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Hexenkinder
Aus Sternstunde Religion vom 01.01.2021.
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Betroffene erzählen Wie Nonnen Schweizer Kindern den Teufel austreiben wollten

Weggesperrt und misshandelt: Bis in die 1970er-Jahre wurden Kinder in Schweizer Heimen gequält. Auch von der Kirche. Der Film «Hexenkinder» porträtiert sechs Schicksale.

«Mir wurde schon früh gesagt, dass ich vom Teufel besessen sei», erinnert sich MarieLies Birchler heute. «Ich denke, ich war einfach anders. Sie wollten mich brechen. Um jeden Preis.»

Angeblich zur Erholung kam sie 1951 ins Waisenheim in Einsiedeln. MarieLies Bichler war unterernährt und verwahrlost, als sie in die Obhut der Ingenbohler Schwestern gebracht wurde.

Doch der Kur-Aufenthalt war in Wirklichkeit eine fürsorgerische Zwangsmassnahme und was MarieLies Birchler im Waisenheim erlebte, war alles andere als erholsam.

Video
Von Nonnen gequält
Aus Kultur Webvideos vom 18.09.2020.
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Ohne Essen auf dem Estrich eingesperrt

Weil sie ein wildes Kind war und ins Bett machte, wurde sie von den Nonnen geschlagen. Sie wurde in eiskaltes Wasser getaucht, bis sie keine Luft mehr bekam. Sie wurde ohne Essen im Estrich eingesperrt.

Kraft gab ihr damals die Flucht in schönere Gedankenwelten: «Wenn ich Hunger hatte auf dem Estrich, dann habe ich mir vorgestellt: Tischlein, deck dich – nur die besten Sachen. Wir hatten minderwertiges Essen.»

Audio
Aus dem Archiv: Wie Schweizer Behörden jahrzehntelang Kinder wegsperrten
07:05 min, aus Rendez-vous vom 18.05.2017.
abspielen. Laufzeit 07:05 Minuten.

Was MarieLies Birchler erlebt hat, haben auch viele andere Kinder in der Schweiz erlebt. Mit sogenannten fürsorgerischen Zwangsmassnahmen wurden sie von den Behörden bis in die 1980er-Jahre den Eltern entrissen, umplatziert oder in Heime gesperrt.

Sechs Schicksale

Solche Schicksale werden im Film «Hexenkinder» porträtiert: Sechs Menschen, die zwangsversorgt wurden und viel Gewalt erleben mussten. Auch im Namen der christlichen Religion.

Der Film «Hexenkinder»

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Der Film porträtiert sechs Menschen, die als Kinder «zwangsversorgt» und im Namen der Religion misshandelt wurden. Der Filmemacher Edwin Beeler erzählt diese Geschichten sorgfältig und respektvoll. Magische Landschaftsbilder und gelesene Textpassagen schaffen immer wieder Bezug zu Kindern, die vor mehr als 300 Jahren der Hexerei angeklagt und umgebracht wurden. Ein starker und intimer Film, der auch von Widerstand und Lebenskraft erzählt.

SRF ist Koproduzent des Films.

Mit den körperlichen und seelischen Folgen der Misshandlungen hat Birchler bis heute zu kämpfen. Ihr ist es wichtig, dass die Gesellschaft weiss, was damals passiert ist.

Darum hat sie im Film «Hexenkinder» mitgewirkt: «Die Menschen sollen wissen, was alles in dieser ‹heilen› Schweiz passiert ist. Das ist wichtig, auch für die Betroffenen. Für alle, die es nicht überlebt haben, die sich in frühen Jahren suizidiert haben wie etwa mein Bruder Hanspeter.»

Zwei Frauen stehen in einer Bibliothek an einem Tisch und schauen in ein Dokument.
Legende: Im Film nimmt MarieLies Birchler (rechts) mit der Historikerin Verena Rothenbühler Einsicht in ihre Vormundschaftsakten. Calypso Film AG / Edwin Beeler

Wichtig sei es auch für Erzieherinnen und Lehrer von heute: Dass sie solche Geschichten kennen, für das Thema Kindesmisshandlung sensibilisiert sind. Mit dem Film will MarieLies Birchler zudem Betroffenen Mut machen, hinzustehen und ihre Geschichte zu erzählen.

Der Schmerz bleibt

Ihre eigene Geschichte hat sie in den letzten Jahren oft erzählt – in Therapiestunden, bei Ärztinnen, aber auch gegenüber Historikern, welche die Geschichte von administrativ versorgten Kindern aufarbeiten.

Audio
«Hexenkinder»-Regisseur Edwin Beeler im Interview
15:10 min, aus Kontext vom 17.09.2020.
abspielen. Laufzeit 15:10 Minuten.

Versöhnung hat Birchler in diesem Prozess vor allem mit sich selbst gefunden: «Das braucht Zeit», erzählt MarieLies Birchler. «Ich kann mich mit meinem Schicksal versöhnen, das Erlebte in mein Leben integrieren. Wobei es immer schmerzhaft bleiben wird und es sich immer wieder zeigt.»

Wie etwa diesen Frühling, als wegen Corona das Leben stillstand und alte Ängste wieder hochkamen. Als die das Gefühl hatte, eingesperrt und isoliert zu sein.

Solche Narben würden bleiben, sagt MarieLies Birchler. Sie könnten immer wieder aufbrechen. Darum habe sie sich mit den Nonnen von damals, und mit der Kirche, nicht versöhnen können.

Video
Aus dem Archiv: Ursula Biondi wurde administrativ versorgt
Aus Reporter vom 21.02.2016.
abspielen

Sie sei aber durchaus offen für Diskussionen: «Ich kann durchaus mit einem Geistlichen reden. Ich verurteile auch niemanden».

Aufgrund dessen, was ihr von Vertretern der Kirche angetan wurde, wolle sie mit der Institution Kirche aber nichts mehr zu tun haben: «Es war zu verlogen und verschroben.»

Sternstunde Religion zeigt eine gekürzte TV-Fassung des gleichnamigen Kinofilmes.

Sendung: SRF 1, Sternstunde Religion, 01.01,2020, 09:50 Uhr.;

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70 Kommentare

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  • Kommentar von Olivier Klossner  (Oli61)
    Kirchen und Religionen gehörten abgeschafft. Aber die armen Menschen brauchen so etwas an das sie sich hängen können. Geht um abschieben von Verantwortung, er hat es so gewollt, ich bin Unschuldig.
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Dies versuchten die Marxisten-Leninisten 70 Jahre lang. Meiner Meinung nach soll jeder nach seiner Façon glücklich werden. Gute und schlechte Menschen gibt es nun mal in jeder Institution.
    2. Antwort von Daniel Barrer  (Daniel Barrer)
      Danke, dass Sie Kirchen (= christlich) von den Religionen unterscheiden! Denn nur die christlich biblische Lehre setzt allein auf den Glauben, ohne die "guten Werke", die aber die Religionen explizit einfordern!
      Zu den Religionen zähle ich auch den Atheismus = kein Gott, Deismus = entfernter Gott, Kapitalismus = Geldgott, Kommerzialismus = Wirtschaftsgott, Naturalismus = Naturgott,... Damit will ich sagen, dass der Mensch ohne Gott resp. Religion nicht existieren kann! Seien es die armen ...
    3. Antwort von Daniel Barrer  (Daniel Barrer)
      ... wie auch die reichen Menschen (finanziell wie auch geistlich). Dazu kommen die unterschiedlich(st)en Erwartungen, Massstäbe, die das Zusammenleben herausfordernd gestalten.
      Die Problematiken des Abschiebens von Verantwortung sehe ich in der heutigen Zeit viel stärker in den Reihen der Wirtschaft und (deren) Politik, nicht nur dann, wenn Führungskräfte mit einem "goldenen Fallschirm" ein Unternehmen verlassen müssen, resp. dürfen. Ist ja auch eine Art "Religion".
    4. Antwort von Alex Volkart  (Lex18)
      @ Herr Klosser: Ich kann die Wut auf Kirchen und Religionen durchaus verstehen. Die habe ich manchmal auch. Man kann aber Kirchen und Religionen wegen krassen Verfehlungen Einzelner nicht abschaffen. Denn dann wirft man Unschuldige und Täter in den gleichen Topf und dass will wohl niemand. Wenn ich ihrer Logik folge müsste man ja z.B. Schulen abschaffen weil früher Lehrer und Lehrerinnen gerne zum Stock griffen.
  • Kommentar von Dominik Meier  (echoderzeit)
    Warum wird der Kirche nicht einfach den Stecker gezogen? Unser Unternehmen bezahlt unfreiwillig Kirchensteuer und finanziert dieses ganzen Salat mit... Die Schweiz muss diesbezüglich endlich ausmisten und mit dieser Rückständigkeit abschliessen!
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    1. Antwort von Daniel Barrer  (Daniel Barrer)
      Dass Ihr Unternehmen Kirchensteuern bezahlt, hängt von der kantonalen Gesetzgebung ab. Juristische Personen (Unternehmen) tragen in 17 Kantonen der gesellschaftsfördernden Tätigkeit der Kirchen bei, sofern sie anerkannt sind.
      Doch leider gibt es kleinere wie auch grössere Unternehmen, die eine "Rückständigkeit" ausweisen, ausgewiesen haben: Gilt auch hier, dass man "endlich ausmisten und den Stecker ziehen soll"?
    2. Antwort von Alex Volkart  (Lex18)
      @ Herr Meier: Dann müsste man ja unter anderem auch jeder Schule, jedem Verein den Stecker ziehen weil Einzelne krasse Verstösse machten. Das hilft niemandem und wirft Unschuldige und Täter in den gleichen Topf. Der Beitrag an Kirchen ist relativ klein und wenn man bedenkt was Kirchen alles an sozialer Arbeit erbringen was eigentlich der Staat tun sollte durchaus angebracht.
  • Kommentar von Benedikt Rosenberg  (Amadeus)
    Ich war als Kind selbst für ein paar Jahre in einem katholischen Internat mit Klosterfrauen und es gab von denen Bitterböse. Die konnten Kinder regelrecht fertigmachen, nicht physisch aber z.B. mit hundsgemeinen Bemerkungen. Ich denke, dass sogenannt "Böse" ist weder männlich noch weiblich sondern einfach nur Menschlich.
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