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Beton: Geliebtes Übel
Aus Kontext vom 18.02.2022. Bild: AUTOSILO-BALESTRA - Karin Bürki / HEARTBRUT -
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Brutalismus in der Schweiz Schön hässlich: Warum Betonbauten polarisieren

Für die einen ist Beton ein sinnliches Material – für die anderen nur kalt und zerstörerisch. Woher kommt diese Hassliebe?

Die Fotografin und Autorin Karin Bürki steht begeistert vor dem Triemli-Turm am Fusse des Uetlibergs in Zürich. «Das ist einer der radikalsten Brutalismus-Bauten der Schweiz», sagt sie. «Wie aus einem Science Fiction-Film.»

Bürkis Faszination teilen andere Architektur- und Designinteressierte. Der breiten Masse ist das graue Wohnhochhaus aus den 1960er-Jahren ein Dorn im Auge. 2018 hat es die Leserschaft der Gratiszeitung «20 Minuten» sogar zum «hässlichsten Haus der Schweiz» gekürt.

Ein Betonhochhaus in Weitwinkelperspektive.
Legende: Brutaler Brutalismus: Der Zürcher Triemli-Turm streckt sich zum Himmel empor. Karin Bürki / Heartbrut

Für Karin Bürki ist roher Beton ein sinnliches Material und die Schweiz eine Fundgrube an beeindruckenden Sichtbeton-Bauten, in denen sich «Architektur und Skulptur vermischen».

Sie will Ihre Begeisterung weitertragen und hat deshalb das Format «Heartbrut» gegründet. Auf einer Webseite und in ihrem Instagram-Account setzt sie die Beton-Schönheiten in Text und Bild in Szene.

Utopisches Material

Dafür reist sie quer durch die Schweiz und liefert auch Inspiration zum Anfassen: Zwei Faltkarten, die «Cartes Brutes» mit jeweils Dutzenden Betonikonen aus der Schweiz zum Selberentdecken.

Darunter sind viele Gebäude aus den 1950er- bis 1970er-Jahren: Schulen, Kirchen, Wohnanlagen, Bürogebäude und Kulturhäuser. Alles raffinierte Meisterwerke im Geiste von Le Corbusier. Der Schweizer Architekt hat den Begriff «béton brut» – Sichtbeton – Ende der 1940er-Jahre geprägt und damit den Architekturstil des Brutalismus begründet.

Ein Gebäude mit Betonwänden beinhaltet viele Stühle und Tische.
Legende: Lernen zwischen Beton: Die Maurerhalle in Basel ist Ausbildungsstätte für Auszubildende im Gewerbe und in Gestaltungsberufen. Karin Bürki / HEARTBRUT

Im Schweizerischen Architekturmuseum in Basel findet gerade eine Ausstellung über Beton statt. Direktor Andreas Ruby sagt: «Beton galt in der Nachkriegszeit als eine Art utopisches Material für den Bau einer neuen Gesellschaft. Fast jede beliebige Form konnte man herstellen. Aus einem Guss. Das hatte etwas Magisches.»

«Schlechtes Karma»

Aber nicht nur Meisterwerke entstanden während des Wirtschaftsbooms. Auch seelenlose Wohn- und Bürogebäude. Der Umweltbewegung, die unter dem Eindruck der 68er-Bewegung entstand, war Beton ein Dorn im Auge.

Beton galt auch als Landschafts- und Stadtzerstörer, sagt Ruby. «Er wurde als feindliches Material wahrgenommen, was ihm ein schlechtes Karma einbrachte». Das wirke bis heute nach.

Ein Betongebäude steht mitten im Waldgebiet.
Legende: Wie ein Ufo: Das Museo la Congiunta steht im Tessin und wurde speziell für die Kunst des Schweizer Bildhauers Hans Josephsohn konzipiert. Karin Bürki / HEARTBRUT

Beton habe das Talent als Projektionsfläche für Zukunftsängste, Angst vor Urbanisierung und Überfremdung herzuhalten, sagt Karin Bürki. Sie will darum mit «Heartbrut» eine neue Perspektive auf die in Beton gegossene Schweizer Baukultur richten. «Es ist an der Zeit, Frieden mit dem Beton zu schliessen.»

Klimasünder

Dass das Material ein Klimasünder sei, «schleckt aber keine Geiss weg», das weiss auch sie. Die Beton- und Zementindustrie verursacht mit 6 bis 8 Prozent weltweit mehr als doppelt so viel Emissionen wie der Flugverkehr.

Ein Gebäude aus Beton mit bunten Loggien steht umringt von Bäumen.
Legende: Wohnen zwischen Betonmauern: Im Kanton Fribourg steht das Terrassenhaus «Flamatt I». Es gilt als Meisterwerk des preiswerten Wohnungsbaus auf hohem Niveau. Karin Bürki / HEARTBRUT

Auch wenn an Lösungen geforscht wird: Beton in seiner heutigen Form bleibt der meistverbrauchte Baustoff in der Schweiz. So schnell werden wir ihn nicht los. Ihn einfach abzulehnen, ist wohl zu kurz gedacht. Beton ist nicht schwarz oder weiss, sondern grau. Wie vielfältig dieses Grau sein kann, zeigen Karin Bürkis Bilder.

Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 18.2.2022, 9:03 Uhr

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