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Buch «Unsere Revolution» Bernie Sanders' Manifest gegen die Superreichen Amerikas

In «Unsere Revolution» skizziert Bernie Sanders seine Vision für ein gerechteres Amerika. Seine Manifest ist aber mehr Wahlprogramm für die Demokratische Partei als Revolution.

Ein Mann mit Poloschläger in der einen und Zigarre in der anderen Hand steht auf einer grünen Wiese.
Legende: Bernie Sanders will ein Clan-System verhindern, in dem wenige reiche Familien Wirtschaft und Politik beherrschen. Getty Images
  • In seinem neuen Buch «Unsere Revolution» prangert Bernie Sanders Missstände an und fordert ein gerechteres Amerika.
  • Er bezeichnet Politik und Politiker in den USA als korrupt und bemängelt die ungleiche Verteilung von Wohlstand und Chancen.
  • Er fordert weniger Korruption, mehr Bildung und einen Mindestlohn.
  • Seine Lösungsvorschläge bleiben nach europäischen Massstäben bescheiden.

«Ich war der erste sozialistische Bürgermeister Amerikas», fasst Bernie Sanders stolz die Quintessenz seiner politischen Karriere in den USA zusammen. Mit seiner Biografie als Prolog seines Buches «Unsere Revolution» zeichnet der 76-Jährige seinen Weg vom Kind armer jüdischer Einwanderer aus Polen bis zu seiner Kandidatur als Präsidentschaftsbewerber der Demokraten nach.

«Als Jude, der viele Verwandte im Holocaust verloren hatte, war ich schon früh Anti-Rassist und engagierte mich mit Martin Luther King gegen die Ultra-Nationalisten in den USA», erläutert Sanders sein Engagement zunächst in der Bürgerrechtsbewegung und anschliessend als Politiker.

Bernie Sanders am Mikrofon.
Legende: Gibt auch nach der Niederlage nicht auf: Bernie Sanders will die progressiven politischen Kräfte in Amerika stärken. Keystone

Er sah sich nie als Präsidenten

Eine Kandidatur für die Präsidentschaft habe er aber lange kategorisch ausgeschlossen, obwohl ihn viele seiner Anhänger dazu gedrängt hätten, beschreibt Sanders sein Ringen mit sich selbst kokett.

Sein Entschluss, sich doch zu bewerben, sei erst dann gereift, als klar war, dass kein anderer progressiver Kandidat antreten wollte. «Es sah so aus, als ob die Ehefrau eines ehemaligen Präsidenten, Hillary Clinton, und der Bruder und Sohn von zwei ehemaligen Präsidenten, Jeb Bush, die Wahl unter sich ausmachen wollten.»

Kein Clans erwünscht

Dass Amerika zu einem Clan-System verkomme, in dem wenige einflussreiche Familien nicht nur die Wirtschaft sondern auch die Politik beherrschen, habe er nicht zulassen wollen.

Sanders hat nach eigener Einschätzung nie daran geglaubt, zu gewinnen. Das Ziel seiner Kandidatur war ein ganz anderes: die Stärkung der progressiven politischen Kräfte in Amerika.

«Wie leben in einer Welt der Oligarchen»

Der zweite Teil seines Buches ist seiner selbst gewählten Mission gewidmet: der Mobilisierung der Massen gegen die Oligarchen der Welt. «Es ist völlig absurd, wenn acht Milliardäre mehr Eigentum besitzen als die untere Hälfte der Weltbevölkerung», empört sich Sanders.

«In meinem Land besitzen 0,01 Prozent genauso viel wie die unteren 90 Prozent der Bevölkerung.» Auf Initiative der Superreichen seien die Gesetze zur Wahlkampffinanzierung in den USA aufgeweicht und die Wahl für Afroamerikaner, Latinos, Indianer oder die Armen erschwert worden.

Korrumpierte Politik

Dabei fühle er sich an die Zeiten vor der Bürgerrechtsbewegung erinnert. «Viele haben heute tatsächlich keine Möglichkeit mehr, überhaupt zu wählen», sagt Sanders. Als Beleg führt er die niedrige Wahlbeteiligung in den USA an, die bei Kongresswahlen gerade mal 38 Prozent betrage.

«Die meisten US-Politiker, inklusive der Clintons, sind abhängig von Wahlkampfspenden der Konzerne, der Hochfinanz, der Wall Street.» Daraus folgert er, Politik und Politiker in den USA seien überwiegend korrumpiert und gekauft.

«Unsere Revolution» liest sich im analytischen Teil wie die frühen Schriften von Karl Marx zur Verelendung des Proletariats. Milliardäre werden immer reicher. Amerikanische Arbeiter müssen drei Jobs annehmen und verdienen trotzdem nicht genug zum Überleben.

Eher Reform als Revolution

«In den Vereinigten Staaten sind derzeit 2,2 Millionen Menschen im Gefängnis», empört sich Sanders. «Das sind mehr als in jedem anderen Staat. Statt immer mehr Gefängnisse zu bauen, brauchen wir Investitionen in Arbeit und Bildung.»

In seiner Agenda für ein neues Amerika skizziert er seine Vision für eine gerechtere Gesellschaft. «Wir müssen Steuerschlupflöcher schliessen. Wir brauchen einen Mindestlohn von 15 Dollar. Jeder sollte mindestens 10 Tage bezahlten Urlaub bekommen.»

Keine grosse Revolution

Seiner fulminanten Kritik an US-amerikanischen Verhältnissen folgen eher bescheidene Lösungsvorschläge. Grundeinkommen für alle? Für solche Diskussionen aus Europa seien die Amerikaner noch nicht bereit. Das Fazit: Was Amerikaner wie Bernie Sanders als revolutionär bezeichnen, ist nach europäischen Massstäben kaum eine Mini-Reform.

«Unsere Revolution» scheint vor allem als Grundlage für ein neues Wahlprogramm der Demokratischen Partei gedacht zu sein, in deren Führungszirkel Sanders inzwischen aufgerückt ist. Die Demokraten wieder progressiv machen? Für den Alt-Linken Sanders ist das derzeit genug Revolution.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 12.06.2017, 16:50 Uhr

Buchhinweis

Bernie Sanders: «Unsere Revolution». Ullstein Buchverlage, 2017.

13 Kommentare

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  • Kommentar von James Klausner (Harder11)
    Ich kenne kein aktuelles Buch, welches das amerikanische Regierungssystem, sein Herkommen, seinen aktuellen Zustand und die zu erwartenden Zukunftsperspektiven klarer und verständlicher darstellt. Der Mann vertritt glaubhaft seine Position als Warner und Reformer, ohne belehrend zu werden. Herr Sanders liefert klare prägnante Sätze, wie sie in jedes Lehrmittel für Staatskunde gehören. Man liest das Buch mit grossem Gewinn, auch im Hinblick auf den Zustand unserer Demokratie in der Schweiz.
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  • Kommentar von Matthias Stäubli (MC Dust)
    Sanders weiss wovon er spricht. Der durchschnittliche amerikanische Lohnarbeiter hat heute wenig mehr in der Tasche als 1980 (sic!). Der Produktivitätsgewinn verschwand in den Taschen von ein paar wenigen, die Mehrheit ging leer aus. Vgl. Robert Reich: Saving Capitalism. For the many, not the few (sehr empfehlenswert!). Formal ist die USA noch als Demokratie organisiert, aber das ist Kasperlitheater, Opium fürs Volk. An den Schalthebeln der Macht sitzen gut lobbyierte Dagoberts.
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  • Kommentar von Otto Murbach (OttoMurbach)
    Reichtum an und für sich ist nichts das angeprangert werden soll. Wie der Reichtum entstanden ist und was damit gemacht wird ist ausschlaggebend. Neid ist jedoch auch eine ungute und zerstörerische Eigenschaft. Wichtig sind Arbeitsverträge und Abmachungen die von beiden Seiten, ohne Wenn und Aber, eingehalten werden. Wenn diese Abmachungen und Verträge jedoch von Dritten angezweifelt und verteufelt werden, ist Unzufriedenheit die Folge davon.
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