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Serena Dankwa: Wie steht es um den Rassismus in der Schweiz?
Aus Kultur-Aktualität vom 03.06.2020.
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«Black Lives Matter» «Die Schweiz hat ein grosses Problem mit Unterrepräsentation»

Seit der Afroamerikaner George Floyd letzte Woche durch Polizeigewalt zu Tode kam, protestieren weltweit Menschen gegen Rassismus. Auch in der Schweiz – denn auch hier müssen tieferliegende rassistische Bilder aufgedeckt werden, sagt Sozialanthropologin Serena Dankwa.

Serena O. Dankwa

Serena O. Dankwa

Sozialanthropologin

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Serena O. Dankwa ist Sozialanthropologin, Geschlechterforscherin und Journalistin. Sie ist Mitherausgeberin des Sammelbandes «Racial Profiling: Struktureller Rassismus und antirassistischer Widerstand», engagiert sich als Gründungsmitglied bei Bla*Sh - Netzwerk schwarzer Frauen und hat soeben das Buch Knowing Women, Link öffnet in einem neuen Fenster publiziert. Dankwa hat regelmässige Auftritte als Referentin an Veranstaltungen zu Rassismus oder LGBTQI+-Themen. Bis 2015 arbeitete sie als Journalistin für SRF.

SRF: In der Berichterstattung über die USA ist oft von strukturellem oder institutionellem Rassismus die Rede. Was heisst das?

Serena Dankwa: Von struktureller Diskriminierung redet man, wenn staatliche oder auch private Institutionen bestimmte Regeln und Prozesse aufweisen, die automatisch zu einer Diskriminierung bestimmter Menschengruppen führen. Etwa wenn die Polizei systematisch nach «people of color» Ausschau hält. Obwohl dies oft verneint wird, bei sogenannten Migrationskontrollen ist das sehr wohl der Fall.

Oft ist es bereits in den Gesetzen angelegt, dass Menschen aus dem Süden oder Osten benachteiligt sind, etwa auf dem Arbeitsmarkt oder dem Wohnungsmarkt.

Dazu kommen die subtileren Mechanismen, zum Beispiel in der Schule: Was wird einem Kind zugetraut, was nicht? Welche Vorbilder haben die Kinder? Was lernen sie in den Kinderbüchern – und kommen sie da überhaupt vor?

Wie erleben schwarze Menschen in der Schweiz solch strukturellen Rassismus?

Das ist, als ob Sie fragen würden, wie erleben Frauen in der Schweiz Sexismus? Es gibt keine einheitliche Antwort. Es ist total unterschiedlich, je nachdem, welchen Aufenthaltsstatus die Menschen haben, ob sie die Sprache sprechen oder wie sie sozial aufgestellt sind.

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Charles Nguela wuchs als Migrant in der Schweiz mit Rassismus auf (Staffel 2, Folge 6)
Aus Helvetia vom 09.05.2020.
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Viele glauben, der Rassismus sei in den USA ein grosses Problem, hierzulande nicht unbedingt. Teilen Sie diese Ansicht?

Jedes Mal, wenn in den USA oder in Südafrika ein rassistischer Vorfall geschieht, wird diese Frage gestellt: «Gibt es in der Schweiz Rassismus?»

Diese Frage ermüdet mich. Ich finde, das darf einfach nicht mehr die Frage sein. Ja, natürlich gibt es das! Es sterben auch in der Schweiz Menschen in Polizeigewahrsam.

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Aus Archiv: Serena Dankwa: Wie definiert uns unsere Hautfarbe?
Aus Sternstunde Philosophie vom 30.08.2015.
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Diese Fälle gibt es immer wieder, aber das ist die Spitze des Eisbergs. Was dazu führt, sind nicht einzelne böse Polizistinnen und Polizisten, sondern die Bilder, die ganz tief in der Gesellschaft angelegt sind. Ich glaube, um Rassismus bekämpfen zu können, muss man ihn erst einmal anerkennen.

Wie kann man das erreichen?

Ein wichtiger Aspekt ist, dass die Schweiz ihre Rolle in der Kolonialzeit anerkennt. Die Schweiz hat ökonomisch profitiert, sie war politisch beteiligt.

Um Rassismus zu bekämpfen, muss man ihn zuerst anerkennen.

Zweitens müssen Aktivistinnen und Aktivisten und betroffene Menschen ernst genommen werden und auch in den nötigen Positionen sein, etwa in den Medien oder der Politik. Die Schweiz hat ein grosses Problem mit Unterrepräsentation, das müsste sich dringend ändern.

Bewegt sich in dieser Hinsicht etwas in der Schweiz?

Ja, ich glaube schon, obwohl sehr langsam. Es hat sicher viel damit zu tun, dass schwarze Menschen, die schon längere Zeit in Europa leben, hier zur Schule gegangen sind, ein Selbstbewusstsein entwickeln, das sie sagen lässt: «Das kann nicht so weitergehen!»

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Rassismus in der Schweiz hat zugenommen
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Es muss in der Schweiz Räume geben, wo es möglich ist, als schwarze Person nicht immer die Aussenseiterin zu sein oder diejenige, die als die Fremde betrachtet wird.

Es muss auch in der Schweiz möglich sein, dass es eine Diaspora-Kultur gibt. Davor haben noch immer viele Menschen Angst: Dass etwas überhandnimmt, was als fremd betrachtet wird. Aber ich glaube, diese Stimmen lassen sich jetzt nicht mehr unterdrücken. Sie werden lauter.

Das Gespräch führte Katharina Brierley.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktuell, 03.06.2020, 6:50 Uhr;

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47 Kommentare

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  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    So ist es auf der ganzen Welt, wo jede/r irgendwo, irgendwann - optisch - zur/zum AussenseiterIn werden kann! Je nachdem, wohin wer reist. Das effektive Problem, stellt sich erst dann, wenn eine Mehrheit eine Minderheit diskriminierend behandelt. Das kann auch Menschen mit heller Hautfarbe passieren, wenn sie in ein Land/Gebiet reisen, wo Menschen mit anderer Hautfarbe leben...Vor allem dort, wo Menschen von mächtigen "Konzernen" verantwortungslos ausgebeutet, zerstört wurden und noch werden!
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    1. Antwort von Crista Naldi  (crinaldi)
      Es waren weisse Menschen aus Europa, die in Asien, Afrika, Südamerika, Nordamerika Menschen mit einer anderen Hautfarbe unterdrückt haben, sie zu Menschen einer tieferen Klasse degradiert haben, ihr Territorium beraubt haben. Rassismus kommt von Weissen. Rassismus ist etwas anderes als Fremdenfeindlichkeit. Weisse werden nirgendwo systematisch benachteiligt, POC vielerorts schon. Lesen bildet!
  • Kommentar von Delmar Lose  (DeLo)
    "Es muss in der Schweiz Räume geben, wo es möglich ist, als schwarze Person nicht immer die Aussenseiterin zu sein oder diejenige, die als die Fremde betrachtet wird."
    Also wen wir Rasismus weg bekommen wollen dan ist das aber auch nicht der richtige Ansatz! Ich verstehe zwar das Bedürfniss aber es geht ja dan eben auch darum sich von "anderen Rassen" zu distanzieren ... ich glaube das ist der falsche Ansatz.
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    1. Antwort von Denise Casagrande  (begulide)
      Delmar Lose: Weshalb schaffen Sie sich solche Räume nicht selber? AussenseiterIn zu sein, ist nicht schwer auf dieser Welt und hat nicht automatisch mit der Hautfarbe zu tun. Wer in ein anderes Land reist und deren Landessprache, Dialekte nicht spricht, ist ebenfalls solange AussenseiterIn, bis man sich mindestens sprachlich verständigen kann. Und so ist es oftmals auch mit den verschiedenen Ethnien dieser Welt - es bedarf Offenheit, Bereitschaft und Zeit von beiden Seiten, sich zu akzeptieren.
  • Kommentar von Jeanôt Cohen  (Jeanot)
    Natürlich gibt es Rassismus. Und ich gehöre dazu. Leider! Habe dies vor einiger Zeit festgestellt. Dich sitze im Zug, das Abteil ist leer, da kommen 4 dunkelhäutige Männer auf mich zu, und ich denke: jetzt habe ich ein Problem! Dann spricht einer der 4 Männer mich an, und erklärt sehr freundlich, das er im falsche zug sei, und fragt wie er jetzt nach Rubigen kommt. Habe es im erklärt. Und sie verabschiedete sich. Und ich habe mich geschämt. Weil ich mit einer Riese Vorurteil reagiert habe.
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