Bestseller-Ökonom Thomas Piketty sieht die Demokratie in Gefahr

Der französische Ökonomieprofessor Thomas Piketty hat im angelsächsischen Raum einen riesigen Medienhype entfacht. Seit April jettet er mit seinem Buch über «Das Kapital im 21. Jahrhundert» von Termin zu Termin. Er sieht die Demokratie gefährdet durch die Anhäufung von Reichtum bei einigen wenigen.

Demonstranten mit Schildern, auf dem einen steht "We are the 99%". Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Thomas Piketty liefert das wissenschaftliche Fundament für die Anliegen der Occupy-Bewegeung: Aktivisten in Berlin 2011. Keystone

15 Jahre lang hat Thomas Piketty mit Kollegen an der Pariser Universität Daten über Vermögen und Einkommen aus 20 Industrienationen zusammengetragen und analysiert. Seine Kernbotschaft ist alarmierend: Seit Ende der 1970er-Jahre, als die Liberalisierung der Weltwirtschaft und besonders der Finanzmärkte einsetzte, haben die Reichen ihr Vermögen rasant vermehrt.

Thomas Piketty über die Entwicklung der Weltwirtschaft

0:23 min, aus Kulturplatz vom 27.8.2014

Ihr Kapitalzuwachs ist um Faktoren grösser als das allgemeine Wirtschaftswachstum. Es herrscht bereits wieder eine feudalistisch anmutende Ungleichheit wie gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Und: Die Kluft zwischen Arm und Reich vergrössert sich rasant, immer weniger Menschen raffen immer mehr Kapital zusammen. Durch Vererbung auf immer weniger Nachkommen konzentriert sich das Grosskapital zusätzlich in immer weniger Händen.

Solche Verhältnisse kennzeichnen eine Oligarchie, nicht eine Demokratie. Piketty weist daraufhin, dass damit Werte wie Chancengleichheit und Leistungshonorierung zu hohlen Phrasen verkommen. Die Demokratie sieht Piketty durch diese Entwicklung ernsthaft bedroht.

Wer hat, dem wird gegeben

Mit seiner Arbeit liefert Piketty den wissenschaftlichen Beweis für die Ungerechtigkeit, die immer mehr Menschen subjektiv empfinden: Stagnation bei den Löhnen, die Unmöglichkeit, sich trotz vollem Arbeitseinsatz ein nennenswertes Vermögen anzusparen. Während die Superreichen ihr Kapital ohne grosse Anstrengung alle paar Jahre verdoppeln, kommt die grosse Masse des Mittelstands nicht vom Fleck und droht gar, in die Armut abzurutschen.

Auch in der Schweiz ortet Piketty diese gefährliche Entwicklung: das reichste Prozent der Bevölkerung besitzt mittlerweile bereits die Hälfte des gesamten Privatkapitals; Tendenz weiterhin steigend, und das rapide. Den anderen 99 Prozent der Bevölkerung bleibt immer weniger vom Kuchen.

99 Prozent können sich nicht irren

«Wir sind die 99 Prozent» – dieser Schlachtruf der Occupy-Bewegung gab dem diffusen Gefühl der Ohnmacht weltweiten Ausdruck. Jetzt ist es quasi offiziell: Pikettys Analyse liefert das wissenschaftliche Fundament, an dem die neoliberalen Parolen aus Politik, Wirtschaft und Hochfinanz abprallen und sie als eigennützige Scheinargumente entlarvt.

Piketty bei einem Vortrag, zeigt mit ausgestrecktem Arm auf einen Punkt auf einer nicht sichtbaren Leinwand Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst rasant: Ökonomieprofessor Thomas Piketty. Keystone

Piketty weist nach, dass der überproportionale Vermögenszuwachs der Reichen zur Hauptsache aus Spekulationsgeschäften an den Finanzmärkten stammt, wo die Profite umso stärker ausfallen, je grösser die investierten Kapitalien sind. Mit den kleinen Einsätzen des Mittelstands hingegen ist im globalen Finanzkasino kaum viel zu holen.

Würden die Reichen ihr Kapital und ihre Gewinne vollumfänglich in der Realwirtschaft re-investieren, könnte diese ebenso wachsen, und damit auch die Einkommen und Vermögen der kleinen Leute. Doch die Reichen ziehen Finanzspekulation vor, denn dort locken die fetten Profite. Allein in Deutschland beispielsweise investieren die Vermögenden 90 Prozent ihrer Gewinne in Finanzspekulation statt in reale Wirtschaftsaktivitäten.

Von der Wirtschaftsanalyse zur Steuerpolitik

Was Thomas Piketty zusätzlichen Applaus einbringt, ist sein politisches Engagement. Anders als die Kollegen seiner Zunft betont der französische Wirtschaftsexperte die gesellschaftliche Relevanz und Dringlichkeit der von ihm konstatierten Entwicklung. «Was geschieht mit unserer Demokratie, wenn das so weitergeht?» wirft er rhetorisch in jede Diskussionsrunde. Wenn die grosse Mehrheit verarmt, kann sie keinen freien politischen Gestaltungswillen mehr entfalten; dann werden gesellschaftliche Entscheide nur noch von wenigen Grosskapitalisten diktiert.

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Buchhinweis

Thomas Piketty: «Das Kapital im 21. Jahrhundert». C.H. Beck, 2014 (erscheint am 17. Oktober).

Damit es nicht so weit kommt, fordert Piketty zweierlei: weltweite Transparenz bei allen Finanz- und Kapitalbewegungen durch automatischen Informationsaustausch und eine globale, stark progressive Vermögens- und Erbschaftssteuer; ein Instrument, das im Zuge der Liberalisierung und des Steuerwettbewerbs in den letzten Jahrzehnten vielerorts abgeschafft oder stark zurückgefahren wurde.

Pikettys Analysen und seine Forderungen sind starke Argumente in der weltweit tobenden Debatte um Steuerreformen und gesellschaftliche Umverteilung. Deshalb ist er zu einer Art modernem Messias geworden und sein Buch zum Bestseller – ohne Happy End.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Thomas Pikettys Wirtschaftswälzer versetzt die Welt in Aufregung

    Aus Kulturplatz vom 27.8.2014

    Selten hat ein Sachbuch so eingeschlagen. «Das Kapital im 21. Jahrhundert» des französischen Ökonomieprofessors Thomas Piketty hat die Debatte um das heutige Wirtschaftssystem neu belebt. «Wer hat, dem wird gegeben. Wenige Reiche werden immer reicher. Und das immer schneller»: Diese Diagnose verkauft sich in den USA, als wär es der neueste Thriller von Dan Brown. Pikettys Buch kündet von einer beunruhigenden ökonomischen Ungleichheit, die nicht zuletzt die Demokratie bedroht. Thomas Piketty: «Das Kapital im 21. Jahrhundert» erscheint im Oktober 2014 im Verlag C.H.Beck.

    Pascal Derungs