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Cover der aktuellen «Bravo»
Legende: Früher heiss begehrt, heute eher ein Ladenhüter: die aktuelle Ausgabe der «Bravo». SRF
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Gesellschaft & Religion «Bravo» wird 60 – und ist reif für die Rente

Bekommt man vom Onanieren Pickel? Ist Oralsex pervers? Jahrzehnte lang lieferte die Zeitschrift «Bravo» Antworten auf die drängenden Fragen der Jugend. Das tut sie immer noch – nur interessieren sich die Teenager heute kaum mehr dafür.

  • Die «Bravo» war Kult und Pionierin in Sachen sexuelle Aufklärung der Jugend.
  • Die Auflage von einst weit über eine Million Hefte ist heute auf 140‘000 Exemplare gesunken.
  • Das Internet und eine Aufsplitterung der Jugend in Gruppen mit ganz unterschiedlichen Interessen entziehen der Zeitschrift die Lesergrundlage.
  • Das Konzept «Bravo» – eine Zeitschrift, die alle Jugendlichen ansprechen will – wird verschwinden.

«Bravo» war Pflicht

«Bravo?», fragt die Verkäuferin am Kiosk und zuckt mit den Schultern.

Cover der ersten «Bravo» vom 26. August 1956 mit Marilyn Monroe.
Legende: Marilyn Monroe zierte das Cover der ersten «Bravo» vom 26. August 1956. Imago

Ja, die «Bravo». Die Zeitschrift, die ganze Generationen durch die Jugend begleitet hat und heute ihren 60. Geburtstag feiert.

In den 1970er-Jahren hätte die Kioskverkäuferin diese Frage nicht gestellt. Damals erreichte die Jugendzeitschrift eine Rekordauflage von 1,8 Millionen Exemplaren. Die «Bravo» war Kult, der Gang zum Kiosk für viele deutschsprachige Teenager ein wöchentliches Ritual.

«Bravo» verdirbt die Jugend

Sie tapezierten ihre Schlafzimmer mit Starschnitt-Postern von Pierre Brice oder Uschi Glas. Sie verliehen «Ottos» an ihre Lieblingsstars Roy Black oder Suzi Quatro.

Sie lasen neugierig die Antworten von Dr. Sommer auf Fragen ihrer Altersgenossen wie: «Kann ich schwanger werden, wenn ich Sperma schlucke?» oder «Mein Freund liest Sexhefte. Soll ich Schluss machen?».

Foto Love Story aus der «Bravo».
Legende: Seicht wie eh und je: die Foto Love Story. SRF

In Sachen sexuelle Aufklärung war die «Bravo» Pionierin. 1972 landete sie auf dem Index – Dr. Sommers Ausführungen zur Selbstbefriedigung befand die zuständige Behörde als jugendgefährdend.

Später kam der wöchentliche «Body Check» dazu mit ganzseitigen Nacktfotos von «Girls» und «Boys», quasi als Vergleichsgrösse mit dem eigenen Spiegelbild.

Auflage bricht ein

Die Teenager waren begeistert und lasen das Heft wenn nötig unter der Bettdecke. Bis in die 1990er-Jahre gingen wöchentlich über eine Million Hefte über den Ladentisch.

Das war einmal. Heute dümpelt die Auflage um die 140‘000 Exemplare herum und das Heft erscheint nur noch 14-täglich.

Keine Wunder. Wenn Justin Bieber sein Instagram-Konto deaktiviert oder die Lochis (die Zwillinge sind derzeit auf Youtube schwer angesagt) ein Konzert in einer Strassenbahn geben, weiss das der geneigte Teenager dank Smartphone sofort – nicht erst, wenn die nächste «Bravo» erscheint. Zahlreiche spezialisierte Angebote liefern Antworten auf Fragen zu Sex und Selbstbefriedigung oder Tipps gegen Liebeskummer und Pickel.

Die Jugend von damals gibt es nicht mehr

Nicht nur das Informationsangebot, auch die Zielgruppe der Jugendzeitschriften hat sich verändert, erklärt Bernhard Heinzlmaier, der seit über 20 Jahren in der Jugendforschung tätig ist: «In den 1960er- bis 1980er Jahren war die Jugend eine relativ homogene Gruppe mit denselben Bedürfnissen und Interessen».

Das habe sich heute ausdifferenziert in eine Fülle von Gruppen mit ganz unterschiedlichen Interessen. «Deshalb», so Heinzlmaier weiter, «kann eine Zeitschrift das Bedürfnis der Jugend nicht mehr abdecken, weil es diese Jugend nicht mehr gibt.»

Zudem habe eine «Bravo»-Redaktion, die immer auch einen pädagogischen Zugang zu ihren Lesern gepflegt hat, nichts mehr zu melden: «Das ist ja heute nur mehr peinlich.»

Rubrik Dr. Sommer in der «Bravo».
Legende: Seit 1969 beantwortet Dr. Sommer in der «Bravo» Fragen zu Liebe und Sex. Heute informieren sich die Jugendlichen online. SRF

«Das wird alles verschwinden»

Diese Probleme hat zumindest teilweise auch der Hamburger Bauer-Verlag erkannt, der die «Bravo» seit 1968 herausgibt. Vor zwei Jahren überarbeitete er das Heft: weniger klassische Star-Berichte, mehr Einordnung und Orientierung zu «lebensnahen» Themen.

So konnte der Verlag den Auflagenschwund vorerst bremsen. Zudem setzt er verstärkt aufs Internet. Via soziale Medien will er die Jugendlichen wieder enger an das Heft binden.

Vergebene Liebesmüh, findet Bernhard Heinzlmaier: «Das ist der letzte, untaugliche Versuch, etwas zu retten, das nicht mehr zeitgemäss ist. Das wird alles verschwinden.»

Das sind düstere Aussichten. Gut möglich also, dass die einst so begehrte «Bravo» ihren 70. Geburtstag nicht mehr erlebt.

Bernhard Heinzlmaier

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Bernhard Heinzlmaier ist seit über zwei Jahrzehnten in der Jugendforschung tätig. Er ist Mitbegründer des Instituts für Jugendkulturforschung und seit 2003 ehrenamtlicher Vorsitzender. Hauptberuflich leitet er ein Marktforschungsunternehmen in Hamburg.

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Rolf Bolliger  (robo)
    Mit 16 Jahren lasen wir damals die ersten "Bravo"-Ausgaben nur im "Versteckten"! (Wenn das die Eltern gesehen hätten?) Heute werden 1. Klässler zum Schul-Sexualunterricht verpflichtet! Dort wird den 6-7 Jährigen mehr erklärt und gezeigt, als wir damals im "Bravo" sahen und lesen konnten! Die "gute alte Zeit" ist nicht mehr! Eine moderne Zeit, in der Kinder auf die Spassgesellschaft "fachlich" und weitgehend in allen Gebieten (ausser Anstand beibringen!) gründlich vorbereitet werden!
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  • Kommentar von Sandro Bachmann  (S. Bachmann)
    Die Einstiegsliteratur für angehende Blick-Leser. Ja Bravo....
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    1. Antwort von Patrik Schaub  (Kripta)
      @Bachmann: Haben Sie Ihre Jugend- und Pubertätsjahre, nur mit dem Studium von Shakespeare und Tolstoi verbracht?
    2. Antwort von Sandro Bachmann  (S. Bachmann)
      @Schaub: Selbstverständlich nicht, aber amüsant, dass sich ein Blick-Leser darüber echauffiert. Sie lesen die Bravo sicher heute noch... :-)
    3. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Schon lange sind Blätter wie Blick und Bravo kein Problem mehr. Problematisch ist die Presse aus der rechten Ecke, finanziert von einem Goldküsten-Oligarchen.
    4. Antwort von Rolf Bolliger  (robo)
      Sogar noch hier (unter "Kultur") findet der "SVP-Phobien-Geplagte" aus Chur eine Verbindung zu seiner total verhassten konservativen Seite (Goldküsten Oligarchen)! Also, Sie vertreten die Meinung: Lieber der "Blick" oder das "Bravo" lesen, statt fundierte und ausführliche Abhandlungen wichtiger gesellschaftspolitischen Problemen in der "Weltwoche" oder sonst einer "konservativen" Zeitschrift oder Zeitung! Auf und mit einem solchen Niveau könnte ich nicht leben, Herr Planta!