Bis zuletzt ein engagierter Beobachter: Historiker Fritz Stern

Fritz Stern war einer der bedeutendsten amerikanischen Historiker und einer der profiliertesten Kenner der deutschen Geschichte. Bis ins hohe Alter meldete er sich auch zu aktuellen Fragen; zuletzt warnte er vor einem «neuen Zeitalter der Angst». Jetzt ist Stern im Alter von 90 Jahren gestorben.

Ein älterer Herr mit schütterem Haar; er schaut ernst und etwas müde aus. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Historiker Fritz Stern lebt in Amerika, aber er wurde nicht müde, Deutschland zu erklären. Keystone

Fritz Stern gehörte zu den berühmtesten Historikern der Gegenwart. Seine Geschichtswerke wurden zu Klassikern des Fachs, seine Memoiren «Fünf Deutschland und ein Leben» zum Bestseller. Stern wurde unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet und besass mehr Ehrendoktorhüte als zivile Kopfbedeckungen.

Grosser Kenner Deutschlands

Sterns Engagement rührte daher, dass er das dritte Reich erlebt hatte. 1926 wurde er in Breslau in eine traditionsreiche Arztfamilie jüdischer Abstammung hineingeboren. 1938 floh die Familie nach New York. Stern studierte an der Columbia Universität und wurde dort schliesslich Professor.

Er forschte über die Geschichte des modernen Europas im 19. und 20. Jahrhundert, besonders über die Entstehung des Nationalsozialismus. Dazu veröffentlichte er zahlreiche Werke. Stern, der in zweiter Ehe mit der Autorin Elisabeth Sifton verheiratet war und aus seiner ersten Ehe zwei Kinder hat, galt als grosser Kenner Deutschlands.

Kampf um Demokratie

Als Historiker vertrat Fritz Stern die Werte des amerikanischen Liberalismus. Das bedeutete für ihn: Die Geschichte ist offen, es gibt keine Zwangsläufigkeit. Gleichzeitig ist man jedoch verpflichtet, diese Freiheit zu nutzen.

Dennoch: Stern identifizierte sich nicht durch und durch mit Amerika. Zwar war er dem Land dankbar, dass es ihn als Flüchtling aufgenommen hatte. Aber er kritisierte die Rechtstendenzen in Amerika heftig. So war er entsetzt, als Donald Trump seine Präsidentschaftskandidatur bekanntgab. Sein Leben hatte mit einem Kampf um die Demokratie begonnen. Nun, am Ende seines Lebens sah er die Demokratie wieder gefährdet – das war eine riesige Enttäuschung für ihn.

Er gab Thatcher Ratschläge

Zeitlebens vertrat Stern die Meinung, dass man politisch engagiert sein muss. Dafür erfand er sogar einen Begriff: «der engagierte Beobachter». 1990 überzeugte er die britische Premierministerin Margaret Thatcher, dass man vor einem wiedererstarkenden Deutschland keine Angst zu haben brauche. Der frühere US-Botschafter in Deutschland, Richard Holbrooke, nannte ihn einmal einen «lebenden nationalen Schatz».

Bis zu seinem Tod meldete sich Stern in der Öffentlichkeit zu Wort; anlässlich seines 90. Geburtstags am 2. Februar 2016 warnte er in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur angesichts des Rechtsrucks in vielen europäischen Ländern vor einem bevorstehenden «Zeitalter der Angst».

Stern schrieb viele Briefe und führte jahrzehntelang Tagebücher. Bleibt zu hoffen, dass diese ediert werden.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 18.5.2016, 17:08 Uhr.