti (M.A.Holti)
    Jeder Mensch hat einen Willen und kann, in Abhängkigkeit von seiner Mündigkeit, frei bestimmen. Es fragt sich aber auch in allen Entscheidungen, von was ich mich leiten lasse. Dies ist ja gerade der Sinn des Glaubens, dass ich eine externale, höher Referenz miteinbeziehe. Wenn ich an einen Gott glaube, der alles Leben schuf, verzichte ich in gewisser Weise auf meine Selbstbestimmung und lebe im Vertrauen – auch in den dunkeln Stunden. Dies ist der eigentliche Kern des Evangeliums.
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  • Kommentar von Christoph Lorenz Aeberhard (Kuli)
    Sind wir auf dem Ladentisch dann werden wir von allen Seiten reguliert wir haben keinen eigenen Willen mehr wir werden reguliert um Strafen zu kassieren ist dass gut so und dass beim sich verabschieden wir den Willen in fremde Pfründe geben sollen wir sind eigenständige Wesen alles andere ist top Sklaverei lassen wir die Menschen doch leben wie sie es für gut halten vorallem im Alter bestückt mit unsäglichen Schmerzen ist es nicht mehr interessant
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  • Kommentar von jean-claude albert heusser (jeani)
    Jeder "freie Schweizer" soll entscheiden dürfen, wann und wie er sterben will!
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