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Die Selbstdarstellung dreier Schweizer Städte
Aus Kultur-Aktualität vom 31.08.2020.
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Buch über Stadtentwicklung Wie Postkarten Stadtbilder prägten

Ein neues Buch zeigt, wie sich Schweizer Städte im 19. Jahrhundert selbst darstellten – und wie das ihr Aussehen beeinflusste.

Winterthur als Industriestadt, Luzern als Tourismusstadt und Bern als Verwaltungsstadt: Die Schweizer Historikerin Laura Fasol hat für ihr Buch «Stadtgestalt und Stadtgesellschaft» ganz unterschiedliche Stadttypen unter die Lupe genommen.

Dabei hat sie sich weniger auf die Stadtgeschichte konzentriert. Sondern vor allem darauf, wie diese Städte sich selber dargestellt haben: auf Postkarten, Fremdenblättern, Festschriften, in Reiseführern, Zeitungsartikeln und Vereinsprotokollen.

Die Selbstdarstellung und ihre Effekte

Die Historikerin ging aber noch weiter: «Ich habe auch untersucht, wie diese Selbstdarstellung den Städtebau beeinflusst hat. Was also die ganz konkreten Auswirkungen dieser Selbstdarstellung sind.»

Buchhinweis

Laura Fasol: Stadtgestalt und Stadtgesellschaft. Chronos Verlag, 2020.

Luzern: Die Inszenierungskünstlerin

Historische Postkarte mit dem Vierwaldstättersee
Legende: Luzern im Mondschein. Postkarte, unversandt, vor 1905. Verlag Heinrich Schlumpf Winterthur. Privatbesitz.

Luzern zum Beispiel hatte viele Besucher aus dem Ausland. Zunächst aber nicht, weil sie die Stadt so schön fanden. «Die Touristinnen und Touristen kamen nicht primär wegen der Stadt nach Luzern, sondern wegen Rigi, Pilatus oder dem See», so Laura Fasol.

Also inszenierte Luzern diese Natur auf Postkarten – und passte sich mit der Zeit dem Bild der Touristen an.

So wurde etwa die alte Hofbrücke abgerissen, die über einen Sumpf führte. Ersetzt wurde sie durch die Seepromenade und die Grandhotels, die heute das Stadtbild Luzerns so markant prägen.

Noch deutlicher wird die Anpassung der Stadt an das von aussen gelieferte Fremdbild im Falle der Kapellenbrücke. Um die stritt man sich in Luzern nämlich im 19. Jahrhundert: Abreissen oder nicht abreissen, war dabei die Frage.

«In einem Zeitungsartikel wurde die Kapellenbrücke als alter, schwarzer Holzkasten bezeichnet, der die Aussicht wegnehmen würde», erzählt Laura Fasol.

Doch eine englische Touristengruppe aus Manchester schickte eine Petition nach Luzern und bat darum, die Brücke stehen zu lassen. Das tat die Stadt dann auch.

Winterthur: Die Fortschrittliche

Rauchende Kamine und Industrie im historischen Winterthur
Legende: Gesamtansicht Winterthur. Postkarte, versandt 1911. Chronos Verlag / Winbib.

Ganz anders die Stadt Winterthur. Sie setzte in ihrer Selbstdarstellung nicht auf Natur und Reisebeschreibungen, sondern auf Festschriften und Stadtführer. Darin stellte sie vor allem den Fleiss und den Fortschritt in den Vordergrund.

So erlaubte sie es der Maschinenindustrie, sich mitten in der Stadt anzusiedeln und präsentierte stolz als saubere Zukunftsvision, was andere als Horror zu verstecken suchten: rauchende Kamine und zahllose Arbeiterhäuser.

«Im Falle von Winterthur war diese Selbstdarstellung sehr stark nach innen gerichtet. Sie richtete sich an die eigenen Bürgerinnen und Bürger und nicht primär an ausländische Touristinnen und Touristen.» Den Winterthurern sei ohnehin klar gewesen, dass es davon in ihrer Stadt zu wenige gab, so Laura Fasol.

Bern: Die Gründliche

Ausschnitt einer alten Zeitung
Legende: Titelbild des Bernischen Fremdenblattes, 3. Mai 1902. Schweizerische Nationalbibliothek Zf 241.

Am uneindeutigsten bei der Selbstdarstellung zeigt sich Bern: Gerade frisch entlassen aus dem Ancien Régime und zur Haupstadt der Bundestadt der Schweiz erkoren, war die Richtung unklar: Soll man auf Bauernstadt setzen? Auf Marktzentrum?

Klar war: Als Industriestadt konnte man sich nicht zeigen. Die Stadt verbot – im Gegensatz zu Winterthur – nämlich jegliche Industrie in der Stadt. Aber was dann? Als Hauptstadt?

Davon zeugen immerhin die zahlreichen Repräsentationsbauten. Und doch: Als Weltstadt wollte man sich auch nicht verstanden wissen. Man setzte eher auf die legendäre Langsamkeit, die man in Bern nicht als Spott, sondern als Charaktereigenschaft auffasste und bis heute vor allem in Verbindung mit Gründlichkeit bringt.

Identitäten sind Konstruktionen

«Es ist die Imagination, die die Realität so, wie sie ist, produziert», beschreibt es Laura Fasol in ihrem Buch.

Das trifft hervorragend, was die Autorin in ihrem Buch sehr fundiert zeigt: Identitäten – auch die einer Stadt – sind Konstruktionen mit mehr oder weniger klar ersichtlichen Zielen.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktualität, 31.08.2020, 17:20 Uhr.

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